Tanya Erartsin, haben Sie noch Erinnerungen an ihre Grundschulzeit in Berlin? Gab es ein prägendes Erlebnis?
Ja, viele Sogar. Ich erinnere mich besonders an David J. in den ich seit der 1. Klasse verliebt war. Erst in der 6. Klasse hat er mich wahrgenommen und fragte mich, ich mit ihm gehen will. Und an die Prügeleien kann ich mich noch erinnern. Ich habe mich immer mit den Jungs angelegt, oder auch andersrum. Jedenfalls kam ich entweder mit zerrissenen Klamotten, Kaputter Brille, oder gebrochenem Zahn zu Hause an.
Wie befremdlich empfanden Sie diese, wenn auch teilweise überzeichnete, Realität der Grundschule in "Die Läusemutter"?
Überhaupt nicht. Ich habe auch eine fünfjährige Tochter. Die geht zwar noch nicht zur Schule, aber in der Kita laufen die Dinge genauso ab, wie an der Glücksbaumschule in der Serie. Zwar etwas gelassener und cooler, weil es keine Kita mit Elterninitiative ist (Gott sei Dank!), aber trotzdem gibt hier auch schon sehr viele Parallelen.
Sie spielen Mel, deren Großeltern aus der Türkei nach Deutschland eingewandert sind. In der Figur sind türkische Tradition und deutsche Gegenwart dermaßen verschmolzen, sodass Klischees aufblitzen und dann wieder gebrochen werden. Was hat Sie an dieser Rolle gereizt?
Ich fand Mel von Anfang an super cool! Eine Deutsche mit türkischer Geschichte, ohne großartige Klischees. Sie bildet mit Ihrer besten Freundin Kim "Die Muttermafia". Wie geil ist das denn bitte. Ich hätte sie deswegen gerne etwas härter und kesser gespielt, aber Ab bestand darauf, dass Mel immer sympathisch bleibt und am Ende nur aus Sorge und Liebe ihrem Kind gegenüber in diese Ärgernisse gerät. Er hat immer gesagt, Mel ist noch deutscher als alle anderen Deutschen. Und das fand ich so besonders toll, eben keine Klischeetürkin spielen zu müssen.
Wie stehen Sie gegenüber Rollenangeboten, bei denen Sie ihren ethnischen Hintergrund sozusagen mitspielen?
Im Grunde sind Figuren Wahrheiten aus dem Leben, die gespielt und erzählt werden müssen oder wollen. Und da ich ursprünglich aus dem Theater komme, durfte ich schon sehr viele verschiedene Rollen spielen, ohne den Vermerk meines kulturellen Hintergrundes. Aber leider ist es im Deutschen Fernsehen immer noch so verbreitet, dass Menschen meinesgleichen meistens nur Anfragen für Rollen erhalten, die mit kulturellen oder religiösen Themen sehr stark belastet sind. Ich habe in der letzten Zeit einige Anfragen bekommen, wo es keine Rolle gespielt hat wer meine Eltern sind oder wie viele Brüder ich habe. Es ging lediglich um den Menschen, ihren Konflikt Innerhalb ihrer Arbeitswelt, ohne verweis auf einen Hintergrund.
In einer Szene regt sich Mel darüber auf, dass der Direktor anstatt des Krippenspiels ein "König-Winter" Spiel aufführen will. Für sie scheint das eine Ausgeburt des deutschen Bemühens, antirassistisch und multikulturell zu sein und der Verleugnung eigener Traditionen. Würden Sie Mel zustimmen?
Also für Mel es nicht eine Ausgeburt des deutschen Bemühens, antirassistisch und multikulturell zu sein. Soweit hat sie noch gar nicht gedacht glaube ich. Ihr geht es in erster Linie nur darum, die türkische Tradition zu retten und zu beschützen. Denn laut Mel kommt der Nikolaus aus der Türkei. Da darf kein Deutscher daherkommen und dieses Fest ohne ihr Zugeständnis verändern. Ich persönlich denke, dass es wichtig ist Menschen auf Augenhöhe und authentisch zu begegnen. Da wir gerade in kritischen Zeiten leben, ist ein antirassistisches und multikulturelles Bemühen sehr von Bedeutung. Aber man sollte dennoch cool bleiben und sich nicht unnötig verrenken. Einfach mal Begegnen.
Wie wichtig ist Humor, gerade wenn es um heikle Themen geht?
Humor wirkt entkrampfend und ist ein taugliches Mittel, um die Spannung zu lösen. Sie schafft eine emotionale Distanz zu Problemen und kann Konflikte entschärfen. Daher ist ist sie sehr wichtig.
Wo hört bei Ihnen der Spaß auf?
Bei meiner Familie, da verstehe ich kein Spaß. Das ist einfach nicht mein Humor.
Was zeichnet für Sie den Humor von "Die Läusemutter" aus?
Es ist ein holländischer Humor. Mutig, klug, ehrlich und situativ.
"Die Läusemutter": Sat.1, immer freitags, 21.15 Uhr, in Doppelfolgen