Eine Mutation des Coronavirus, die zuerst in Indien auftauchte, breitet sich auf der ganzen Welt aus: Die Delta-Variante. Obwohl die Inzidenzwerte sinken, sorgen sich die Infektiologen: Delta ist nämlich noch ansteckender als die vorherrschende Alpha-Variante aus Großbritannien. In Deutschland wurde sie in allen Bundesländern nachgewiesen und könnte die Zahl der Neuinfektionen wieder steigen lassen – in Baden-Württemberg breitet sie sich schnell aus. Gefährdet die Mutation die Herdenimmunität? Wie gut schützen die Impfstoffe gegen die Mutante?
  • Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die erstmals in Indien nachgewiesene Variante als „besorgniserregend“ eingestuft
  • Wissenschaftlern zufolge ist die Mutation ansteckender ist als die Ursprungsform des Coronavirus Sars-CoV-2
  • Auch in Deutschland warnen Immunologen, dass spätestens im Herbst die Delta-Variante die dominierende Variante hierzulande sein könnte
  • Alle aktuell wichtigen Fragen und Antworten zur indischen Mutation gibt es hier.

Delta-Variante in Großbritannien für 96 Prozent der Neuinfektionen verantwortlich

Laut den jüngsten Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) wurde die Variante bereits in allen 16 Bundesländern nachgewiesen. In der 22. Kalenderwoche lag ihr Anteil an allen genauer untersuchten Corona-Infektionen in Deutschland demnach bei 6,2 Prozent. Ganz anders sieht es in Großbritannien aus, wo die Variante B.1.617.2 inzwischen für 96 Prozent aller Neuinfektionen verantwortlich ist.

Corona-Impfung gegen Delta-Variante: Absolute Priorität laut Drosten

Der Virologe Christian Drosten plädiert angesichts der Entwicklung dafür, das Bewusstsein für die Bedeutung der Impfung zu stärken. „Das ist wirklich das, was wir jetzt machen müssen“, sagte der Experte im Podcast „Coronavirus-Update“. Er legte sich nicht fest, ob es wegen der Ausbreitung der Delta-Variante bereits im Sommer oder erst im Herbst zu einer Trendumkehr kommen könnte. Im Herbst werde die Inzidenz auf jeden Fall wieder steigen, sagte Drosten und betonte die Wichtigkeit der Impfung bei Eltern von Schulkindern. „Wir müssen einfach schnell impfen“, lautet der Appell des Virologen. Reiche dies nicht, müsse man erneut mit Kontaktbeschränkungen gegensteuern. „Aber es gibt auch gute Gründe zu denken, dass das in Deutschland nicht notwendig wird.“

Wirkung Biontech und Astrazeneca: Corona-Impfstoffe wirken gegen Delta-Variante

Mehrere Laboruntersuchungen zeigen, dass sie offenbar resistenter gegen Impfstoffe ist als andere Varianten. Was ergab die Anfang Juni in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlichte britische Studie?

Biontech/Pfizer: Wirksamkeit gegen Delta-Variante des Coronavirus

Die Studie ergab, dass die Zahl der Antikörper nach zwei Impfdosen von Pfizer/Biontech bei der Delta-Variante sechs Mal niedriger ausfiel als beim Wildtyp des Virus. Gegen die erstmals in Großbritannien nachgewiesene Variante Alpha wurde der sogenannte Antikörpertiter um den Faktor 2,6 und gegen die erstmals in Südafrika identifizierte Variante Beta um den Faktor 4,9 abgeschwächt. Allerdings ist die Zahl der Antikörper zwar ein wichtiges Merkmal der Wirksamkeit eines Impfstoffs, jedoch nicht das einzige. Wer nur die Antikörper berücksichtigt, vernachlässigt insbesondere die Bedeutung der T-Killerzellen, die bereits infizierte Zellen statt des Virus angreifen. Umso wichtiger sind Untersuchungen unter realen statt nur unter Laborbedingungen. Und hier geben die ersten Ergebnisse Anlass zur Hoffnung.
Eine Ende Mai von den britischen Gesundheitsbehörden veröffentlichte Studie kommt zu ähnlichen Ergebnissen auch für weniger schwere Formen der Krankheit. Demnach ist der Impfstoff von Pfizer/Biontech zwei Wochen nach der zweiten Dosis zu 88 Prozent wirksam gegen eine durch die Delta-Variante ausgelöste symptomatische Covid-19-Erkrankung, bei der Alpha-Variante sind es 93 Prozent.

