Das Waffenmuseum in Suhl erwartet zu einer neuen Sonderausstellung über DDR-Militärwaffen viel Resonanz.
Er rechne mit etwa 50 000 Besuchern für die ab Freitag geöffnete Ausstellung, sagte der Leiter des Museums, Peter Arfmann, der Deutschen Presse-Agentur.

Großes Interesse für Sonderausstellung

Das Interesse sei schon jetzt vergleichsweise hoch. So sei die 300 Exemplare umfassende erste Auflage eines Begleitbandes schon fast komplett vergriffen - noch ehe die Sonderausstellung überhaupt begonnen hatte. Auch bei den Zugriffen auf die Webseite des Thüringer Waffenmuseums zeige sich, dass viele Besucher gezielt nach der Sonderausstellung suchen würden.
Rigo Herold, Kurator der Sonderausstellung "Von der Kalaschnikow zur Wieger, Militärwaffenproduktion in der DDR" präsentiert eine "Wieger 941" im Waffenmuseum Suhl.
Rigo Herold, Kurator der Sonderausstellung "Von der Kalaschnikow zur Wieger, Militärwaffenproduktion in der DDR" präsentiert eine "Wieger 941" im Waffenmuseum Suhl.
© Foto: Martin Schutt/dpa

Sonderausstellung bis 2021

Die Ähnlichkeiten sind nicht zu leugnen. Gerade als Laie muss man deshalb genau hinsehen, um zu erkennen, ob das, was da in den Vitrinen des Waffenmuseums in Suhl liegt, nun eine Kalaschnikow oder eine Wieger ist. Beides sind Gewehre. Beide sind gemacht worden, um Menschen töten zu können.
Dieser Geschichte widmet das Museum seit Freitag eine Sonderausstellung. Zu sehen ist die Schau bis Ende 2021. Insgesamt 23 Gewehre sind ausgestellt, die alle für den Kriegseinsatz konstruiert wurden. Doch es geht um mehr als diese Waffen. Die Schau soll auch zeigen, wie sehr die DDR vor allem in den 1980er Jahren zumindest vorsichtig versuchte, unabhängig von der Sowjetunion Politik zu machen. „Uns geht es natürlich um die Technikgeschichte“, sagt der Leiter des Museums, Peter Arfmann. „Aber auch darum, ein Stück DDR-Geschichte aufzuarbeiten.“

„Von der Kalaschnikow zur Wieger“

Anders als die Kalaschnikows seien die Wieger so etwas wie in der DDR selbst entwickelte Militärgewehre gewesen, sagt der Restaurator und Büchsenmachermeister des Museums, Jörg Schulze. Die Kalaschnikows als Standardwaffen der Streitkräfte des Warschauer Paktes seien in der DDR als sowjetische Lizenzwaffen gefertigt worden - also nach den Bauplänen und mit Genehmigung der Sowjets. Produziert worden seien sie im VEB Geräte und Werkzeugbau Wiesa im Erzgebirge.
Die Wieger sei dort dann in den 1980er Jahren auf Basis der Kalaschnikow weiterentwickelt und gebaut worden. Der wesentliche, nicht so leicht erkennbare Teil der Weiterentwicklung: Die Wieger - ein Akronym aus „Wiesa“ und „Gerätewerk“ oder „Wiesa“ und „Germany“ - verschießt Patronen eines kleineren Kalibers als die Kalaschnikow. Die Kalaschnikow wurde für das Kaliber 7,62 Millimeter gebaut, die Wieger-Gewehre für das Kaliber 5,56 Millimeter.
Mit dem Bau der Wieger verfolgte die DDR laut Ausstellungskurator Rigo Herold ein spezielles Ziel. Damit sollte in der letzten Dekade vor dem Zusammenbruch der Republik das Problem umgangen werden, das sie mit den auf ihrem Hoheitsgebiet gebauten Kalaschnikows hatte: Sie durften laut Vertragslage nicht aus der DDR exportiert werden. Die DDR war aber dringend auf Devisen angewiesen.
„Was lag also näher, als eine Waffe zu entwickeln, die auf den vorhandenen Produktionsanlagen gefertigt werden konnte, aber von der man behaupten konnte, dass sie in weiten Teilen mit der Lizenzdokumentation nicht mehr identisch ist und deshalb die Restriktionen für den Export nicht mehr greifen?“, schreibt Herold in seinem Begleitband zur Ausstellung. Vor allem das kleinere Kaliber sollte die Waffe demnach für den nicht-sozialistischen Weltmarkt interessant machen. Immerhin nutzten die Nato-Staaten damals standardmäßig bereits 5,56-Millimeter-Munition für ihre Sturmgewehre.

Pläne zum Export der Wieger

Nach den Recherchen von Herold zeichnete sich kurz vor der Wende ab, dass diese Strategie durchaus erfolgreich war. Es habe, schreibt er, kurz vor der Wende bereits konkrete Verhandlungen zum Export der Wieger zwischen der DDR und Indien beziehungsweise Peru gegeben. „Ghana und Nigeria waren weitere potenzielle Kunden.“ Das Ende der DDR war allerdings auch das Ende dieser Pläne.

Warum Suhl als Ausstellungsort?

Dass die Sonderausstellung zur Militärwaffenproduktion in Suhl gezeigt wird, hat nicht nur damit zu tun, dass Arfmann und Schulze zufolge mehrere der Zulieferteile für die Wieger im VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk Suhl gefertigt wurden.
Auch die Widersprüche der Geschichte Suhls werden über diese Sonderausstellung deutlich: Die Stadt im Süden Thüringens vermarktet sich ihrer langen Geschichte der Waffenfertigung wegen als „Waffenstadt“. Die Kommune ist aber nach einem Beschluss des Stadtrates aus dem Jahr 1991 auch „Stadt des Friedens“.

Ausstellung soll Krieg nicht glorifizieren

Die ehemalige Linke-Landtagsabgeordnete und langjährige Suhler Stadträtin Ina Leukefeld kann sich noch gut an die damaligen gesellschaftlichen Diskussionen um den Stadtratsbeschluss erinnern. Sie findet es deshalb richtig, dass sich das Waffenmuseum in der Ausstellung ausdrücklich nicht mit Jagd- und Sportwaffen, sondern mit Militärgewehren befasst. „Stadt des Friedens und Stadt der Waffen - das sind zwei Seiten derselben Medaille“, sagt sie.
Restaurator Schulze sagt, jedem, der die Ausstellung besuche, müsse mit Blick auf die Waffen klar sein, „dass man damit nicht auf die Jagd geht“. Keinesfalls aber wolle man mit der Schau Kriege glorifizieren, betont Museumschef Arfmann.

Heutige Waffenherstellung in Suhl

Heute gibt es in Suhl tatsächlich noch immer Waffenhersteller - der Jagdwaffen-Spezialist Merkel und die ebenfalls zur Merkel-Gruppe gehörende C.G. Haenel GmbH, die auch Präzisions- und Sturmgewehre für Militär und Behörden produziert.