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Reklame kommt groß raus
Der die Lettern leuchten lässt

Inga Dreyer / 15.01.2019, 15:37 Uhr - Aktualisiert 15.01.2019, 15:50
Berlin (MOZ) Wo bleibt die Kundin, die sich für ein „A“ interessiert? Tibor Hegewisch hat Lust, draußen einen Kaffee zu trinken, aber wartet noch auf die Verabredung.

Es ist kühl in der riesigen Halle voller Möbel und Designobjekte. Zwischen Stühlen, Lampen, Vasen und Schränken finden sich dort, bei Urban Industrial in Berlin-Kreuzberg, immer wieder Leuchtbuchstaben und Schriftzüge, die Hegewisch präsentiert und verkauft. Früher warben sie an Hausfassaden für Läden, Museen, Städte oder Plätze, nun leuchten sie in der schummerigen Halle.

In Winterjacke steht Hegewisch vor einem Regal mit Buchstaben. Man muss ihn nicht lange löchern, um etwas über ihre Herkunft zu erfahren. Hegewisch arbeitet sie auf, aber Risse und Altersspuren bleiben. Viele Kunden suchten solche Objekte, denen man ansieht, dass die Zeit an ihnen genagt hat.

Hinten in der Halle prangt über einem Durchgang in großen Lettern das Wort „Lichtspiel“, ein gelber „Blumen“-Schriftzug leuchtet in einem Regal. Letzteren hat Hegewisch in Spandau abgestaubt. In einem der Buchstaben war damals ein Vogelnest, erinnert er sich. An dieser Stelle sei er etwas beschädigt, der sogenannte Umleimer an den Kanten muss repariert werden. „Ich habe jetzt jemanden gefunden, der noch alte Kunststoffe aus den 50ern hat“, erzählt Hegewisch.

Sein Job gleicht der Arbeit eines Detektives. Inzwischen hat er einen Blick dafür entwickelt, wo Häuser saniert oder abgerissen und wo Läden aufgelöst werden. Dann ist er vor Ort – um die Besitzer zu überzeugen, ihm die alten Schriftzüge zu überlassen. Noch immer lande vieles im Müll, erzählt Hegewisch.

Die ausrangierten Buchstaben erinnern daran, wie die Stadt früher ausgesehen hat. Es sind Relikte der Konsumkultur. Bei Hegewisch leuchten sie noch immer, während die Geschäfte, an denen sie hingen, umgezogen sind, ihre Reklame erneuert haben, pleitegegangen sind oder ausziehen mussten, weil die Gebäude abgerissen wurden. Die Schriftzüge erzählen Geschichten – die einer Eisenwarenhandlung am Savignyplatz oder einer Wechselstube am Bahnhof Zoo, deren Besitzer nach Jahrzehnten dichtmachen musste. Auch die Buchstaben, die bis 2014 am Beate Uhse Erotikmuseum in der Joachimstaler Straße hingen, konnte Hegewisch sichern.

Der Sammler schnappt sich ein großes, rotes „R“, das auf dem Tisch vor dem Buchstaben-Regal steht. Die Leuchtröhren sind bei diesem Modell außen angebracht. „Das ist einer der ersten Buchstaben, die ich gekauft habe“, erzählt er. Er stammt von einem Reisebüro in Lichterfelde-West und ist der letzte, der von diesem Schriftzug übrig geblieben ist.

Für eine Interessentin hat Hegewisch das dänische Wort „HYGGE“ auf den Boden gelegt, das auf Deutsch so etwas wie „Gemütlichkeit“ bedeutet. Viele Kunden kombinieren gerne Buchstaben unterschiedlicher Farben und Stile zu eigenen Begriffen. Die meisten Lettern sind breit und gerade. Schreibschrift sei im öffentlichen Raum schwer lesbar, erklärt Hegewisch.

Zu Buchstaben hat der ausgebildete Journalist seit jeher eine enge Beziehung. Ob in seinem ersten Job oder später als Pressesprecher eines großen Kita-Trägers: Er arbeitete mit Text und Sprache. Dass sich die Buchstaben auf Bildschirm und Papier plötzlich verdinglichten, entwickelte sich eher zufällig. Für das große Bücherregal im Wohnzimmer hatte er selbst auf Flohmärkten den Schriftzug „WORTE“ aus Leuchtbuchstaben zusammengesammelt. „Ich habe da ein Band aus LEDs reingefummelt. Das sah ganz schick aus“, erzählt der Anfangvierzigjährige. Das fanden auch Freunde, die zu Besuch kamen.