Astrazeneca: Wirksamkeit gegen Delta-Variante des Coronavirus

Das Astrazeneca-Vakzin hat nach der Zweitimpfung bei der Studie von den britischen Gesundheitsbehörden eine 60-prozentige Wirksamkeit gegen die Delta-Variante aus Indien bewiesen und eine 66-prozentige gegen die Alpha-Variante aus Großbritannien. Einen großen Unterschied gibt es hierbei also nicht.

Delta-Variante Coronavirus: Schwerer Verlauf und Symptome verhindert

Mit einer vollständigen Corona-Impfung lassen sich laut einer am Montag, 21.06.21, vorgestellten Studie der britischen Gesundheitsbehörde Public Health England (PHE) schwere Krankheitsverläufe bei der Delta-Variante ebenso wirksam vermeiden wie bei der Alpha-Variante. Zwei Dosen des Wirkstoffs von Pfizer/Biontech verhinderten demnach bei der Variante B.1.617.2 in 96 Prozent der Fälle eine stationäre Behandlung. Für das Vakzin von Astrazeneca lag die Quote bei 92 Prozent.

Erste Corona-Impfung nur begrenzt Schutz gegen die Delta-Variante

Einig sind sich Wissenschaftler darin, dass eine einzelne Dosis nur begrenzt Schutz vor einer Infektion durch die Delta-Variante bietet. So ergab die in "The Lancet" veröffentlichte Studie, dass 79 Prozent der Geimpften nach einer ersten Dosis von Pfizer/Biontech "eine quantifizierbare neutralisierende Antikörperreaktion" gegen den ursprünglichen Virusstamm hatten, bei der Variante B.1.617.2 hingegen nur 32 Prozent.
Auch das französische Institut Pasteur erklärte, eine einzelne Astrazeneca-Dosis habe „wenig bis gar keine Wirksamkeit“ gegen die Delta-Variante.

Biontech und Astrazeneca: Nach Erstimpfung Wirkung von 33 Prozent gegen Delta-Variante

Daten der britischen Regierung weisen in dieselbe Richtung: Beide Impfstoffe waren demnach drei Wochen nach der ersten Dosis nur zu 33 Prozent wirksam gegen eine durch die Delta-Variante verursachte symptomatische Covid-19-Erkrankung. Die britische Regierung verringerte daraufhin am Montag den Abstand zwischen der ersten und der zweiten Impfung für Menschen über 40 Jahren von zwölf auf acht Wochen. Auch in Frankreich wurde der Zeitraum zwischen den Impfungen reduziert.

Corona Delta-Variante: Vierte Welle durch idnische Mutation in Deutschland?

Ein vierte Welle des Coronavirus mit der Delta-Variante könnte Deutschland im Herbst und WInter drohen. Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) schloss deshalb eine Rückkehr zu Kontaktbeschränkungen nicht aus: „Ich rechne damit, dass die Delta-Variante in einem Monat auch in Deutschland die vorherrschende Variante ist“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) am Montag, 21. Juni. Man könne auch nicht ausschließen, dass Menschen infiziert aus dem Sommerurlaub zurückkehren. Mehr zum Thema gibt es hier: Wie wirkt sich die Delta-Variante auf Reisen und Urlaub in Virusvariantengebiete aus?
Nach Sicht von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn geht es in der derzeitigen Pandemie-Phase auch mit Blick auf die Delta-Variante darum, die richtige Balance zu finden. Lockerungen der Corona-Regeln im Sommer möchte der CDU-Politiker, aber: Die Stimmung dürfe aber nicht zu Übermut führen. „Also: Zuversicht für den Sommer, aber eben auch Vorsicht vor allem dann auch Richtung Herbst und Winter.“

Herdenimmunität durch Delta-Variante des Coronavirus gefährdet?

