Ausgerechnet der sowjetische Kosmonaut Gagarin soll Menschen Gott näher bringen?
Gagarin sagte, er habe Gott dort im Himmel nicht gefunden. Die Bar, deren Name für Sozialismus und Atheismus steht, passt gut zu unserer Idee.
Und diese heißt, mit Bier und Wein zum Seelenheil?
(lacht) Es geht darum, Menschen dort abzuholen, wo sie sind. Mitten im Leben. Und Alkohol gehört halt dazu. Wenn man die Bibel liest, alleine die Schöpfungsgeschichte, steht darin, Gott, der Schöpfer, hat auch die Flüssigkeit erschaffen. Außerdem heißt es dort auch, Wein macht Freude.
Ist das keine Sünde?
Katholische Priester trinken jeden Tag Wein bei der Messe. Wein hat eine besondere Bedeutung in der Liturgie, es soll Blut Jesu' darstellen. Die Eucharistie (das Abendmahl) wird mit Brot und Wein zelebriert. Und die Mönche brauten ja schon seit Jahrhunderten Bier.
Löst der Alkohol die Zunge bei dem Stammtisch?
Die Gespräche sind so interessant, dass man vergisst zu trinken. Ich selbst trinke kein Bier dabei, denn ich bin dann zu schnell betrunken. Also lieber doch einen Tee oder Saft.
Beichten die Leute etwas: Frau betrogen, Chef angelogen? Und Sie erlassen dann alle Sünden?
Nein. Zuerst sollte eine Beziehung zu Gott entstehen, dann stehen da die Gebote. Wenn diese nicht vorhanden ist, sind sie wie reine Verkehrsregeln. Darum geht es nicht im Christentum. Sondern um eine Antwort auf eine tiefe Sehnsucht nach Gott.
In einer säkularisierten Stadt wie Berlin?
Wenn jemand zu dem Treffen "Bei Gagarin" kommt, weil da ein netter Priester ist - das ist schon viel!
Ist Gott auch nett?
Eigentlich nein. Die Darstellung von Gott als einem weisen alten Mann mit Bart stimmt nicht. Der biblische Gott ist ein gekreuzigter Gott. Kreuzigung und Nettsein widersprechen sich.
Aber Kneipe und Gott? Die traditionelle Kirche rümpft bestimmt die Nase.
Das sind Vorurteile, dass Kirche und Gott mit Kneipe und Spaß nicht passen. Die Frage wäre dann auch: Kann ich Kaffee trinken und beten? Warum nicht. Wir sind doch dieselben Menschen in der Kneipe und in der Kirche. Vielleicht versuchen wir gar die gleichen Probleme zu lösen hier und dort.
Also Gesprächstreffen als Ersatz für die Psychotherapie?
Genau andersrum. Psychotherapie ist Ersatz für solche Gespräche. Sowas gab es ja schon vorher. Früher ging man in die Kirche und zum Saufen, jetzt zum Therapeuten oder in die Yoga-Gruppe.
Sie meinen Kirche in der Kneipe funktioniert besser?
Viele Menschen sagen, es ist für sie sogar besser in der Bar über Gott zu sprechen. Denn es ist meine Lebensrealität, nicht diese künstliche Trennung: Hier lebe ich, hier bete ich.
Etwas unorthodox Ihre Ideen. Sie machen auch einen Single-Gottesdienst am Valentinstag. Wein gibt es hinterher ...
Wir Ordensmänner sind beim Thema Single und Alleinsein ja Spezialisten. Beim ersten Mal kamen um die 70 Leute und dankten, dass sie an dem Tag mit der allgegenwärtigen "Herzatmosphäre" nicht allein sein müssen. Die meisten von ihnen, religiös Ungebundene, waren zum ersten Mal in der Kirche.
Viele Dinge, die sie machen, haben mit Alkohol zu tun. Sie bieten auch ungewöhnliche Weinproben an ...
Wir haben auch alkoholfreie Getränke (lacht). Außerdem geht es uns um das gemeinsame Treffen am Tisch, bei Gagarin und den anderen Veranstaltungen. Jesus hat sich mit seinen Jüngern auch am Tisch getroffen. Es gab Speis und Trank. Auch er wurde als Säufer und Freund der Säufer und Zöllner beschimpft.
Also ist das Bild der Kirche, in der es nur um Leid und Trauer geht, falsch?
In der Kirche geht es viel um Freude und Spaß. Man kann Tisch als Versuchung und Sünde sehen, oder eine Feier am Tisch als Ausdruck der Freude, der Gemeinschaft und Offenheit betrachten. Eine Tischkultur zu genießen und Feste zu feiern, das kann man in der katholischen Kirche gut lernen. Die evangelischen Christen feiern da gemäßigter.
Der Mensch ist doch ein Sünder ...
Zuerst muss man Gott entdecken, dann kann er sich mit der Sünde beschäftigen. Denn die kommt von der Beziehung zu Gott, nicht zu einem Regelwerk.
Kirche light?
Nein, eher anders und innovativ. Wir reduzieren ja nicht den Inhalt. Man trifft die Menschen einfach dort, wo sie sind. Wenn sie nicht in der Kirche sind, dann holen wir sie vor Ort ab. Man muss dahin gehen, zum Beispiel in eine Bar. Wenn Politiker Wahlkampf vor dem Supermarkt machen, wundert sich doch auch keiner.
Und dann gibt es da noch den Tiergottesdienst - allerdings für Kuscheltiere ...
Ein altes Brauchtum. Bevor man früher auf die Weide ging, wurden die Kühe gesegnet. Eine Kuh hat kaum jemand in Berlin. Deswegen haben wir das auf die heutige Zeit und die Großstadt gemünzt. Wir machen das mit Kuscheltieren.