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Dorothee Nolte
Berliner Genie und Lästermaul

MOZ / 07.02.2019, 17:37 Uhr
Berlin Von Jens Rümmler

„Sechs Andengipfel, sechs Erstbesteigungen im Gehrock vor fast 200 Jahren – ein beneidenswerter Vorgänger, ein bewundernswertes Vorbild.“ So fasste Bergsteigerlegende Reinhold Messner kürzlich zusammen, was den Forscher und Wissenschaftler Alexander von Humboldt für uns bis heute so unfassbar macht. Auf waghalsigen Expeditionen legte er Zehntausende Kilometer auf Schiffen, Pferden und zu Fuß zurück, durchkämpfte den Dschungel des Amazonas, untersuchte Pflanzen, Tiere und Gesteine. Ein Abenteurer mit dem Messinstrument in der Tasche und ein Wissenschaftler mit einem für damalige Verhältnisse unglaublichen Horizont. Kein Gelehrter seiner Zeit wurde mehr bewundert, keiner häufiger abgebildet.

Kurz vorm 250. Geburtstag des Genies 2019 legt die Berliner Journalistin Dorothee Nolte nun ihr Buch „Alexander von Humboldt – Ein Lebensbild in Anekdoten“ (Eulenspiegel Verlag) vor. Anspruch auf wissenschaftlichen Tiefgang und Vollständigkeit erhebt die Charlottenburgerin nicht, wie sie betont. Dafür beschert sie der Leserschaft kurze und verständliche Geschichten, die einem Humboldt näher bringen. Die Lektüre ist – gemessen an der Bandbreite des Schaffens Humboldts – leichtverdauliche Kost, ohne Fachchinesisch, dafür mit viel Witz und Augenzwinkern.

So wird auf 128 Seiten deutlich, dass der weitgereiste Berliner an Königshäusern und in den Salons von Berlin und Paris nicht nur als geistreicher Redner galt, sondern auch als Lästermaul und „Tratschtante“ gefürchtet war. „Manche Zeitgenossen verließen eine Abendgesellschaft nicht, solange Humboldt anwesend war, um nicht zu riskieren, dass über sie hergezogen werde“, so Dorothee Nolte über das Ergebnis ihrer Recherche. Sie greift aus dem gut erforschten Leben des Universalgelehrten jene Momente heraus, die im Schlaglicht der Anekdote eine ganz eigenwillige und amüsante Sicht erlauben. Dabei macht sie im Buch die menschliche Seite des Protagonisten sichtbar. Kleiner erscheint das Genie dadurch nicht.

Dorothee Nolte befasst sich erst seit zehn Jahren mit dem Thema, wie sie sagt. „Anlass war eine selbstverfasste Zeitungsgeschichte zum 200-jährigen Bestehen der Berliner Humboldt-Universität“, so die Redakteurin beim Berliner Blatt Tagesspiegel. Der Uni-Name bezieht sich dabei auf Wilhelm von Humboldt, Bruder von Alexander und Initiator des Studierortes im „Palais des Prinzen Heinrich“ Unter den Linden. Kein Wunder, dass die Autorin ihr erstes Anekdotenbuch vor Jahren Wilhelm von Humboldt widmete. Erst während dieser Recherche tauchte die studierte Germanistin – die auch promoviert hat - tiefer ins Leben des Alexander von Humboldt ein. „Beide waren sehr unterschiedliche Typen. Wilhelms Name war bekannt, weniger sein Leben“, so die gebürtige Bonnerin, die mit ihren Eltern in den 70er Jahren ins damalige Westberlin kam.

So habe Wilhelm von Humboldt mit Frau Caroline schon im 19. Jahrhundert eine „offene und freie Ehe“ geführt. Wegen seiner homophilen Neigung schied dies für Alexander natürlich aus, so Dorothee Nolte. Galt Alexander von Humboldt als erd- und naturwissenschaftlicher Forscher, befasste sich Bruder Wilhelm mit kulturwissenschaftlichen Themen sowie mit der Analyse von Sprache, Literatur und Kunst. Darüber hinaus initiierte er Reformen im Schul- und Universitätswesen.

