Ehrhard Thoms empfindet seine Gegend um Seelow nicht als sich langsam entvölkernden Wohnort. Für ihn ist das vor allem der Lebensraum der Bleibenden. Und deshalb leidet er und deshalb bringt es ihn auf, wenn dort das giftige, bei der Braunkohleverstromung entstehende Kohlendioxid in der Erde versteckt werden soll und das als Energiewende verkauft wird.
Wie immer, wenn ihn etwas innerlich so erregt, formte er Kunst aus seinem Groll und seinem Widerstandsgeist, und so entstand jetzt die Plastik „Verpressung?“ Da schält sich eine Frau aus dem Stein, hinter der sich Einritzungen und in den Abgrund weisende Linien verbergen. Es ist eine Allegorie aufs Hintergehen und Übersehenwollen.
Die „Verpressung?“ ist eine seiner jüngsten Arbeiten und zurzeit in der Ausstellung „Mit 4B und Marmor“ im Schul- und Bethaus Altlangsow zu sehen, dessen Förderverein Thoms damit zum 
60. Geburtstag gratuliert.
Diese Schau zeigt einen Künstler, der nicht nur sieht, sondern der den Dingen nachspürt, der sich hineinfühlt in Landschaften die er mit weichem Bleistift – 4B, daher der Ausstellungstitel – zeichnet. Sei es nun in Italien oder im Oderbruch.
Und so arbeitet er auch, wenn er Menschen porträtiert, Künstlerkollegen zum Beispiel. Das geschieht nicht programmatisch, sondern spontan in Momenten persönlicher Nähe. Entsprechend intensiv ist, was Thoms dann abbildet: keine Fassade, sondern eine ungeschönte innere Verfasstheit, ohne dass damit jemand bloßgestellt würde.
Thoms’ Arbeiten zeigen, dass er sich nie als Überlegenen und auktorialen Beobachter sieht, der alles weiß, aber vieles lieber für sich behält. Seine Arbeiten sind Befragungen – auch des Materials. Deshalb spielt er mit Strukturen, Oberflächen und Maserungen. Man muss sich Zeit nehmen, um dahinterzukommen. Thoms ist nichts für Hastige, aber für Sehsüchtige, die sich von der den Marmor erweichenden Sinnlichkeit der Thoms’schen Figuren berühren lassen.
Auch der Ausstellungsraum zwingt geradezu zur Langsamkeit. Dieser schöne Schinkelbau mit seinem Tonnengewölbe lässt das Licht so über Thoms Plastiken wandern, dass deren Nuancen sich ständig verändern. Es ist eine Schau mit wechselnden Betonungszeichen, ohne dass dadurch die Harmonie zwischen Hülle und Inhalt gestört wird.
Im Gegenteil. Thoms Zeichnungen, seine Marmorskulpturen und dieses Haus ergeben ein Gesamtkunstwerk wie aus einem Guss. Er sagt, das sei seine Verbeugung vor Schinkel, der einer seiner großen Vorbilder ist.
Man kann auch sagen, es ist ein Spiegel für Thoms selbst, nicht was seine Experimentierfreude und die Vielgesichtigkeit seines Schaffens betrifft. Aber für seine Vorstellungen des Ineinandergreifens und des sich immer wieder neu Befruchtens unterschiedlicher Kunstgattungen und künstlerischer Standpunkte.
Ehrhard Thoms, der 1987 sein Kunststudium abschloss, hat immer den intensiven Dialog mit Kollegen gesucht, mit Bildhauern wie Werner Stötzer oder Schriftstellern wie Ulrich Plenzdorf. Er hat sich immer die Sinne und den Geist offengehalten, hat sein Suchen mit Unmengen von Büchern gefüttert und Literatur wieder zum Bild oder zur Skulptur werden lassen. Das sieht man auch in Altlangsow. Er hat sich bei Sophokles bedient, Antigones Schwester Ismene aus dem Stein gehauen und ihre doppelte Natur festgehalten: das säulenartig Erstarrte und das verzweifelt Niedergedrückte.
Auch mit Kleist hat sich Thoms beschäftigt und hat dessen letzten Besuch in Frankfurt (Oder) in Szene gesetzt, der für den Dichter eine Katastrophe war.
Aber Thoms, der Sensible, kann natürlich noch ganz anders, kann ganz träumerisch elfengleiche Wesen vor leeren Ruinen verstecken und hält es dabei mit da Vinci. „Der hat mal gesagt“, meint Ehrhard Thoms, „man muss nur lange genug eine Putzwand anstarren, dann kommen die Figuren ganz von allein.“
bis 12. Juni, Schul- und Bethaus Altlangsow, Mi–So, 13–16 Uhr, Tel. 03346 844343