"Wenn mein Zorn, der fiebernd zittert / Zähmbar wäre ohne Fragen, / Wenn ich, was mich tief verbittert, / Doch mit Würde würd’ ertragen, / Wenn ich sittsam mich bemühte / Froh zu sein an jeder Stätte, / Weiß ich, dass ich deine Güte / Damit aufgegeben hätte..." Das ist ein Text des Songpoeten Hans-Eckardt Wenzel, zu hören auf dessen CD "Widersteh, solang du‘s kannst".
"Widersteh, so lang du‘s kannst!" möchte man in diesen Zeiten auch dem Schauspieler, Musiker, Sänger und Theaterintendanten Thomas Rühmann nach Machern bei Leipzig hinüberrufen. Rühmann mag Wenzels Poesie sehr. Manches davon erklingt in seinen Konzerten. Der gen Himmel gerufene Wunsch ist auch mit Eigennutz behaftet. Die Bühne ist verwaist. Wer weiß,  wann man seinen Liedern wieder nachhängen kann? Seinen Text-Interpretation, deren Tonfall Rühmann stets bis in die letzte Konsequenz durchdenkt und so den mehrdeutigen Sinn der Worte enthüllt? Nicht mitgedachte Zusammenhänge werden allein durch seine Akzentuierung ins Licht geholt. Das beherrscht er brillant. Auch deshalb ist das Sehnen so groß.
"Geburtstage bedeuten mir nicht so viel", wiegelt er ab, "für mich ist er vor allem eine schöne Möglichkeit, die Familie um mich zu haben." An seinen 50. erinnere er sich noch gut. "Ich bekam ein Fotobuch geschenkt. Darin dieses Bild: Meine Mutter hält mich auf dem Arm und wir lachen. Meine Tränen kullerten. Sie starb, als ich sechs war." Zum 60. habe er sich wie in einem französischen Film gefühlt: lange Tafel im Freien, guter Wein, gutes Essen, Gewusel der Kinder. Heute wird es anders. "Ich erlebe gerade, wie es um meine Balance steht. Ich spüre, wie wertvoll es ist, den Tag noch vor sich zu haben und über die Stunden spontan entscheiden zu können. Mein Leben war bis jetzt strukturiert, besetzt von Arbeit, die zweifellos schön ist. Doch wie viel Zeit blieb darin für Muße? Fürs Einfach-mal-Beieinandersitzen mit dem Partner, mit den Kindern?"
Zurzeit dreht Rühmann – "In aller Freundschaft", unter strengen Regeln. "Sicherheitsleute nehmen uns in Empfang, messen Fieber. Dann geht es zum Drehort. Ich mache gerade einen Heiratsantrag – natürlich aus gebührendem Abstand! Keine Umarmung, geschweige denn ein Kuss. Lachen Sie ruhig! Später wird das so bearbeitet, dass sich der Abstand verringert. Filmtechnik! Ich bin froh über die Abwechslung und ich bekomme Gage. Mein Freund lebt von Hartz IV. Andere haben gar nichts, nicht nur in unserer Branche…"
Natürlich rumort es in Rühmann. "Was macht das alles mit mir? Ich habe nicht gezählt, wie viele Konzerte ich jetzt nicht spielen kann. Was passiert mit den Emotionen, die deshalb nicht abgerufen werden? Was mit der Energie, die nicht verbraucht wird – die Aufregung, bevor sich der Vorhang hebt, das Loslegen auf der Bühne, das völlige Durchgeschwitztsein am Ende? Was macht das mit einem, der sein Handwerk gelernt hat, es aber nicht zeigen kann?"
Wie geht es weiter mit dem Theater am Rand in Zollbrücke, das Rühmann gemeinsam mit dem Musiker Tobias Morgenstern seit 22 Jahren leitet? "Wir sind so froh und gerührt, dass wir ein Publikum haben, das unser Dasein mit Spenden zunächst bis Ende Mai gesichert hat." Vielleicht gehe es, mit Unterstützung des Landes Brandenburg, im Herbst weiter, "aber was, wenn dann eine zweite Corona-Welle anrollt? Und: So ein Virus wird uns nicht zum letzten Mal verdeutlichen, was wir Menschen der Erde über Jahre angetan haben. Wir müssen uns (ver)ändern."
Wenzel singt in all unsere Überlegungen tröstend hinein: "Füllt die Gläser, / sucht nicht nach Gründen, / Wenn wir bei uns sind, / trinkt es sich gut. / Ströme Wein ins Meer des Lebens münden, / Wenn wir wieder zueinander finden / Und die Welt sich mischt mit unserm Blut." Widersteh, so lang du‘s kannst, Thomas Rühmann!