„Das ist ein historischer Moment für die SPD“, sagt Saskia Esken, eine Stunde nachdem die Wahllokale geschlossen hatten. Zu diesem Zeitpunkt weiß man, dass die SPD sehr gut abgeschnitten hat, aber nicht ob sie wirklich die Wahl gewonnen hat.
Als dann nach dem ZDF auch die ARD der SPD einen leichten Vorsprung bescheinigt, kommt Olaf Scholz. Einige halten Buchstaben in die Höhe, die das Wort „Danke“ ergeben. Und der gilt eindeutig Olaf Scholz, der minutenlangen Beifall entgegennimmt. „Olaf, Olaf“ rufen die Genossen, aber eine euphorische Rede bekommen sie trotzdem nicht geschenkt. So ist Olaf Scholz nicht. Der steht neben seiner Frau, der Brandenburger Bildungsministerin Britta Ernst, und sagt: „Natürlich freue ich mich über das Wahlergebnis.“ Zwar sei noch nichts sicher, aber sicher sei, „dass viele Bürgerinnen und Bürger bei der SPD ihr Kreuz gemacht haben, weil sie wollen, dass es einen Regierungswechsel gibt.“ Er ergänzt: „Und weil sie wollen, dass der Vizekanzler dieses Landes Kanzler wird.“
Scholz bedankt sich bei den Mitgliedern. Nicht zuletzt für deren Geschlossenheit. „Pragmatismus, Zuversicht und Geschlossenheit“ verspricht Scholz für die Zukunft. „Ich bin sicher, die Bürgerinnen und Bürger werden sich auch nach der Wahl über die Entscheidung freuen, die sie getroffen haben.“

Welche Koalitionen sind möglich?

Das muss sich noch herausstellen. Denn noch ist nicht so viel klar.  „Wir sind uns zu einhundert Prozent sicher, dass wir am Ende vorn liegen“, sagt Lars Knob.  Der Wahlkämpfer aus dem „Team Klingbeil“ geht davon aus, dass „bei Auszählung der Briefwähler unsere Zahlen noch einmal nach oben gehen werden“. Er favorisiere die Ampel, also eine Koalition aus SPD, Grünen und FDP.
Das ist eine recht wahrscheinliche Konstellation, wenn denn die SPD wirklich den Kanzler stellen sollte. „Ich leite aus dem aktuell vorliegenden Ergebnis einen klaren Regierungsauftrag für meine Partei ab“, sagt der Bundestagsabgeordnete Frank Junge, der in Mecklenburg-Vorpommern auf Platz eins der SPD-Landesliste kandidierte.  Junge ist auch Chef der Landesgruppe Ost in der Bundestagsfraktion und sagt: „Gerade mit den für uns so wichtigen sozialpolitischen Themen wie dem 12 Euro Mindestlohn und die Angleichung der Löhne sowie einer sicheren und stabilen Rente“ habe man die Wähler im Osten erreicht.
Welche Möglichkeit aber hat die SPD noch, wenn sie regieren will. Das von der Union an die Wand gemalte Schreckensbündnis aus SPD, Grünen und Linken scheitert an der akuten Schwäche der Letzteren. Selbst wenn Scholz wollte, nicht einmal rechnerisch würde es für Rot-Grün-Rot reichen.
Bliebe die große Koalition unter umgekehrten Vorzeichen. Aber die Sozialdemokraten haben so oft gesagt, dass sie die Union in die Opposition schicken wollen, dass sie jetzt nur schwer hinter diesen Anspruch zurück könnten. Sollten aber Grüne und FDP auf den Gedanken kommen – und entsprechende Gerüchte gibt es – separat miteinander über eine künftige Regierungsarbeit zu verhandeln, dann wäre die GroKo mit der SPD an der Spitze immerhin eine anständige Drohkulisse, die die SPD gegenüber Grünen und Liberalen aufbauen könnte.
Doch noch ist es nicht so weit. Als Olaf Scholz und die Parteiführung wieder weg sind, scheint die Unsicherheit ins Willy-Brand-Haus zurückzukehren und  ausgelassene Feierstimmung zu verhindern. Die Genossinen und Genossen würden gern die Zahlen so glattziehen, dass ein eindeutiger Sieg herauskommen würde. Aber das geht natürlich nicht. Es gilt abzuwarten. Immerhin werden im Laufe des Abend die Bundeszahlen immer besser für die SPD. Von den Einzäunungen draußen vor der Parteizentrale baumeln rote Luftballons mit der Aufschrift: „Deutschlands Zukunft: Scholz packt das an.“  Bier schwappt etwas lustlos in Plastikbechern. Das also ist der historische Abend der SPD? Ja, das ist er. Veränderungen kommen oft eher unspektakulär daher. Und zu viel Veränderung haben die Wählerinnen und Wähler ja offenbar auch wieder nicht gewollt. Andernfalls wäre das gute Abschneiden von Olaf Scholz nicht zu erklären.
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Pocher und Aiwanger verbreiten frühe Zahlen

Immer wieder mal kommt es vor, dass Prominente die Ergebnisse der Nachwahlbefragungen auf Twitter veröffentlichen. An diesem Sonntag taten das der Moderator Oliver Pocher und der Spitzenkandidat der Freien Wähler, Hubert Aiwanger. Letzterer verband das vorläufige Prognoseergebnis der Forschungsgruppe Wahlen mit dem Hinweis, jetzt noch seine Partei zu wählen. Aiwanger löschte den Tweet kurze Zeit später. Doch da waren die Zahlen schon in der Welt. Die CSU forderte Konsequenzen. Laut Bundeswahlgesetz ist es eine Ordnungswidrigkeit, vor Schließung der Wahllokale Ergebnisse von Wahlbefragungen über die Stimmabgabe zu veröffentlichen. Das kann mit einer Geldbuße von bis zu 50 000 Euro geahndet werden. gwb