Im Plenarsaal des Hessischen Landtags sitzt Bijan Kaffenberger in der letzten Reihe. Von der Zuschauertribüne aus ist er meist nicht zu sehen. Kaffenberger findet das okay. "In der Schule saßen die Coolen ja auch immer hinten", sagt der SPD-Politiker, der bei der Landtagswahl im Herbst ein Direktmandat gewann. Er weiß ja, dass er sowieso auffällt. Nicht nur weil er Humor hat und seinem Gegenüber offen entgegentritt, weil er gut aussieht und sich anzuziehen weiß. Kaffenberger hat Tourette.
Als er am Morgen vor der Landtagssitzung in einem Café in der Wiesbadener Innenstadt von sich erzählt, unterbrechen die typischen Tics alle paar Sekunden das Gespräch. Mal verbirgt er sein Gesicht in der Armbeuge, mal zuckt er mit dem Kopf, mal stört ein kurzes Geräusch seine Rede. Einmal landet sein Zeigefinger fast in einer Kaffeetasse. Und so plötzlich die Tics kommen, so schnell sind sie auch wieder vorbei. Das Gespräch geht weiter, wo es unterbrochen wurde. Selbst wenn er wollte: Der 29-Jährige könnte sich gar nicht verstecken.
Wäre Kaffenberger an Tourette und den Reaktionen seiner Mitmenschen auf die Krankheit zerbrochen, er wäre nicht der erste gewesen. Stattdessen suchte er sich ausgerechnet das Tätigkeitsfeld, in dem er so sehr beobachtet und beurteilt wird wie in kaum einem anderen. Er wurde Politiker. Kaffenberger drängt fast ununterbrochen ins Rampenlicht, das ist sein Job. Er muss Leute überzeugen, die von seinen Tics und Zuckungen erst einmal irritiert sind. Er muss Zuhörer durch Reden auf seine Seite ziehen, obwohl unkontrollierte Stotterer und kurze Geräusche seinen Sprachfluss unterbrechen. Natürlich hätte er es auch einfacher haben können. Wollte er aber nicht. Denn er will "natürlich die ganze Welt ver­ändern".
Für ihn beginnt das an den Schulen. Gerade erst hat er seine erste Landtagsrede gehalten, Thema war der Digitalpakt. Und auch hier: unkontrolliertes Zucken, willkürliche und ausladende Bewegungen. Zwischendurch hielt sich Kaffenberger am Pult fest, als wollte er einen heftigen Tic unterdrücken, wo er ihn doch nur hinauszögern kann.
Im Gedächtnis blieb aber auch: Seine Oppositionsrede hatte sich gewaschen. Er beklagte Regierungsversagen auf Bundes- und Landesebene und bekam Zwischenapplaus aus seiner Fraktion. Dass er nach einem Zwischenruf den Chef der CDU-Fraktion abwatschte, nennt er selbst später "eine souveräne Aktion". Und besonders freut er sich über das breite Grinsen des Landtagspräsidenten Boris Rhein (CDU), als Kaffenberger Kultusminister Ralph Lorz (ebenfalls CDU) angriff. "Der hat ja nicht über meine Tics gelacht. Der war amüsiert über meine Rede", sagt der SPD-Politiker  zufrieden. "Die hatte ja auch Humor."
Und doch erzählt er auch von der Anspannung und dem Stress, die mit der ersten Landtagsrede einhergingen. Jeder Parlamentsneuling kennt das, für Kaffenberger wiegt es aber schwerer. Denn unter Anspannung werden die Tics häufiger. Um das zu vermeiden, setzt er auf gute Organisation. Wer sich mit ihm verabredet, kann sich so gut wie sicher sein, dass er pünktlich ist. Nach seiner Jungfernrede zog sich er zurück. "Ich saß einfach mal 20 Minuten in meinem Büro."
Kaffenberger ist, soweit bekannt, der erste Abgeordnete mit Tourette. Noch nie hat es einen Parlamentarier mit dieser Krankheit gegeben. "Sonst wüssten wir das ja wohl", sagt er. "Man darf auch mal der Erste sein." Dabei ist das Syndrom gar nicht mal so selten. Die Deutsche Gesellschaft für Neurologie schätzt, dass mehrere hunderttausend Menschen in Deutschland am Tourette-Syndrom erkrankt sind, harmlose Tics entwickelt sogar jeder Fünfzehnte.
Allerdings sind die Symptome unterschiedlich ausgeprägt: Jeder Vierte ­entwickelt zusätzlich zu den Muskelzuckungen auch vokale Tics  – das sind die Schimpftiraden, die allgemein das Bild von Tourette prägen. Bijan Kaffenberger beleidigt niemanden, zumindest nicht, ohne es zu wollen. Wieso es zu Tourette kommt, ist noch nicht abschließend geklärt. Vieles spricht derzeit aber laut Tourette-Gesellschaft Deutschland dafür, dass ein gestörter Stoffwechsel im Gehirn die Ursache sein könnte. Heilen lässt sich das nicht.
