Jedenfalls sorgt Ingmar Stadelmann mit seinen Moderationen und kabarettistischen Beiträgen, mit Fernsehsendungen und Podcastbeiträgen immer wieder für Gesprächsstoff. Ob das nun das Corona-Krisenmanagement oder der Ballermann ist, das 5G-Mobilfunknetz oder Aluhutträger, der NSU 2.0 oder die Neue Rechte im Allgemeinen – seine Kommentare sind gut informiert und aktuell, sie spielen mit der Höhe der Gürtellinie und zeigen Spontaneität.
Im Oktober vergangenen Jahres hat Ingmar Stadelmann die Moderation der rbb-"Abendshow" von Britta Steffenhagen und Marco Seiffert übernommen. Dieses Format, ausgestrahlt einmal pro Woche, hatte der Sender 2017 aus der Taufe gehoben, um wieder mehr beim jüngeren Publikum zu punkten. Doch der Erfolg blieb überschaubar. Also wurde der 39-jährige Stadelmann verpflichtet – ein überaus erfolgreicher Vertreter der jüngeren Generation von Comedians.

Mehr Satire und Comedy

Schnell ist nach Stadelmanns Antritt im zurückliegenden Oktober erkennbar geworden, wo der rbb mit seinem neuen Moderator hin wollte – mehr echte Satire und Comedy, um nicht das als altbacken verrufene Wort Kabarett zu verwenden, weniger Magazin und Journal. "Nicht Fisch, nicht Fleisch" sei die "Abendshow" zuvor gewesen, urteilt Stadelmann heute. Und tatsächlich waren schon die ersten Folgen mit dem neuen "Abendshow"-Gesicht kaum mehr das alte Zwitterwesen, sondern entschiedener satirisch und bissig.
Nach dem ersten Winterhalbjahr und einer Corona-bedingt langen Pause geht es mit verändertem Konzept weiter. Ingmar Stadelmann hat sich vom Sender das Einverständnis geben lassen, die Sendung in vielen Details nach seinem Gusto umzubauen. Das Studio zum Beispiel ist neu – die Folgen finden jetzt in der neuen Dachlounge im rbb-Sitz in der Masurenallee statt. Die Sendedauer schrumpft; das Format wird von 45 Minuten auf eine halbe Stunde verdichtet.
Der Moderator hat zudem schon für die ersten Sendungen im vergangenen Herbst sein eigenes Team in die Partnerschaft eingebracht. Den Österreicher Robert Wilde als Redaktionsleiter zum Beispiel. "Er war der Eisbrecher!", sagt Stadelmann. "Das musste erst alles zusammenwachsen." Inzwischen leitet Jan Hendrik Becker das Team. Nach einigen Monaten habe sich inzwischen eine gute Chemie entwickelt.
Welche Themen sind zu erwarten? Die "Abendshow" werde "so politisch, wie die Zeiten sind", verrät Ingmar Stadelmann. Und die sind nun einmal sehr politisch; selten im erfreulichen Sinne. Durch sein mit Idil Baydar (45) betriebenes Podcast "IIS – Die Idil und Ingmar Show" ist er zum Beispiel ganz nah dran an dem Skandal um Polizei-Leaks und rechtsextremistische Drohungen gegen Politiker und Kunstschaffende. Die deutsch-türkische Kabarettistin und Schauspielerin aus Niedersachsen gehört ja zu den Adressaten der Morddrohungen, die auf eine undichte Stelle in Computern der hessischen Polizei zurückgehen. Der in Berlin lebende Stadelmann sieht seinen Berufsstand angesichts solcher Bedrohungen, die monatelang von den etablierten Medien unbemerkt und von den politischen Entscheidern unbeachtet geblieben sind, in der Pflicht: "Inzwischen ist die Frage eher: Was muss Satire, und nicht, was darf Satire."
Debatten und Aufreger gibt es also genug; die Themen-Agenda schreibt ihm oft das nachrichtliche Geschehen. Und das, was eben gerade nicht immer sogleich den Weg an die ganz große Öffentlichkeit findet. Twitter, sagt er, sei am Morgen sein erster Kanal. Das führe ihn dann zu Artikeln in unterschiedlichsten Zeitungen. Und natürlich gibt es im Hintergrund eine Reihe an Redakteuren und Kreativkräften, die ihm zuarbeiten. "Wenn wir etwas haben, dann ist es journalistische Kompetenz", sagt der Comedian, der seine eigene Aufgabe in dieser Rollenverteilung vor allem im Bereich des Entertainments sieht. "Wir sind ja öffentlich-rechtlich, also gibt es diese Schreiberlinge." Allerdings gelte: "Alles Geschriebene ist Vorschlag." Wer mit Stadelmann arbeitet, muss wissen, dass es live vor der Kamera auch ganz anders kommen kann als geplant.
