Ingo Baltes konnte sich mit diesem Beitrag im "Provinziale"-Wettbewerb des zehnten Eberswalder Filmfestes gegen sieben Mitbewerber durchsetzen. Mit der Preisverleihung und einem Konzert ging das achttägige Festival am Sonnabend zu Ende.
Unter den konkurrierenden Streifen waren mit "Mama Illegal" und "Life in Paradise" gleich zwei, die von Wirtschaftsflucht und Abschiebung handeln. Einen weiteren Schwerpunkt bildete der Strukturwandel im ländlichen Raum. Fast alle Beiträge sind emotionale Porträts von Menschen, die vor berückend schönen Landschaftsaufnahmen ihre Eigenständigkeit behaupten.
Nicht so der Streifen, für den die Jury, bestehend aus dem Filmemacher Holger Lauinger, der Journalistin Imma Harms und der Vorjahressiegerin Miriam Fassbender, letztlich votierte. Ingo Baltes begleitet in "Conversations in Milton Keynes" Einwohner der Stadt und versucht zu verstehen, wie ein Leben in dieser künstlichen Stadt möglich ist. Dabei bleibt eine Distanz spürbar. "Ich wollte als Filmemacher im öffentlichen Raum bleiben", erklärt Baltes im Anschluss an die Preisverleihung. Und er zeigt mit seinen trostlosen MiniDV-Bildern im 4:3-Format: Abseits der Straßen, der Beton-Wüstenei und domestizierten Parks gibt es eigentlich gar keinen öffentlichen Raum mehr.
Ingo Baltes ist in Singen nahe dem Bodensee aufgewachsen, lebt aber seit 17 Jahren in Brüssel, wo er als Fernsehjournalist arbeitet. Für "Conversations in Milton Keynes" hat er sich viele Retortenstädte angeschaut; mit seiner Kamera ist er auch in Eisenhüttenstadt gewesen. Während der Dreharbeiten habe er aber gemerkt, dass Milton Keynes ein Langfilm-Thema für sich sei.
Geplant wurde Milton Keynes einst ebenfalls als eine Art sozialistische Utopie: "Wir haben in den 60ern geglaubt, dass die Welt immer besser werden würde", sagt einer der beteiligten Architekten heute. Eine Stadt, die strikt nach Effizienzkriterien angelegt wurde. Fußgängerwege sind von Straßen abgekoppelt, die Grünflächen von den Einkaufszentren. Und nach Ladenschluss wird das Licht ausgeknipst. Denn das Herzstück dieses städtebaulichen Ungetüms bildet ein Einkaufszentrum, zwei Kilometer lang, ein Schachbrettmuster aus Straßen und Querstraßen. Ein Nicht-Ort, wie ihn der französische Anthropologe Marc Augé beschrieben hat.
Zum Abschluss der Reihe äußerten die Veranstalter vom Verein SEHquenz sich zufrieden über den Verlauf der achttägigen Leistungsschau mit vielen internationalen Filmgästen. Mit rund 2000 Besuchern wurde wieder das Niveau der Vorjahre erreicht. Insbesondere die Angebote, die in diesem Jahr neu worden sind, wären vom Publikum begeistert aufgenommen worden, resümiert Festivalleiter Kenneth Anders. Das betrifft zum Beispiel das "Heimatfenster", einen offenen Bereich, in dem ganztägig Filme von Filmemachern aus der Region und über die Region gezeigt worden sind.
Gut möglich allerdings, dass der Programmbeirat sich vor dem elften Festival noch einmal grundsätzliche Gedanken zur Animationsfilm-Sparte macht. Die steckt in einer Zwickmühle: Zum einen ist die Zahl der Einsendungen nicht so hoch, dass das kleine Festival es sich leisten könnte, eine ähnlich strenge thematische Vorgabe wie im Hauptwettbewerb "Provinziale" durchzusetzen. Zum anderen sind die Beiträge als Konsequenz daraus so unterschiedlich, dass sich ein Vergleich verbietet. "Der Wettbewerb entwickelt sich nicht", beobachtet Kenneth Anders. In anderen Sparten wie der Kurz-Dokumentation sei hingegen eine eigene Handschrift des Festivals erkennbar.
Dokumentarfilm lang - Provinziale: "Conversations in Milton Keynes", Regie Ingo Baltes, Belgien, 2011 (4000 Euro)
Kurzspielfilm: "Anna et Jérôme", Regie Mélanie Delloye, Frankreich 2012 (2000 Euro)
Publikumspreis Dokumentarfilm über 45 Minuten: "Sound of Heimat", Regie Arne Birkenstock und Jan Tengeler, Deutschland 2013 (1000 Euro)
Publikumspreis Dokumentarfilm bis 45 Minuten: "Drauliany Narod - Wooden People", Regie Victor Asliuk, Deutschland 2012 (1000 Euro)
Publikumspreis Kurzspielfilm: "Great", R. Andreas Henn, Deutschland 2013 (1000 Euro)
Publikumspreis Animationsfilm: "Head over Heels", Regie Timothy Reckart, Großbritannien 2012 (1000 Euro)