Storys und Histörchen um Familie Humboldt sind im Buch oft auch Berliner Geschichten. Und auch da kennt sich Dorothee Nolte aus. Seit rund 45 Jahren lebt sie in der Stadt, abzüglich ihrer Jahre als Romanistik- und Germanistik-Studentin in Freiburg, Paris und Stanford. „Mit meiner Familie wohne ich in Berlin-Charlottenburg. Wilmersdorf liegt nur einen Katzensprung entfernt“, so die 55-Jährige. Einen besseren Berliner Wohlfühlort könne sie sich nicht vorstellen. Die Verbindung von städtischer Eleganz und Ruhe in dieser Wohngegend liegen ihr, sagt die gefragte Schreiberin, die auch moderiert und aus ihren Büchern liest. Kein Wunder, das ihr Sonntagsfrühstück im heimischen Charlottenburg stattfindet – mit Ehemann und einem der Söhne. „Der ältere Sohn ist mit 19 Jahren gerade ausgezogen“, sagt Dorothee Nolte etwas wehmütig. Gefrühstückt wird trotzdem: An Werktagen mit Müsli und Obstsalat. Am Wochenende folge noch ein zweites Morgenmahl mit Kaffee und Berliner Schrippen.

Bleibt an Wochenenden Zeit, spaziert oder radelt die Journalistin gern durch Potsdam, am Wannsee oder an der Havel entlang. Auch den Havelradweg mag sie den Worten nach. Doch soviel Zeit bleibt meist gar nicht. Nolte ist schließlich auch Schreibtrainerin und Stadtführerin. Ihre Tour zum Thema Wilhelm von Humboldt spielt sich im Umfeld des Gendarmenmarktes, dem Elternhaus der Humboldts, ab. Es handelt sich um einen kurzweiligen Mix aus Spaziergang und Buch-Lesung.

Die „Alexander-Tour“ führt dagegen mit dem Rad von Schloss Tegel, dem Sommersitz der Adelsfamilie, bis zum Alexanderplatz. Im neuen Buch ist dabei Erstaunliches zu erfahren: So ist trotz jahrelanger professioneller Forschung unklar, ob Alexander von Humboldt in Tegel oder am Gendarmenmarkt geboren wurde. „Immerhin ist das (Geburts-) Datum verbürgt: der 14. September 1769“, heißt es dazu im Buch. Die Tegeler Immobilie brachte übrigens die Mutter der Humboldts, Marie Elisabeth – Tochter reicher Hugenotten und Witwe des wohlhabenden Barons von Holwede - mit in die Ehe. Von Mai bis September kann man den Herrensitz der Humboldts im Rahmen von Führungen montags besuchen, so die Information von Dorothee Nolte.

Beeindruckend im Buch sind die kurzen, treffenden und witzigen Beschreibungen der Reisen Alexander von Humboldts. Die Mark Brandenburg kommt dabei übrigens nicht besonders gut weg, Amerika schon besser. Dorothee Noltes Kurzgeschichten bringen dem Leser einen preußischen Adligen näher, der adligen Dünkel verachtete, der früh die Sklaverei kritisierte, brillant reden konnte und Vulkane bestieg. Seine Forschungsreisen führten Alexander von Humboldt nach Lateinamreika, in die USA und Asien. Wissenschaftliche Studien betrieb er u. a. in den Bereichen Physik, Chemie, Geologie, Botanik, Zoologie, Ozeanografie und Astronomie. Schon zu Lebzeiten galt er als Freigeist und Aufklärer, war aber auch Schalk und Spötter. Hochbetagt starb Alexander von Humboldt 1859 in Berlin im 90. Lebensjahr.

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