Denn live muss es sein – ein absolutes Muss für ihn. Was auch immer ein Stand-up Comedian zu Stande bringe, es "kann nur an diesem Ort und mit diesem Publikum entstehen". Sein Medium bleibt das gesprochene Wort, die direkte Ansprache des Publikums. "Wie ein guter Chirurg" versuche er dabei, für jeden Einzelfall das "richtige Werkzeug" zu finden. "Manchmal ist das eben ein Skalpell, und manchmal auch nur eine Salbe." Natürlich soll all das immer einen Bezug zu den beiden Bundesländern haben, die der rbb zu versorgen hat, also Berlin und Brandenburg. Sehr oft sind es zwar die ganz großen Themen, die auch in anderen Teilen Deutschlands oder der Welt diskutiert werden, nur eben heruntergebrochen auf die Verhältnisse zwischen Elbe, Havel, Spree und Oder. "Wir versuchen, im Kleinen das Große zu finden", sagt Stadelmann.
Auch eine schlechte Tagesform kommt vor. Die Sendung muss trotzdem laufen, irgendwie. Stadelmann vergleicht solche Momente mit der Situation von Profisportlern, die auf Knopfdruck funktionieren müssen, auch wenn es ihnen gerade nicht gut geht. "Das fällt mir relativ leicht", sagt der Dampfplauderer, dem offenkundig auch im Telefoninterview zu jedem Stichwort mindestens zwei, drei Assoziationsketten, also mehrere mögliche Gesprächsverläufe einfallen.
Und wenn gar nichts mehr geht, dann mache er es "wie Lothar Matthäus: Manchmal verteile ich nur die Bälle". Publikum und Studiogäste sind Teil des kreativen Geschehens, ganz automatisch. So hat er es auf vielen kleinen Comedy-Bühnen im Land gelernt und zur Kunstform verfeinert. Ingmar Stadelmann verkörpert einen Typus von Entertainer, der auf den schnellen, oft gnadenlosen Nachwuchs-Comedy-Bühnen groß geworden ist, auf denen zielsichere Pointen im Zehnsekundentakt abgefeuert werden müssen, um das Publikum nicht zu langweilen.
Als gute Schule hat Stadelmann seine Zeit im Scheinbar Varieté Theater in Berlin-Schöneberg in Erinnerung. Dort sei das Publikum immer besonders kritisch gewesen. "Da konnte man über jede Pointe glücklich sein, die zündet." Seither haben sich die Themen gewandelt, über die er auf der Bühne oder vor der Kamera und dem Mikrofon vom Leder zieht. Inzwischen sieht er sich nicht mehr in erster Linie als reiner Comedian, sondern mehr als "satirischer Chronist". Stadelmann steht außerdem für einen Typus, der ganz selbstverständlich die Möglichkeiten der digitalen Welt nutzt, der seine halbfertigen Gedanken in Podcasts ausprobiert und seine Öffentlichkeitswirksamkeit wie ein Tagebuchschreiber nutzt. Die Coronakrise gab nicht nur ihm eine besondere Gelegenheit dazu. Wochenlang zu Hause auf dem Sofa sitzen – auch diese besondere Situation hat er kreativ ausgewertet und kurzerhand das Format "Stubenhocker.tv" initiiert.
Mit einem "Frührentnerdasein" vergleicht er im Übrigen die Zeit des Lockdowns. Zur Untätigkeit verdammt habe er sich eine Zeitlang gefühlt, weil seine geplante Tournee just am 15. März beginnen sollte – und somit zu den ersten abgesagten Projekten im Lockdown gehörte. Und dann? "Sitzt man tatenlos auf dem Balkon und guckt, wer da auf dem Rasen liegt oder warum es um 22 Uhr noch so laut sein muss." So kommt er am Telefon ins Plaudern, und es wirkt ganz, als schriebe er in Gedanken schon wieder an einem neuen Satire-Beitrag. Die spießigen Gewohnheiten mitteljunger Berufstätiger aus den hippen Großstadtvierteln – wenn das mal nicht ein Thema für die "Abendshow" ist ...
"Abendshow": ab 28. August, immer freitags, 22 Uhr, Info: www.rbb-online.de

Zur Person


Geboren wurde Ingmar Stadelmann 1980 in Salzwedel (Sachsen-Anhalt). 2014 wurde er mit dem "Deutschen Comedypreis" als "Bester Newcomer" gewürdigt und siegte beim "RTL Comedy-Grand-Prix". 2015 gewann er beim "Großen Kleinkunstfestival der Wühlmäuse" (rbb) den Jury- und den Publikumspreis. Für den rbb moderiert er auch bei dem Radiosender "Fritz". Er hatte mehrere Auftritte in der in Köln produzierten Comedaysendung "NightWash", die einst auf One und seit 2019 auf Sat.1 ausgestrahlt wird.

Im Juni 2019 startete Stadelmann gemeinsam mit der Kabarettistin Idil Baydar den Podcast "IIS – Die Idil und Ingmar Show". Sein aktuelles Bühnenprogramm "Verschissmus" sollte in diesem Frühjahr im Rahmen einer großen Tournee präsentiert werden, die jedoch vorerst wegen der Corona-Pandemie abgesagt werden musste. Inzwischen sind erste Nachholtermine angekündigt. bkr