Sprechen wie ein „Oderling“ ist modern:2000 junge Leute tauschen sich im Online-Dienst Facebook über Floskeln, Sprachbilder und Sprech-Erlebnisse aus. Heike Hahnfragte Sprachwissenschaftler Dr. Peter Rosenberg von der Europa-Universität Viadrina, was die Berlin-Brandenburger Umgangssprache ausmacht.
Herr Rosenberg, welchen Dialekt sprechen die Frankfurter?
Dr. Peter Rosenberg: Grundsätzlich wird die Sprechvariante als Berlin-Brandenburger Umgangssprache bezeichnet, die in Brandenburg einschließlich Berlins – mit lokalen Unterschieden – verbreitet ist.
Woher stammt diese Art zu sprechen?
Ursprünglich wurde in unserem Raum Niederdeutsch, also Platt, gesprochen. Die Siedler kamen aus allen möglichen Ecken des niederdeutschen Sprachgebiets und siedelten sich im Nordosten Deutschlands an. Die Mehrheit machten die Elb-Ostfalen aus, die etwa aus dem Raum südöstlich von Hannover, zwischen Elbe, Saale und Harz, kamen. Aber auch Rheinländer, Friesen und andere. Deshalb entstand ein kunterbunter niederdeutscher Mischdialekt.
Niederdeutsch spricht aber heutzutage kaum noch jemand in Brandenburg. Woran liegt das?
Frankfurt/Oder gehörte zur Hanse, weshalb sich die Stadt auch nach Norden orientierte. Selbst im Schriftverkehr wurde Niederdeutsch verwendet. Das hat sich geändert, als der Niedergang der Hanse unabwendbar wurde – etwa um das Jahr 1500. In der Oberschicht hat man angefangen, sich nach und nach vom Niederdeutschen Richtung Süden, zum Beispiel Leipzig, abzuwenden.
Was haben sie also damals gesprochen?
Es graust die Berliner und Brandenburger vielleicht, denn die Elite stand unter dem obersächsischen Einfluss des „Meißnischen“, der damaligen Prestigesprache. In der breiten Bevölkerung entwickelte sich schließlich eine Art Mischdialekt, man könnte sagen, ein vermitteldeutschtes Niederdeutsch. Das ist auch bis heute die Berlin-Brandenburger Umgangssprache.
Woran erkennt man, dass wir noch teilweise Platt sprechen?
Wenn man im Hochdeutschen „ei“ sagt, wo es im Platt „ee“ heißt, sagen wir „ee“ wie im Niederdeutschen, zum Beispiel „Arbeet“, „kleen“, „alleen“. Dagegen sagen wir aber überall dort, wo man im Hochdeutschen „ei“ sagt, im Niederdeutschen aber „ie“, „ei“ wie im Hochdeutschen. Zum Beispiel „sein“, niederdeutsch „sien“: Wir sagen nicht „seene Beene“, wir sagen „seine Beene“.
Manchmal hört man aber „meene Beene“.
Ja, komischerweise. Das sind Analogien, die man im Laufe der Zeit falsch identifiziert hat.
In förmlichen Situationen hört man diese Umgangssprache aber eher selten.
Wo kam das Hochdeutsche her?
Im Laufe der Zeit hat sich, verstärkt mit der Einführung der Schulpflicht im 18. Jahrhundert, das Hochdeutsch etabliert. Die städtische Oberschicht hat wieder, wie immer, etwas zur Unterscheidung gesucht und das Hochdeutsche angenommen. Die Berlin-Brandenburger Umgangssprache wurde so nach unten verdrängt. Zuerst begann diese Entwicklung in den Städten, nur langsam auf dem Land.
Was geschah mit der Sprache im geteilten Deutschland?
West-Berlin kann man als kleine „Sprachinsel“ sehen. Dort wurde die Berlin-Brandenburger Umgangssprache in die Unterschicht verdrängt oder nur bei sehr lockerem Sprechen verwendet. In Ost-Berlin und Brandenburg war das anders. Man hat die Umgangssprache auch von Leuten sprechen gehört, die man eher zur Elite hätte zählen wollen. Sportler sprachen selbstbewusst Berlin-Brandenburgisch, Künstler wie Helga Hahnemannoder Kabarettisten, aber auch mancher Politiker.
Woran lag es, dass die Umgangssprache im Osten eher akzeptiert wurde?
Das hat etwas mit der Gesellschaftsstruktur zu tun. Im Westen hoben sich die Schichten auch sprachlich deutlicher von einander ab als in der DDR, die diese Gegensätze nicht wollte, sondern eher Volkstümlichkeit zeigte. Richtig „individuell“ war man im Westen, wenn man die Sprache je nach Situation variierte, im Osten, wenn man „echt“ und „sich treu“ blieb, auch sprachlich.
Und wo wird die Mischung aus Umgangssprache und Hochdeutsch deutlich?
An der Oder hoch, fast schon bis zur Küste, wird das „g“ selten wie ein „g“ ausgesprochen. Es wird häufig wie „j“ ausgesprochen. Wir hören also so etwas wie „jegessen“. Logischerweise müsste es „jejessen“ heißen, tut es aber nicht. Dort ist der Einfluss des Hochdeutschen mittendrin. Am Anfang das „je“ ist Umgangssprache, das „gessen“ ist Hochdeutsch. Das eigentliche Plattdeutsche hat meist gar kein „je-“, sondern sagt „ick heff eten“. Aber Niederdeutsch ist sowieso, besonders bei Jüngeren und wenn es förmlicher wird, im Rückgang.
Wie sieht die Zukunft unserer Sprache aus?
Wie man am „je-“ sieht, breitet sich die Berlin-Brandenburger Umgangssprache entlang der Oder zur Küste aus und wird zur „Sprache unter uns“, auch in ehemaligen Plattregionen. 100 Kilometer rund um Berlin ist das fast die Normalaussprache, wie unser neues Forschungsprojekt „Sprachvariation in Norddeutschland“ zeigt. Wir haben also ein doppeltes Vordringen: Das Hochdeutsche gegenüber der Berlin-Brandenburgischen Umgangssprache, und diese gegenüber dem Niederdeutschen. Das Niederdeutsche hat also schlechte Karten und wird bei Jüngeren eher als sprachliches Heimatsymbol verwendet. Und da reicht es, wenn man mal sagen kann: „Wat mutt, dat mutt!“