Dass das 70 Jahre alte Stück tagesaktuell in unsere Gesellschaft passt, beweisen die Uckermärkischen Bühnen Schwedt mit ihrer neuesten Inszenierung. In der Regie von Schauspieldirektor Olaf Hilliger hatte "Endstation Sehnsucht" am Freitagabend Premiere. Sie wurde von stehendem Applaus gekrönt.
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An der Endstation einer Bushaltestelle mit dem Namen Sehnsucht steigt die verwöhnte Blanche aus. Sie entstammt altem Südstaatenadel, hat jedoch Haus und Hof verloren. Adrett bis in die letzte Petticoat-Rüsche landet sie in der Vorstadtsiedlung, wo ihre Schwester Stella wohnt. In deren beengter Wohnung will sie zur Ruhe kommen. Doch die kapriziöse Blanche platzt in den Ehealltag von Stella und ihrem Mann Stanley. Fassungslos stellt sie fest: "Du bist mit einem Irren verheiratet. Dir geht's noch viel dreckiger als mir." Stella indes hat andere Maßstäbe. Obwohl Stanley (bedrohlich gut Daniel Heinz) grob und animalisch ist, liebt Stella ihn. Bei Stanley und Blanche jedoch prallen zwei Welten aufeinander. Stella ist, im Gegensatz zu ihrer in Alkohol, Lügen und Traumwelten abdriftenden Schwester, die Geerdete. "Lass es doch einfach mal so laufen" rät sie der nervösen Blanche. Die sortiert zitternd ihre Kleider: "Zarte Naturen müssen glitzern und leuchten - wie ein Schmetterling."
Die Schwedter Inszenierung nimmt sich Zeit, all die Facetten zwischen Liebe und Lebensgier, Verlangen und Verletzen zu erzählen. Doch erst im Teil nach der Pause fallen alle Mosaiksteine an ihren Platz. Wie in einer rasanten Talfahrt spitzen sich die Ereignisse zu - der Schmetterling, der sich nirgendwo mehr aufgehoben weiß, zerbricht.
Im vergangenen Sommer hat die Schauspielerin Saskia Dreyer das Theater Schwedt verlassen, um eigene Ziele zu verfolgen. Regisseur Olaf Hilliger hat sie jetzt wieder zurückgeholt und für ein halbes Jahr verpflichtet. Eine gute Entscheidung, denn Saskia Dreyer verkörpert Blanche bis in jede Körperfaser. Ihrer Blanche beim Absturz zusehen zu müssen, schmerzt.
Überhaupt wird die Premiere zum großen Abend für die weiblichen Rollen. Sabrina Pankrath, erst seit wenigen Monaten Ensemblemitglied in Schwedt, gibt eine unbeschwerte Stella, mit der man Pferde stehlen könnte. Doch Stella reibt sich zwischen der Liebe zu ihrer Schwester und zu ihrem Mann auf.
Olaf Hilliger und seinem Ensemble gelingen immer wieder berührende Bilder. Etwa wenn die Schwestern sich Brautkleider überstreifen und versonnen miteinander tanzen. Sie lassen Innigkeit und Unschuld aufleuchten in einer Phase, wo der Zuschauer die Ausweglosigkeit für Blanche und Stella ahnt. Schauspieler Manuel Heuser schlägt leise Bluesakkorde auf dem Piano an, die die einzelnen Handlungsstränge vertiefen. Videoprojektionen auf der Bühnenwand begleiten manche Szenen. Dieser Technik hätte es aber nicht unbedingt bedurft. Die Stärke der Schauspieler trägt das ganze Stück.
Ein bewegender Theaterabend, der sich in den Gedanken festhakt.
Nächste Aufführungen 23. März, 10 Uhr, und 25. März, 19.30 Uhr. Kartentelefon: 03332 538111.
Fangen von Liebesbriefen: Saskia Dreyer als Blanche und Daniel Heinz als Stanley in "Endstation Sehnsucht."Foto: MOZ/Oliver Voigt
Den Uckermärkischen Bühnen Schwedt gelingt mit "Endstation Sehnsucht" ein bewegender Theaterabend
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