Viele hätten ihn gefragt, woher er die Buchstaben habe und ob er noch mehr bekommen könne. So sei er auf die Idee aufgekommen, das professioneller zu machen. Im Frühling 2017 machte Hegewisch sich selbstständig und gründete seinen Shop kartique. Er repariert, verkauft und verleiht Leuchtbuchstaben – an Privatleute oder auch an Filmproduktionsfirmen. „Man hat mit interessanten Kunden zu tun – von der Opernsängerin bis zur Bundestagsabgeordneten“, erzählt er.

Hegewisch betreibt einen Online-Shop, hat ein Lager in Kreuzberg und Präsentationsmöglichkeiten bei Urban Industrial, wo er sich mit Kunden verabredet. In Deutschland gäbe es vier bis fünf Händler, die Großbuchstaben verkaufen, erzählt er. Einige Lettern seien besonders begehrt – vor allem das „M“ und das „J“, weil viele Vornamen mit ihnen anfangen. „Es gibt eine Warteliste mit fast 100 Leuten, die einen M-Buchstaben haben wollen“, sagt Hegewisch und lächelt.

Während einige sich in Wartelisten schreiben, könnten andere Menschen überhaupt nicht verstehen, warum Buchstaben Designobjekte sein sollten. „Für die ist das Schrott“, sagt Hegewisch. Eine seiner besonders interessanten Errungenschaften ist ein großes, schweres, weißes Ö. Es stammt von einem Modewarengeschäft aus Stuttgart – aus den 1930er-Jahren, schätzt der Experte. Damals wurden die Buchstaben noch aus Stahlblech gefertigt. „Die neuen sind aus Aluminium.“

Mit dem Gas Neon gefüllte Leuchtröhren sind Anfang des 20. Jahrhunderts erfunden worden. Vor etwa 100 Jahren begann die große Zeit der Leuchtreklame. „Das war ein großer Trend in den 1920er-Jahren“, erzählt Hegewisch. Während vorher Metallbuchstaben an den Fassaden prangten, erleuchtete nun Schrift die Stadt.

Heutzutage werde kostspielige Reklame aus einzelnen Buchstaben immer mehr durch billigere Leuchtkästen ersetzt, erklärt Hegewisch. „Die kosten nur ein Drittel.“ Und in einigen Jahren werde das „Prinzip Buchstabe“ ganz enden, prophezeit er. Denn in den Lettern stecke immer noch Handarbeit. „Das ist einfach teures Zeug.“

Auch die Strom fressenden Neonröhren, von Glasbläsern hergestellt und per Hand gefüllt, werden ersetzt – durch LED-Leuchtmittel. So handhabt es auch Hegewisch mit den alten Buchstaben, die er umrüstet. Nicht nur in Berlin, auch im Umland schaut er sich um. „In Brandenburg hängt viel an Häusern, die noch nicht saniert sind“, erzählt er. In den 1960er- und 1970er-Jahren sei im Osten Deutschlands sehr viel Wert auf qualitativ hochwertige Schriftzüge gelegt worden. „In der DDR war Leuchtreklame ein wichtiges Thema.“ Irgendwo in den Tiefen seines Lagers schlummere beispielsweise ein gelber „Friseur“-Schriftzug aus Ostbrandenburg. Den werde er vollständig lassen. „So etwas findest du nicht wieder.“

Langsam beginnen Hände und Füße zu frieren. Gerade als Hegewisch beschlossen hat, dass es nun wirklich Zeit für einen Kaffee wird, kommt ihm eine junge Frau entgegen: die Kundin auf der Suche einem „A“. Hegewisch macht kehrt und stellt ihr eine kleine Auswahl zusammen. Ein weißes, geschwungenes mit goldenem Rand – oder doch lieber ein gelbes ohne Schnörkel?

Die Kundin nimmt den gelben Buchstaben in die Hand. „Ich mag das ,A‘ einfach total gerne“, sagt sie. Es soll ein Geschenk für ihre Mutter werden, die sich schon länger einen Buchstaben wünsche. Sie suche nach etwas, das mit der Stadt und ihrer Geschichte zu tun habe. Dass diese Objekte aus der Vergangenheit nun neu genutzt werden, sei schön.

Die Buchstaben in der großen Halle erzählen aber nicht nur von der Vergangenheit, sondern auch von der Gegenwart der Stadt. Wie einige der Geschäfte, an denen sie früher hingen, muss auch dieser Verkaufsraum anderen Plänen weichen. Das Gebäude wird verkauft, an dieser Stelle solle eine Galerie entstehen, berichtet Hegewisch. Wo Urban Industrial unterkommen wird und wo Hegewischs Buchstaben weiterleuchten können, sei noch ungewiss.

www.kartique.de

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