Theodor Fontane hat auch anderes erlebt. Etwa als Kriegsgefangener eingekerkert auf einer französischen Festungsinsel zu leben, während die anderen Inhaftierten an Typhus sterben. Er erlebte die Angst vor der Hinrichtung, beobachtete Austernfischer am Atlantik – und liebte eine Katze, die ihm zugelaufen war.
In dem Stück "Souvenir 1870" verarbeitet das Theater Das letzte Kleinod Fontanes Bericht von der Insel Oléron. Als Journalist war er 1870 zwischen die Fronten des Deutsch-Französischen Krieges geraten und der Spionage verdächtigt worden. Der Autor und Regisseur Jens-Erwin Siemssen wollte erforschen, ob es auf der Insel noch Spuren von Fontane gibt. Er ist Künstlerischer Leiter von Das Letzte Kleinod, einer Theatergruppe, die mit ihrem "Ozeanblauen Zug" Theaterprojekte auf Schienen realisiert und dabei Schauplätze ansteuert, an denen ihre Stücke spielen.
Entstanden sei die Idee zu dem Kooperationsprojekt, an dem neben dem Letzten Kleinod das Kleist Forum in Frankfurt (Oder), die Neue Bühne Senftenberg, das Staatstheater Cottbus, das Hans Otto Theater Potsdam sowie das Theater der Altmark Stendal beteiligt sind, bei einer Intendanten-Tagung in Frankfurt (Oder), berichtet Florian Vogel, Künstlerischer Leiter des Kleist Forums. Im strömenden Regen hätten die Teilnehmenden dagestanden, Fischbrötchen gegessen und überlegt, wie man zusammenarbeiten könnte. Von der Idee, etwas zu Fontane zu machen, sei er anfangs nicht begeistert gewesen, verrät Siemssen. "Da bin ich ein bisschen zusammengezuckt und dachte: ,Muss das sein?!‘" Bei seiner Recherche habe er dann von Fontanes Zeit als Kriegsberichterstatter erfahren und gemerkt, dass sich Brücken zur Arbeit des Theaterprojektes schlagen, das sich sozialen, politischen und historischen Themen wie Flucht, Migration und Krieg widmet.
Die Erinnerung an Fontane sind auf der Ile d’Oléron natürlich längst verblasst. Dennoch fand Siemssen Anknüpfungspunkte. Schließlich sähe das Leben dort teilweise noch so aus wie vor 150 Jahren. Der Regisseur wollte, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler, von denen fünf an den kooperierenden Bühnen arbeiten, einen realistischen Eindruck bekommen. Er schickte sie mit den Austernfischern raus und ließ sie bei der Gewinnung des Fleur de Sel (Meersalz) helfen. "Das fehlt mir manchmal am Theater – dass es möglich ist, aus dem Leben zu schöpfen", berichtet die Schauspielerin Margarita Wiesner.
Sie spielt neben Fontanes Diener Rasumofsky, der dem privilegierten Gefangenen zur Seite gestellt wurde, auch die Katze Blanche. Diesem "weiblichen Wesen" habe der Autor ein ganzes Kapitel gewidmet, erzählt Siemssen. Auch heute noch sind Katzen auf der Insel präsent. Das Ensemble besuchte ein Katzenasyl, in dem kranke und ausgesetzte Tiere gepflegt werden. Der Regisseur betont: "Wir gehen davon aus, dass eine von ihnen eine Nachfahrin von Fontanes Katze ist."
Sicher ist die Truppe, dass eine 90-jährige Frau, die gerne mit einem antiquierten, dreirädrigem Fahrrad über die Insel fährt, die Tochter eines ehemaligen Festungskommandanten ist. Sie konnte den Theaterleuten noch aus Kriegszeiten berichten.
In "Souvenir 1870" verknüpft das Ensemble Fontanes Beobachtungen mit dem heutigen Alltag der Inselbewohner. Auch die französische Résistance im Zweiten Weltkrieg und aktuelle Forderungen von Vertretern der "Gelbwesten" spielen eine Rolle.
Die Bewohner der Insel seien von der ersten Aufführung begeistert gewesen, berichtet Siemssen. In Deutschland feierte das Stück im Rahmen der 11. Theatertage des Deutschen Bühnenvereines in Senftenberg Premiere und tourt nun durch die Bundesländer Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen.

Zug dient als Festungs-Kulisse

Gespielt wird auf einem Kfz-Transportwagen des Ozeanblauen Zuges. In Frankfurt (Oder) macht das Ensemble damit an der Lokwerkstatt in der Briesener Straße halt. Das gewaltige, 26 Meter lange Fahrzeug mit seinen zwei Ebenen dient als Festungs-Kulisse. Von dort oben hat Fontane beobachtet. Die auf Interviews basierende Erzählung der Theatergruppe geht über dessen historischen Bericht hinaus. "Wir haben ergänzt, was Fontane nicht geschrieben hat", sagt Siemssen.
Vorstellungen: bis 11.8. Senftenberg, 13./14.8. Cottbus, 17./17.8. Rheinsberg, 20.–22.8. Frankfurt (Oder), 25./26.8. Potsdam, 28./29.8. Stendal, 31.8./1.9. Celle, 3.–5.9. Worpswede, 7./8.9. Geestenseth, jeweils 20 Uhr, Infos und Tickets unter www.das-letzte-kleinod.de