Die beiden sind seit 20 Jahren verheiratet. Und Pierre wartet seit einer Viertelstunde darauf, dass seine Frau endlich fertig wird. Doch die beschließt im letzten Moment, dass sie keine Lust mehr auf das Abendessen hat, sondern viel lieber mit ihrem Mann sprechen will. Worüber? Über sich, die Kinder und ihre Beziehung. Damit ist in dem Stück "Anderthalb Stunden" der Rahmen für ein abendfüllendes Programm gesetzt. Sowohl für Pierre als auch das Publikum in der Berliner Komödie am Kurfürstendamm.
Die drei Kinder sind erwachsen und haben ihr eigenes Leben. Laurence ist gerade Oma geworden. Pierre steht vor dem Eintritt ins Rentnerdasein. Das Leben könnte so schön sein, wäre da nicht plötzlich diese Leere. Was kommt nun? Und da ist sie wieder, die Frage nach dem: Was wäre gewesen, wenn ...?
Der Mensch trifft Entscheidungen. In diesem Fall hat Laurence Pierre geheiratet und gewartet. Sie hat gewartet, dass ihr Mann erfolgreich im Beruf wird, dass die Wohnung eingerichtet ist, dass die Kinder in die Schule kommen, dass sie erwachsen werden, einen Beruf erlernen und erfolgreich ihr Leben meistern. Und jetzt? Diese Fragen hat Autor Gérald Sibleyras zusammengefasst und daraus einen unterhaltsamen Abend mit viel Raum zum Lachen, aber auch zum Nachdenken geschaffen.
Die Dialoge in der deutschen Übersetzung von Dorothea Renckhoff und Fedora Wesseler sind spritzig. Laurence: "Kommen wir zu spät?" Pierre: "Mit Sicherheit." Laurence: "Da habe ich ja noch Zeit." Oder Pierre: "Ich habe keine Kraft mehr für einen Smalltalk." Laurence: "Das ist kein Problem, ich spreche für zwei." Dabei ist die von Herrmann eingesetzte Mimik und Gestik immer ein Garant dafür, dass sogar ohne Worte viel gesagt werden kann.
Als Regisseur (unterstützt von Bettina Heeser) setzt Herbert Herrmann auf schnelle Themenwechsel und Wortgefechte, unterstützt durch Kissenwurf- und Tanzeinlagen, die zu Recht mit einem Szenenapplaus belohnt werden. Die in Weiß gehaltene Bühne von Anja Wegener bringt sowohl die Lebenseleganz des wohlsituierten Paares als auch die festgefahrene Leere, in der sich die Beziehung festzufahren droht, zum Ausdruck.
Denn es geht nicht nur um das brillante Spiel, sondern auch um den Inhalt: Können der Bridge-Klub und die Kaffeekränzchen mit den Freundinnen oder die Leidenschaft zur Malerei die Leere in Laurence' Leben füllen? Vielleicht hätte sie ja doch nicht zugunsten ihres Mannes und der Kinder wegen auf die eigene Karriere verzichten sollen? Und was ist mit Pierre? Hat der nicht ebenso in einem selbst gebauten Käfig aus von der Ehefrau liebevoll arrangierten und wohl platzierten Untersetzern für die Weingläser gesessen? Es fällt ihm schwer, der Aufforderung von Laurence zu folgen, das Glas einfach auf den Boden zu werfen.
So ist es, das wohlbehütete Leben, für das sich Laurence und Pierre entschieden haben. Und sie stellen fest, dass es so schlecht gar nicht war. Denn es ist nicht vorbei, wenn die Kinder aus dem Haus sind und das Rentendasein bevorsteht. Es ist nur ein neuer Abschnitt. Wichtig ist nicht, die Antwort auf die Frage zu suchen: Was wäre gewesen, wenn ...? Viel wichtiger ist die Antwort auf die Frage zu finden: Was kommt nun?
Genau darum dreht sich dieses Stück, und wenn Gérald Sibleyras darauf auch keine Antwort parat hält, so gibt er doch die Richtung vor: Nur im Gespräch ist diese Antwort zu finden, und weil das auch Pierre am Ende kapiert, geht es nun endlich zum Abendessen. Wenn auch anderthalb Stunden zu spät.
Vorstellungen bis 16.11., Komödie am Kurfürstendamm 206/209, Berlin-Charlottenburg, Kartentelefon: 030 88591188