Im Herbst 2015 hat das Deutsche Theater dieses Stück zum ersten Mal im deutschen Sprachraum aufgeführt. Damals bestand die Szenerie aus einem großen ovalen Tisch, um und auf dem Albert, dessen Frau Bettina, ihre Mutter Corinna, deren mysteriöse Zugbekanntschaft Rudolph und der Malerfreund Konrad saßen oder spielten. Was an Requisiten gebraucht wurde, hatten die Darsteller mit Händen und Füßen dazuerfunden. Die Regieanweisungen sprachen sie mit - als Futter für das Kopfkino.
In Cottbus läuft es ähnlich, nur ist die Ausstattung hier noch spartanischer. Die Arena, um die herum das Publikum die Kulisse bildet, ist ein leerer (Fantasie-)Raum. Ein Kampfplatz, auf dem in knapp zwei rastlosen, aufgekratzten Stunden fünf Schauspieler Liebe, Frieden, Harmonie und Weihnachtsstimmung zertrümmern und hin und wieder zusammenzuflicken versuchen.
Während Jan Bosses Berliner Inszenierung braucht, um in Fahrt zu kommen - am Anfang ist es mehr so ein Sitzstück - wird in Cottbus von Anfang an Tempo gemacht. So geht's los: Die Schnellsprechmaschine Kai Börner - hauptsächlich als Albert und ein bisschen auch als Bettina und Corinna - rattert los. Während er als Albertbettinacorinna andeutet, wie sich die drei jetzt schon gegenseitig auf die Nerven gehen - dabei hat Weihnachten noch gar nicht begonnen - schütten sich seine vier Mitspieler pantomimisch vor Lachen aus, als wären sich bis zur Albernheit bekifft.
Dann klingelt es. Ernüchternder Schreck. Wer kann das sein? Ein Typ, der Rudolph heißt, steht vor der Tür. Eine von Corinna spontan eingeladene Zugbekanntschaft.
Und jetzt startet die Hatz. Wie kann sie nur, diese leichtlebige, verschwenderische Frau! Bettina kocht innerlich wegen ihrer Mutter. Albert wird von Familienpanik geschüttelt, krampft an einem schweren Sozialkater ("Morgen ist Heiligabend, verdammte Scheiße nochmal!"). Corinna spielt die Beleidigte, Vernachlässigte, Liebesbedürftige.
Rudolph (Alexander Höchst) ist der Fels in diesem Familiensturm, das Kontrastmittel des Stücks und die Steigerung von allem. Er ist vernünftiger, musikalischer, abgründiger und wahnsinniger als die ganze Familie. Das erfährt man aber immer nur häppchenweise.
Und das ist das Raffinierte an Schimmelpfennigs Text, was Katka Schroth und ihr Team exzellent herausarbeiten. Den Wirbel von surrealen, witzigen, dadaistischen, komischen Szenen durchzucken Rudolphs scharfe Sätze, Sätze, die ins Hirn schneiden. Faschistoide Bösartigkeiten mischen sich in den verschrobenen Familienirrwitz.
Wie geht man damit um? Ernst nehmen und damit aufwerten? Ignorieren, drüberweglachen und die Fanatiker damit ermutigen? Sie durch Schweigen enthemmen? Das sind Fragen, die einem aus diesem Stück zufliegen, das in Katka Schroths Aufmachung nie nach Didaktik und allgemeinem Weltschmerz schmeckt. Aber eine Komödie im klassischen Sinn ist das auch nicht. Sondern mehr ein in einer Groteske versteckter philosophischer Diskurs, ein zum Teil kindliches Fragen nach Wirklichkeit und Möglichkeiten, nach Gott und Chaos, Chaos und Ordnung.
Wie gesagt, dieser bitterernste Tiefsinn wird in kleinen, wohl dosierten Dosen diesem Lust-Spiel eingeimpft, in dem die Darsteller auf engen Raum wunderbar alle Gefühlsskalen rauf- und runterspielen. Alexander Höchst mit seiner ruhigen Grabesstimme und dem irren Augenflackern ist als Rudolph fantastisch. Zwei Stunden balanciert er mit infernalischer Komik auf dem Grat zwischen Klarheit und Wahnsinn, Kultiviertheit und Barbarei. Kai Börner als überforderter Albrecht, Sigrun Fischer, die zischelnde, sich nach Anerkennung sehnende, biestige, feurige, verspielte, launige Bettina, Max Hemmersdorfer als mittelschwer gestörter Malerfreund Konrad und Heidrun Bartholomäus als trashige, exaltierte Corinna - sie alle zeigen ganz großes Theater.
Und baden in diesem Text, in den Katka Schroth jene Folge von Clemens Meyers surrealen Stallgesprächen geschmuggelt hat, in der vor einem kreuzgefährlichen Nager warnt: "Eine Maus geht um in Europa."
Vorstellungen: 21.2. und 26.4., jeweils 19.30 Uhr, 12.3., 19 Uhr Staatstheater Cottbus, Kammerbühne, Tel. 0355 78242424