Hauptperson ist ein Oberst der militärischen Spionageabwehr. Die seelischen Wunden, die ihm Verrat, Folter und eigenes Denunziantentum beigefügt haben, wirken bis in seinen Ruhestand nach. In seiner Wohnung sperrt er Kommode und Kühlschrank mit Vorhängeschlössern zu. Er traut niemandem. Ein schönes Bild haben Regisseurin Sonja Hilberger und ihr Team da gefunden.
Parallelen zur Stasi-Zeit
Mit "Nürnberg" macht Intendant André Nicke ein Versprechen wahr. Lange vor seinem Amtsantritt im August hatte er gesagt, er wolle in Schwedt mehr Theaterautoren aus Osteuropa auf die Bühne bringen. Die Schwedter Theaterleute haben ihre Lage an der Grenze schon immer als Chance gesehen. Das Stück von Wojciech Tomczyk steht am Anfang einer Reihe, die neugierig macht. Sonja Hilberger ist als Gast mit der Regie von "Nürnberg" beauftragt worden. Sie war schon zu Beginn sicher: "Beim Lesen des Stückes habe ich gedacht: Es ist eine großartige Entscheidung, das in Schwedt auf die Bühne zu bringen."
Zugegeben, die Geschichte ist etwas vertrackt, obwohl sie nur von drei Darstellern gespielt wird. Aber sie lässt einen nicht los. Das Publikum sitzt durch die ungewöhnliche Ausstattung von Anke Fischer, die die Zuschauerreihen beiderseits der Bühne gruppiert, quasi mitten im Wohnzimmer des Obersts. Diese Nähe macht etwas mit den Zuschauern und verdichtet die psychologische Spannung.
Der Oberst hat eine junge Journalistin zu Gast, Hanka. Er will sie überreden, dass sie ihn anzeigt wegen seiner Verbrechen zu Sozialismuszeiten. Er bedauert das Ausspionieren, das manchem Freund den Tod gebracht hat. Auch Hankas Vater, als sie ein Kind war. Der Oberst will nun sein eigenes Nürnberg, einen Prozess, der ihn hinter Gitter bringt – und, sollte er sterben, kein verlogenes Staatsbegräbnis. Es ist dem Spiel von Sebastian Reusse zu verdanken, das man den Oberst verabscheut, aber auch verstehen kann. Dabei schikaniert er Hanka, nein, er manipuliert sie. Schließlich kann sie gar nicht anders, als für neue Interviews wiederzukommen und eine Anklage zu schreiben, obwohl sie ihn hasst. Denn der Oberst war es, der unerkannt in ihr Leben eingegriffen hat – in eine bestandene Prüfung, die Scheidung …
Das Stück geht ohne Pause fast zwei Stunden durch. Es verlangt in seiner Dichte Konzentration vom Zuschauer und erst recht vom Schauspieler. Adele Schlichter ist neu im Schwedter Schauspielensemble. Ihr hat man die Rolle der Hanka zugetraut. Während sie über viele Szenen sehr verhalten spielt, geht sie in der zweiten Hälfte aus sich heraus und traut sich was. Endlich.
Würdevolle Tragik
Ganz anders Ines Venus Heinrich. Sie hat als Frau des Obersts nur in den letzten Minuten ihren Auftritt. Sie spielt diese Frau so würdevoll, naiv und verklärt – in diesen wenigen Minuten zeigt sich all ihre Theatererfahrung. In der Anbetung ihres gerade gestorbenen Ehemannes liegt eine große Tragik. Bei der Jagd mit alten Kameraden wird er "versehentlich" erschossen und bekommt ein Staatsbegräbnis. Die Geheimdienstler sind wachsam. Parallelen zur Atmosphäre des Denunzierens in der DDR tun sich auf. – Das ist politisches Theater auf hohem Niveau.
Wegen neuer technischer Möglichkeiten läuft "Nürnberg" mit polnischen Übertiteln und stößt schon jetzt in Polen auf Interesse. Die Vorstellung am 2. Oktober ist von polnischen Zuschauern fast komplett aufgekauft worden.
Vorstellungen: 21.9., 4./17.10. und 15.11., jeweils 19.30 Uhr, 26.10., 19 Uhr, sowie 2.10., 10.30 Uhr, Uckermärkische Bühnen, Berliner Str. 46/48, Schwedt, Kartentel. 03332 538111

Netzwerk über die Grenzen hinweg


Via teatri ist ein deutsch-polnisches Theaternetzwerk. Die Uckermärkischen Bühnen Schwedt, die Oper im Schloss Stettin und das Theater Vorpommern Stralsund/Greifswald/Putbus haben es ins Leben gerufen. Dadurch sollen die drei Theater künstlerisch und technisch qualifiziert werden, um mehr Publikum zu gewinnen. Geplant sind gemeinsame Produktionen und Gastspiele mit grenzüberschreitendem Inhalt. Die Modernisierung der Netzwerktheater und die Installation von Multimedia-Bildschirmen mit Übersetzungen tragen dazu bei, die Sprachbarriere zu überwinden. Deutsch-polnische Theatertage finden am 26. und 27. Oktober in Schwedt statt. emw