Dercon hatte vorher als internationaler Kulturmanager und spartenübergreifender Intendant gar keinen schlechten Ruf. Durch seine Installation, die von oben herab erfolgte, wird er in jedem Vermittlungsprozess unglaubwürdig wirken. Eine Petition an den Regierenden Bürgermeister, die die Zukunft des Hauses neu verhandelt sehen will, hat bereits mehr als 36 000 Unterschriften.
Ein ähnlicher Fall - wenn auch thematisch anders grundiert - ist dieser Tage in Potsdam zu beobachten. Die Regierenden dort bauen sich ein neues Stadtzentrum, das eigentlich ein altes ist. Historische, also historisierende Bauten, sind schon entstanden, und neue (alte) werden dazukommen. Was Architekturstudenten an renommierten Hochschulen mehr als böse Blicke des Lehrkörpers einbringen würde, ist in Potsdams öffentlichem Raum gang und gäbe.
In diesem Prozess soll auch die Fachhochschule, mitten in der Landeshauptstadt gelegen, abgerissen werden. Viele sind sich einig: Der Bau aus den frühen 70er-Jahren, nachempfunden einem vorhandenen Haus von Mies van der Rohe, ist ein "ehrlicher" Bau inmitten der eklektischen Puppenstube. Und auch hier bildet sich eine Initiative: Ein Bündnis will die Schule retten und bietet sechs Millionen Euro zum Kauf. Das Angebot sei ehrlich gemeint, heißt es, und soll die Potsdamer noch einmal zum Nachdenken über ihre Stadtmitte anregen.
Beide Fälle zeigen: Der Protest kommt zu spät. Und: Eine ehrliche Auseinandersetzung fand nicht statt. Dabei geht es in beiden Fällen nicht um Ostalgie, sondern um einen rigiden Umgang mit Geschichte. War die Ostberliner Volksbühne schon zu DDR-Zeiten ein kritisch-gesellschaftlicher Veranstaltungsort, fordert die Potsdamer Fachhochschule geradezu zur kritischen Rezeption der DDR-Geschichte heraus.
In der Bildenden Kunst funktioniert das besser. Hier werden zum Beispiel in Frankfurt und Cottbus seit Jahren künstlerische Positionen, die sich an der Gesellschaft reiben, geradezu gefördert.
Über den Frankfurter Oderturm könnte man viel Kritisches sagen: passt nicht in die Stadt, ist zu groß, rechnet sich nicht. Ihn abzureißen, um ein Stück Geschichte abzutrennen - darauf käme wohl niemand.