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Buchstabenmuseum: Gib mir ein Ö

Rettet Buchstaben: Für den Kauf des Zierfische-Logos musste Museumsleiterin Barbara Dechant 2500 Euro Spenden sammeln.
Rettet Buchstaben: Für den Kauf des Zierfische-Logos musste Museumsleiterin Barbara Dechant 2500 Euro Spenden sammeln. © Foto: MOZ
Maria Neuendorff / 14.08.2013, 19:00 Uhr
Berlin (MOZ) Sie stehen für den Umbruch in einer sich stetig wandelnden Stadt. Schriftzüge und Leuchtreklamen längst geschlossener Geschäfte und Traditionsfirmen finden im Buchstabenmuseum einen Ort, die Zeiten zu überdauern. Vor kurzem ist das Schau-Depot mit rund 800 Lettern in neue Räume nach Mitte gezogen.

"Ich muss Sie gleich vorwarnen, es ist alles noch Baustelle", sagt Museums-Chefin Barbara Dechant, als sie die Tür zur Kaufhalle an der Jannowitzbrücke aufschließt. Dort, wo einst HO-Milch und Knäckebrot verkauft wurden, stehen jetzt große und kleine Buchstaben auf Holzpaletten. Die "Filmpalast"-Reklame vom Kudamm teilt sich den Raum mit dem berühmten "Zierfische"-Logo, das früher am Frankfurter Tor über der Zoo-Handlung prangte. In den Kühlräumen lagert das U-Bahn-U neben den Insignien des Rundfunks der DDR aus der Nalepastraße. Immer wieder werden Kisten angeliefert. "Manchmal kommt ein einsamer Buchstabe, dann wieder ein ganzer Schriftzug", erzählt Dechant. Bei manchen sind die Neonröhren gebrochen, andere kann man schnell wieder zum Leuchten bringen. Vor kurzem habe ein Besucher ein schönes "Ö" unter dem Arm gehabt. "Richtig mit Pünktchen. Das gibt es sehr selten", freut sich die 43-jährige Kommunikations-Designerin, die das Museum wie die anderen rund 20 ehrenamtlichen Mitarbeiter in ihrer Freizeit betreibt.

800 Buchstaben hat der Verein seit 2005 gesammelt. Die größten sind drei Meter hoch und stehen mit anderen Riesen in der überdachten Kaufhalleneinfahrt. Dort findet man neben dem tonnenschweren "Daimler"-Logo vom Potsdamer Platz auch die wesentlich kleinere "Autoradio Blaupunkt"-Reklame, mit der alles anfing. Als das Hifi-Geschäft an der Stresemannstraße schließen musste, bekamen Barbara Dechant und ihre Mitstreiterin Anja Schulze ihre ersten Buchstaben geschenkt. "Unser Traum ist, sie hier gemeinsam mit kleinen Automaten aufzuhängen, so dass Besucher sie per Geldeinwurf zum Blinken bringen können."

Denn das Retten, Archivieren und Pflegen kostet viel Zeit und Geld. Staatliche Förderung oder Sponsoren gibt es nicht. Noch nicht. Zwei Jahre zumindest darf der Verein die alte Kaufhalle an der Holzmarktstraße für wenig Miete zwischennutzen. Zeit, in der die Buchstaben-Freunde zeigen wollen, wie ihr Museum in Zukunft aussehen könnte.

Doch schon jetzt sei die Nachfrage so groß, dass man trotz des Baustellen-Charakters Öffnungszeiten einführte. 90 Prozent der Anfragen kämen dabei aus dem Ausland, berichtet die Museumschefin. Das liege vielleicht daran, dass das Schau-Depot inzwischen in zahlreichen Reiseführern als Geheimtipp aufgeführt wird. Schließlich stehen die Buchstaben und Schriftzüge, die die Museumsmitarbeiter häufig vor der Schrottpresse retten mussten, symbolisch für den Umbruch Berlins.

Aber auch für einen wirtschaftlichen Wandel. "Früher stand über den Läden das, was man in ihnen kaufen konnte", erklärt Dechant und zeigt auf einen geschwungenen "Schuhe"-Schriftzug aus den 60er-Jahren, für den das Museum einen 7,5-Tonner mieten mussten, um ihn aus Alt-Tegel abzuholen. Später hätten eher die Namen der Ladenbesitzer die Hausfassaden dominiert. "Heute sind es meist nur noch große Konzerne."

Nicht selten holen die ehrenamtlichen Museumsmitarbeiter nach Geschäftsschließungen und vor Hausrenovierungen die Letter persönlich von den Fassaden. Oft ein schmerzlicher Prozess für die scheidenden Inhaber. "Es ist schon ein komisches Gefühl, ganz zum Schluss mit den Schriftzügen auch die Identität abzunehmen", gesteht Dechant. Umso mehr freut sie sich, wenn Mitglieder traditionsreicher Familienunternehmen nachher ihre Buchstaben im Museum noch einmal besuchen.

Für die Berlinerin führen die Buchstaben ein Eigenleben. Sie mag besonders die Unterschiedlichkeit. "Sie sind groß, klein, dick und dünn, gut erhalten oder verbraucht. Auf manchen ist die Farbe abgeblättert, so wie Falten beim Menschen", schwärmt Dechant, die schon lange Buchstaben sammelt. Zuerst in ihrer Wohnung. Doch als sie die mannshohen, sperrigen Teile vom Ostbahnhof, der von 1987 bis 1998 "Hauptbahnhof" hieß, bekam, wurde es endgültig zu eng.

Die ersten offiziellen Räume eröffnete das Museum 2008 an der Leipziger Straße. In der 500 Quadratmeter großen Kaufhalle gegenüber dem S- und U-Bahnhof Jannowitzbrücke ist nun auch Platz zum Wachsen. Allein 150 Objekte, die demnächst abgerissen werden sollen, habe man derzeit im Auge, berichtet die Leiterin. Oft seien es Bürger, die darum bitten, geschichtsträchtige Schriftzüge für die Nachwelt zu sichern. Wie zum Beispiel den der Deutschlandhalle. Trotz vorheriger Zusage der Messe Berlin verschwanden die Buchstaben im Lager der Spandauer Abrissfirma. Die bot sie bei Ebay für 20 000 Euro an, brach den Verkauf aber irgendwann ab. "Wir bleiben dran", gibt sich Barbara Dechant zuversichtlich. "Irgendwann landen sie sowieso alle bei uns."

Buchstabenmuseum, Holzmarktstraße 77 in Mitte, geöffnet Donnerstag bis Sonntag 13 bis 17 Uhr, Eintritt 6,50, ermäßigt 3,50 Euro

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