Herr Kahrs, Sie selbst sind seit 24 Jahren mit Ihrem Partner zusammen und sagen, dass Sie sich nicht verpartnern wollen ...
Ich will ihn heiraten! Ich diskriminiere mich ungern selbst.
Was ist denn an der Lebenspartnerschaft so diskriminierend, wo sie doch in vielen Punkten – ausgenommen das Adoptionsrecht – der Ehe gleichgestellt ist?
Ich kämpfe seit 1998 für die Gleichstellung von Schwulen und Lesben. Jeden Fortschritt haben wir entweder unter Rot-Grün gegen die CDU erkämpft oder durch das Bundesverfassungsgericht. Keinen Schritt ist die Union freiwillig gegangen. Und seit 2005 ist diejenige, die das persönlich blockiert und das auch bei jeder Gelegenheit sagt, Frau Merkel. Die will einfach nicht. Das ist für mich deswegen so ätzend, weil ich glaube, dass Gleichberechtigung bedeutet, dass Menschen heiraten können, wenn sie wollen. Frau Merkel ist verheiratet, Herr Kauder ist verheiratet, Herr Schäuble ist verheiratet. Warum darf ich meinen Freund nicht heiraten?
Außerdem wollen sich viele Menschen nicht verpartnern, weil sie erhebliche Nachteile befürchten. Wenn ich mich bei einem Arbeitgeber melde und meine Papiere ausfülle, dann muss ich angeben, ob ich verheiratet bin, verpartnert, verwitwet oder ledig bin. Da kann ich doch gleich reinschreiben, ich bin lesbisch oder schwul. Das kommt nicht in jeder Firma gut. Es gibt viele Gegenden in Deutschland, wo das noch schwierig ist. „Schwuchtel“ ist ein Schimpfwort auf Schulhöfen, die Selbstmordrate von lesbischen und schwulen Jugendlichen ist um ein Vielfaches höher als bei anderen Jugendlichen.
Eigentlich hätte ich erwartet, dass Frau Merkel persönlich etwas dafür tut, dass die Menschen gleich behandelt werden. Stattdessen kämpft sie hart dafür, dass Millionen von Menschen weiter diskriminiert werden.
Vor vier Jahren, als die SPD noch in der Opposition war, haben Sie an die Sprunghaftigkeit von Frau Merkel appelliert. Sind sie überrascht, dass sie ausgerechnet in dieser Frage hart geblieben ist?
Sie hat sich ja seit 2005 nicht bewegt. Das entspräche auch nicht ihrem Image, nicht dem, wie sie sich den Deutschen gegenüber gibt. Zugleich führt es aber bei Millionen von Menschen zu Verbitterung, dass sie von ihrer Bundeskanzlerin wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Die CDU könnte das schlagartig innerhalb von Sekunden ändern. Es gibt einen SPD-Entwurf beim Bundesrat, den müssten wir im Bundestag nur übernehmen. Dann hätten wir die Öffnung der Ehe. Das frustet uns alle. Man könnte doch mindestens erwarten, dass man das wie bei der Abtreibung oder bei der Gentechnik macht, dass man also sagt: Das ist eine Gewissensfrage, wir geben die Abstimmung frei. Dann kann Frau Merkel gerne gegen die Gleichstellung von Schwulen und Lesben stimmen. Aber eine große Mehrheit wäre dafür
Gäbe es nicht auch die Möglichkeit, dass ihre eigene Fraktion diesen Zwang aufhebt?
Das wäre schön, denn dann hätten wir das schon lange gemacht. Es gibt in einem Koalitionsvertrag aber den Passus, dass die Koalitionspartner gemeinsam abstimmen. Der ist bindend. Auch der Frage, ob man nach Gewissen abstimmt müssen beide Koalitionspartner zustimmen.
Die Kanzlerin wird sich ja wohl vor der Wahl nicht bewegen. Sehen Sie trotzdem noch einen Weg, die Eheöffnung vor der Wahl durchzukriegen?
Das muss man sehen. Wir haben noch vier Sitzungswochen, und wir könnten den Antrag des Bundesrates jederzeit diskutieren und zur Abstimmung stellen.
Dass die Eheöffnung immer noch nicht durch ist, kreiden viele Lesben und Schwule aber auch der SPD an. Auf die Union hatten sie sowieso nicht gesetzt, die Sozialdemokraten warben aber im vergangenen Wahlkampf damit, dass es „100% Gleichstellung – nur mit uns“ gebe. Belastet das jetzt Ihren Wahlkampf?
Es belastet nicht den Wahlkampf, es belastet mich! Ich habe immer hinter diesem Slogan gestanden. Seit 1998 hat es jede Form von Gleichstellung nur gegeben, weil die SPD mit dafür gesorgt hat. Sie können mit der Union über vieles verhandeln. Die CSU hat die Maut durchgesetzt, Sigmar Gabriel hat sich mit dem Mindestlohn durchgesetzt. Aber in der Frage der Eheöffnung haben wir Angebote gemacht ohne Ende, doch Frau Merkel will nicht. Das verstehen auch viele in meinem Freundeskreis nicht, doch denen kann ich nur sagen: Ich kann mich als Koalitionspartner nur durchsetzen, wenn der andere auch bewegungsfähig ist.
Im kommenden Bundestag könnte es die Mehrheit für die Eheöffnung gar nicht mehr geben, wenn die AfD einzieht und die Union stärker wird. Befürchten Sie das nicht?
Nach den letzten Landtagswahlen hoffe ich, dass der Höhenflug der AfD gestoppt ist. Wir tun jedenfalls alles, was wir können. Aber ganz ausschließen kann ich das nicht. Ich würde ja auch nicht ausschließen, dass die CDU mit der AfD koaliert. Wissen Sie, ich bin Hamburger. Hier hat die CDU auch laufend verkündet, sie würde mit der Schill-Partei nicht koalieren - und tat es dann doch. Die Schill-Truppen sind heute alle in der AfD. Was weiß ich, was nach der nächsten Bundestagswahl passiert. Allein deswegen würde ich das schon gern in dieser Legislaturperiode regeln.
Die Debatte heute findet anlässlich des Internationalen Tags gegen Homophobie statt. Erleben Sie selbst Homophobie im Alltag?
Ich wohne in Hamburg in Sankt Georg und in Berlin im Prenzlauer Berg. Da ist das Problem nicht so groß. Ich bin Oberst der Reserve bei der Bundeswehr, Landesvorsitzender beim THW. Man weiß, dass ich schwul bin, und mit mir legt sich keiner an. Aber ich weiß eben auch, dass es dieses Problem häufig genug gibt. Wenn ich in Schulklassen erkläre, was man als Sprecher für Schwulen und Lesben in der SPD so macht, dann lachen immer viele. Aber nachher kommt eben auch der eine oder andere Jugendliche vorbei und erklärt mir, wie scheiße es ihm geht und wie er diskriminiert wird. Das gibt es auch im Arbeitsleben, häufiger als viele glauben. Ein Gesetz verändert die Lebenswirklichkeit nicht sofort, aber es führt dazu, dass sich die Lebenswirklichkeit nach und nach verändert. Und deswegen wäre es so wichtig, dass die Bundeskanzlerin, die eigentlich Vorbild ist, einen Schritt nach vorn geht und nicht von sich aus weiter diskriminiert, Homophobie ermöglicht und dadurch auch unterstützt.