Es waren Fluchtwelten, die Hannes Hegen mit seinen Zeichnungen bot. Schließlich konnten die drei Kerlchen mit dem Familiennamen Digedags Weltreisen unternehmen. Ob Zukunft, altes Rom oder ein Abstecher in den Wilden Westen Amerikas - ihnen war möglich, was den meisten Lesern verwehrt blieb: durch die Welt reisen, unabhängig von Zeit und Raum.
Hegen hatte die Digedags im Jahre 1955 mit der Gründung der Zeitschrift "Mosaik" zur Welt gebracht. Sein Haus in Berlin-Karlshorst war gleichzeitig Arbeitsort für das Team von bis zu zwölf Mitarbeitern. Ab 1964 entwickelte er mit Textautor Lothar Dräger das Konzept des "großen humoristischen Bildromans", wie es der Leipziger Verleger Mark Lehmstedt formuliert. Die begehrten Comic-Geschichten, die über Jahre hinweg fortgesetzt wurden, entführten ganze Generationen von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus der DDR in ferne Welten. Sie erschienen in einer Auflage von einer halben Million, jedes einzelne hatte mehrere Leser.
Johannes Hegenbarth wurde am 16. Mai 1925 in Böhmisch-Kamnitz im Sudetenland geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg von dort vertrieben, siedelte sich die Familie zunächst im thüringischen Ilmenau an. Von 1948 bis 1951 studierte Hegenbarth an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Weil er schon als Student erst als freier und später als fester Mitarbeiter für satirische Zeitschriften wie den "Eulenspiegel" arbeitete, schloss er sein Studium nie ab.
Mit der Gründung des "Mosaik" legte Hegenbarth seinen Namen ab und nannte sich Hannes Hegen. Kongenial setzte er die Texte Lothar Drägers ins Bild. "Dräger war sehr belesen, ein Mann mit Weltwissen. Und Hannes Hegen bebilderte die Geschichten mit seinen unverwechselbaren Zeichnungen", erzählt Lehmstedt. Dabei stieß er häufig an Grenzen, die das Regime errichtete. Schließlich gehörten die Verlage, in denen das "Mosaik" vertrieben wurde - Neues Leben und Junge Welt - dem Staat.
Über die Zuteilung von Papier und Druckkapazitäten wurde der kreative Kopf in Karlshorst im Zaum gehalten. Mehrfach stand das Magazin aus fadenscheinigen Gründen vor dem Aus. Und Hegen wehrte sich: Als ihm nahegelegt wurde, die Leitung abzugeben, drohte er, das Erscheinen der Digedags zu verbieten. Schließlich hatte er aus den Erfahrungen mit einer ersten Comic-Figur gelernt, deren Rechte er sich nicht gesichert hatte. Die Digedags gehörten ihm. Und wäre es nach Hannes Hegen gegangen, hätten sie auch den Westen erobern können: Im Januar 1964 schlug er dem Verlag Junge Welt vor, seine Comics auf besserem Papier als dem üblichen in den Westen zu verkaufen. Das sei sicherlich "devisenrentabel". Der Vorschlag wurde nicht erhört. 1975 war das Verhältnis zwischen Hegen und dem Staat so zerrüttet, dass mit Heft 223 Schluss war. Auf dem letzten Bild reiten die Digedags in die Wüste, wissend, "dass es dieses Mal ein Abschied für alle war, die sie kannten und die sie liebten".
Über das Privatleben Hegens ist wenig bekannt. Lange verheiratet mit Edith, einer Kostümbildnerin an der Staatsoper, galt sein Wirken vor allem seinem Werk. Das kinderlose Paar arbeitete oft gemeinsam an den Zeichnungen. Verleger Lehmstedt lernte Hegen Mitte der 90er-Jahre kennen. "Für ein Buchprojekt besuchte ich ihn in Karlshorst. Er war sehr freundlich und wir verbrachten einen schönen Nachmittag. Aber am Ende hatte er keine meiner vielen Fragen beantwortet", erinnert sich Lehmstedt. "Schauen Sie sich die 223 Hefte an, die ich gemacht habe. Das ist wichtig." Der Tod seiner Frau vor drei Jahren habe Hannes Hegen in eine Krise gestürzt. "Immer dachte er, sie würde ihn überleben und seinen Nachlass verwalten."
Wie erst jetzt bekannt wurde, ist Hannes Hegen am 8. November in Berlin gestorben. Die Trauerfeier findet am 18. November um 11 Uhr auf dem Friedhof Berlin-Karlshorst statt.