Bei Kaffenberger wurden die ersten Symptome im Kindesalter beobachtet, anfangs taten Großeltern und Lehrer sie als schlechte Angewohnheiten ab. Als sie sich verstetigten, folgten jahrelange Untersuchungen, bevor die Diagnose feststand. Ihm blieb nur, das Beste daraus zu machen. "Mein Umgang mit Tourette hat dazu geführt, dass ich ein ziemlich starker Charakter geworden bin", erklärt er und fängt an zu erzählen: Nachdem sein Vater nach Marokko zurückgekehrt und seine Mutter gestorben war, wuchs er bei den Großeltern auf. Sein Großvater war Maschinenschlosser, seine Großmutter Putzfrau, "sozialdemokratisches Milieu", sagt er. "Eines wussten sie mit Sicherheit: Wenn es ihrem Enkel einmal besser gehen soll als ihnen, ist eine gute Ausbildung die einzige Möglichkeit, das zu erreichen." Und es klappte: Nach dem Abi­tur studierte Kaffenberger Wirtschaftswissenschaften und arbeitete fürs Thüringer Wirtschaftsministerium.
"Wenn man das meistert, zieht man daraus ein gewisses Selbstbewusstsein", sagt er. Und wenn ihn heute noch jemand wegen seiner Tics irritiert anschaut, "dann grämt mich das nicht". Er hat ja auch massiv über seine Krankheit aufgeklärt: Lange hat er den Youtube-Kanal "Tourettikette" bespielt, außerdem schon vor vier Jahren bei "Frag ein Klischee" beantwortet, wie das mit dem Rasieren und dem Sex so funktioniert. Beides klappt übrigens trotz Tourette. Kaffenberger spricht nicht so gern öffentlich über sein Liebesleben. Er verrät aber, dass es ihm gar nicht schwer fällt, Frauen kennenzulernen. Denn: "Wer gut damit klarkommt, ist in der Regel auch der offenere Mensch."
Im Januar hat er außerdem ein Buch veröffentlicht. "Was machen Politiker eigentlich beruflich?" heißt es. Dass er trotzdem behauptet, er sei niemand, "der sich gerne reden hört", kann man ihm glauben oder auch nicht. Er sagt ja selbst, dass er Spaß an Interviews hat. Und dass er seine Botschaft platzieren will.
Natürlich ist Kaffenberger klar, dass die Leute ihn auch wegen des Tourette-Syndroms in Erinnerung behalten und wiedererkennen. Er nennt das einen "fairen Nachteilsausgleich" und erzählt, dass er wegen der Krankheit kein Auto fahren kann und auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen ist. Aber: "Jeder, der bei mir im Wahlkreis regelmäßig Bus fährt, kann jetzt zuordnen, wer ich bin."
Umgekehrt weiß Kaffenberger jetzt, wer in Mühltal einen Hund hat. Wer in Eberstadt gerade seinen Keller umbaut. Und wer in seiner Heimatstadt Roßdorf wann zu Mittag isst. Er hat sie alle getroffen. Ein Ehepaar ist ihm besonders im Gedächtnis geblieben: Beide über 80, beide eher maulfaul, beide haben vielleicht nie zuvor jemanden mit Tourette getroffen. Und dieser wollte nun  ihre Stimme haben. Offenbar hat er seinen Text gut vorgetragen, denn zum Dank bekam er eine kleine Schornsteinfegerfigur geschenkt. Wo die Zinnfigur hinkommt, weiß er schon ganz genau: "Rechts auf dem Schreibtisch neben der kleinen Reichstagskuppel aus Glas." Und von dort aus bezeugt sie, dass auch ein Politiker mit Tourette erfolgreich sein kann.

Tourette-Syndrom


Das Tourette-Syndrom (TS) ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, die sich in sogenannten Tics äußert. Unter Tics versteht man spontane Bewegungen, Laute oder Wortäußerungen, die ohne den Willen des Betroffenen zustande kommen. Vergleichbar ist das mit dem Niesen oder einem Schluckauf. Tics beim Tourette-Syndrom lassen sich nur bedingt kontrollieren. Abhängig davon, wie häufig und heftig diese Tics sind, schränken sie die Lebensqualität der Betroffenen erheblich ein.

Tourette beginnt meist in der Kindheit, seltener auch in der Jugend. Gerade jüngere Kinder machen häufig eine Phase mit Tics durch, die nach einigen Monaten wieder von alleine verschwinden. Bei jedem zehnten Kind verstärken sich die Symptome – es entwickelt sich ein Tourette-Syndrom. Jungen sind viermal so oft betroffen wie Mädchen. Die Gründe dafür sind bislang unbekannt.