„Delta ist noch ein Stück ansteckender als die derzeit vorherrschende Virusvariante Alpha. Anhand der bisherigen, noch unsicheren Daten bräuchte man wohl rund 85 Prozent immune Menschen in der Bevölkerung, um die Ungeimpften indirekt mit zu schützen“, sagte Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, der Deutschen Presse-Agentur. Nur so könnte eine Herdenimmunität erreicht werden.
Das Robert Koch-Institut (RKI) spricht seit längerem von einem Ziel von mehr als 80 Prozent immunen Menschen für eine Herdenimmunität – nach vollständiger Impfung oder Infektion plus Impfung –, um weitgehend auf Maßnahmen und Regeln verzichten zu können. Zu Beginn der Corona-Pandemie gingen Experten noch von einem Anteil von rund zwei Dritteln aus, wegen des damals noch weniger infektiösen Erregers.

Sorgen über Delta-Virusvariante – Karl Lauterbach sorgt sich um ungeimpfte Kinder

Noch ist die Delta-Variante des Coronavirus in Deutschland wenig verbreitet. Doch ihr Anteil steigt. Bei Ärzten läuten Alarmglocken. Der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach macht sich um eine ganz bestimmte Gruppe Sorgen.
Ärzte sehen die als besonders infektiös geltende Delta-Variante des Coronavirus mit Sorge. Der Vorsitzende des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, warf die Frage auf, ob die aktuellen Corona-Lockerungen nicht zu weit gingen. Der Vorsitzende der Gesundheitsministerkonferenz, Klaus Holetschek (CSU), riet zu „allerhöchster Wachsamkeit“. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sorgt sich vor allem um ungeimpfte Kinder.
„Das Tückische bei dieser Variante ist, dass Infizierte sehr schnell eine sehr hohe Viruslast im Rachen haben und damit andere anstecken können, bevor sie überhaupt merken, dass sie sich infiziert haben“, sagte Montgomery, Vorsitzender des Weltärztebundes, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Er mahnte, im öffentlichen Nahverkehr, in Geschäften und anderen Innenräumen sollten unbedingt weiterhin FFP2-Masken getragen werden. Die Länder sollten prüfen, ob die angekündigten Lockerungen nicht zu weit gingen.

Delta-Variante: Spahn und Wieler warnen vor Verbreitung der Corona-Mutation

Trotz niedriger Ansteckungszahlen und des Impffortschritts mahnen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar Wieler, die Bevölkerung angesichts der besonders ansteckenden Delta-Variante des Coronavirus weiter zu großer Vorsicht. Die Frage sei nicht, ob die Variante die dominierende werde, sondern nur wann und unter welchen Bedingungen, sagte Spahn bei der wöchentlichen Pressekonferenz zur Corona-Lage am Freitag in Berlin. Seinen Angaben zufolge waren am Freitag 29,6 Prozent der Bevölkerung vollständig und 50,1 Prozent mindestens einmal geimpft.
Noch verbreite sie sich auf niedrigem Niveau, das aber besonders schnell, sagte Spahn. Das könne die derzeitigen Erfolge bei der Pandemie-Bekämpfung wieder in Frage zu stellen. Um die Ausbreitung exakt zu erfassen, würden alle Positiv-Testungen daraufhin untersucht, auf welche Virus-Variante sie zurückgehen, erklärte Spahn.

Delta-Variante: Corona-Regeln einhalten bleibt wichtig

Wie es in Deutschland weitergehe, hänge entscheidend vom Impffortschritt ab und davon, „wie wir uns verhalten“, sagte Wieler und warb darum, auch bei niedrigen Inzidenzen und über den ganzen Sommer die AHA-Regeln einzuhalten. In Innenräumen, im öffentlichen Verkehr, am Arbeitsplatz und auch in den Schulen sollten weiterhin die Masken getragen werden, empfahl Wieler. Es komme weiter entscheidend darauf an, die Infektionszahlen niedrig zu halten: „Zu große Lockerungen werden dazu führen, dass die Virusverbreitung wieder zunimmt“, warnte Wieler.

Corona-Regeln wegen Delta-Variante verschärfen und Lockerungen zurücknehmen?

Spahn ergänzte, wo bei niedrigen Inzidenzen regional gelockert werde, müssten die Verantwortlichen in den Landkreisen auch bereit sein, die Regeln wieder zu verschärfen, wenn die Zahlen steigen. Die Lehre aus den vergangenen Monaten müsse sein, dass man nicht warten dürfe: „Nicht erst eingreifen bei 50“, warnte Spahn, „sondern möglichst früh!“
Mehr zu Corona und den Folgen in Brandenburg und Berlin gibt es auf unserer Themenseite.