Im "Zeit-Magazin" schildert Jany Tempel, wie sie durch Regisseur Dieter Wedel (75) vergewaltigt worden sei, so: Er packte sie mit Wucht, drückte sie erst an die Wand, warf sie dann aufs Bett. Sie schreit, er wirkt wie ein erregtes Tier. Sie wimmert und lässt es über sich ergehen. "Bitte machen Sie mir kein Kind", presst sie noch heraus.
Jany Tempel ist eine von drei Frauen, die nun öffentlich in dem "Zeit"-Artikel behaupten, Wedel habe sich an ihnen vergangen.Der Regisseur allerdings weist die Vorwürfe in einer schriftlichen Erklärung mit Vehemenz zurück.
Es ist der erste Fall in Deutschland, der sexuelle Nötigung in der Schauspielszene so detailliert schildert. Ist das der Beginn eines Umdenkens? Werden sich die Verhältnisse, in denen vornehmlich Männer die Angst von Schauspielerinnen für ihren Vorteil ausnutzen, ändern? In Bad Hersfeld, wo Wedel Intendant der dortigen Festspiele ist, wohl erst einmal nicht. Der Bürgermeister stärkt seinem Festspielintendanten demonstrativ den Rücken "Ich habe keinen Anlass, an der Glaubwürdigkeit von Dieter Wedel zu zweifeln. Er genießt unser vollstes Vertrauen. Im Zusammenhang mit den gegen ihn erhobenen Vorwürfen fühle ich mich an eine Hexenjagd erinnert", sagte der parteilose Rathaus-Chef Thomas Fehling am Donnerstag.
In Deutschland herrscht größtenteils Schweigen, moniert die Leiterin der Berliner Antidiskriminierungsstelle Christine Lüders. "Schauspielerinnen und Schauspieler, die Belästigung erfahren haben, wurden viel zu lange allein gelassen", erläutert sie. Im Gegensatz dazu wurde in den USA mit #metoo eine Revolution losgetreten. Vorläufiger Höhepunkt ist, dass sich unter der Initiative #timesup - sinngemäß: "die Zeit des Schweigens ist vorbei' - 300 Künstlerinnen zusammengefunden haben, die gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz vorgehen. Elf Millionen Euro sammelten Schauspielerinnen wie Reese Witherspoon und Meryl Streep. Mit dem Geld sollen Betroffene Rechtsbeihilfe erhalten. Auch hierzulande gibt es erste Ansätze.
Der Bundesverband Schauspiel und ein Netzwerk von Branchenorganisationen planen, eine Beschwerdestelle einzurichten. Opfer sollen hier Kontakt zu Juristen und Therapeuten erhalten. Außerdem haben Künstler dank eines virtuellen Kummerkastens die Möglichkeit, ihren Fall anonym zu schildern. Die Deutsche Filmakademie hat einen Arbeitskreis gebildet und zum Diskurs eingeladen. Es sind zaghafte Versuche.
Wie schwierig die Situation ist, schildert der Bundesverband Schauspiel. "Das Feld ist ein fruchtbarer Boden für sexuell übergriffiges Verhalten", heißt es auf der Homepage. Die Akteurinnen und Akteure sind nur in befristeten Verträgen beschäftigt. Personal- oder Betriebsräte existieren in kleinen Filmproduktionen und Theaterbetrieben nicht. Keine Anlaufstellen, keine Kontrollen. Häufig sind es Männer in Machtpositionen, die diese Situation ausnutzen. Dazu kommt eine der größten Triebfedern menschlichen Handelns: Angst. Weil sie sich fürchten, keine Aufträge zu bekommen, als Lügnerinnen dazustehen oder als prüde, schweigen sie. Und schlucken hinunter. Teils mit verheerenden psychischen Folgen.
Zugleich nutzen einige Frauen dieses Machtgefüge auch aus. "Ich kenne einige wenige Schauspielerinnen, die sich freiwillig in sexuelle Situationen begeben, um einen Vorteil davon zu haben", sagt Agentin Antje Kronacher im "Zeit-Magazin". Eine Verhaltensweise, die gefährlich ist. Weil Frauen damit einer seit Jahrhunderten praktizierten Objektifizierung ihres Geschlechts zustimmen. Von da ist es nur ein kleiner Schritt zu den Problemen: wenig Frauen in Leitungspositionen und ungleiche Gehälter. Deshalb sind Debatten wie jene in den USA und jene um Wedel wichtig. Auch wenn es seine Schuld noch zu beweisen gilt.
Eine ähnliche Kraft haben Symbole. Wie jene Geste, dass zu den Golden Globes am Sonntag Schauspielerinnen wie Streep und Schauspieler wie Dwayne Johnson in schwarzen Outfits über den Roten Teppich gehen werden. Damit sagen sie: Wir protestieren gegen die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen in der Branche. Es ist ein Symbol, mehr nicht. Denn jahrelang haben viele der Künstler, die sich jetzt stark machen, geschwiegen. Aber immerhin, sie demonstrieren: Wir schauen nicht länger zu. Wir machen etwas. Die deutsche Film- und Theaterbranche scheint noch nicht so weit zu sein.