Vor vier Jahren war Gerd Müller noch der Überraschungsminister. Jetzt ist er der beliebteste Minister in den sozialen Netzwerken. Der CSU-Politiker hat  den  Entwicklungsländern neue Aufmerksamkeit verschafft. Allerdings werden nun die Fragen nach Ergebnissen lauter.
Fast hätte es ihn aus der politischen Bahn geworfen. Gerd Müller, ein  Fast-2-Meter-Mann, der gern mit seinem Namen und der Anspielung auf den berühmten deutschen Fußballer kokettiert, war kurz davor, ein Ex-Minister zu werden. Als es um die Posten in der vierten Merkel-Regierung ging, hatte er mächtige Gegner. In Unionskreisen erzählt man, dass Alexander Dobrindt zu ihnen gehörte. Der immer noch einflussreiche Ex-Finanzminister Theo Waigel war auf Müllers Seite  und schließlich entschied sich Horst Seehofer für ihn. Müller verkörpert das soziale Gewissen der CSU und Seehofer den harten Innenpolitiker. Teamarbeit nicht zuletzt mit Blick auf die Landtagswahl. Aber Müller meint es mit der Entwicklungsarbeit durchaus ernst. Auf seine Weise.
Blickt man auf den Koalitionsvertrag, gewinnt man den Eindruck, dass sich Müller bei den Verhandlungen nicht sonderlich geschickt angestellt hat. Im Gegensatz zu den Erwartungen, die er selbst geweckt hat, wird die Entwicklungspolitik im Vertragswerk  stiefmütterlich behandelt. Im Kapitel XII, in dem es um „Deutschlands Verantwortung für Frieden, Freiheit und Sicherheit in der Welt“ geht, ist die Entwicklungspolitik unter dem achten und letzten Unterpunkt zu finden. Der Etat wurde an den Verteidigungshaushalt gekoppelt. Irgendwo im Text ist die Rede von  „Bekämpfung der Fluchtursachen“. Wie das gehen soll, ist einem der vielen Programme und Pläne zu entnehmen, die der Minister nicht müde wird, aus dem Hut zu zaubern. Etwa den „Marshallplan mit Afrika“. Das Problem ist: Von den Plänen ist bisher kaum etwas umgesetzt worden. Einfacher scheint da die Rückführung von Flüchtlingen zu sein. Gerade erst hat er dafür mehr Geld verlangt. Obwohl sein Haushalt schon in der Vergangenheit kräftig aufgestockt wurde, will er jetzt „Verstärkungsmittel von zusammen rund einer Milliarde Euro“,  um Jobs für Syrer rund um ihr Heimatland zu schaffen.  Es  soll auch Geld für die Bekämpfung von Fluchtursachen in Afrika eingesetzt werden.  Irgendwie.
Gabi Weber, die entwicklungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion,  sieht Müllers Arbeit kritisch. Dass die jetzt stark auf die Stimmung  im bayrischen Heimatland ausgerichtet ist, könne man „nicht von der Hand weisen“.  Die Politikerin vom Koalitionspartner SPD wird deutlich: „Mit der Konzentration der Entwicklungspolitik auf die Bekämpfung der Fluchtursachen sind wir überhaupt nicht einverstanden. Da wird es noch intensive Gespräche geben.“
Dem Grünen Uwe Kekeritz scheint es so,  „als ob Seehofer Müller nur als Minister behalten hat, damit er die unsägliche Rückführungspolitik des Heimatministeriums unterstützt.“ Diplomatischer formuliert Bärbel Dieckmann, Präsidentin der Welthungerhilfe. „Mit Mitteln der Entwicklungspolitik lassen sich nicht alle Fluchtursachen beseitigen. Kriege und der Klimawandel sind weiterhin die größten Hungertreiber und die wichtigsten Fluchtursachen.“
Auch die Amtsführung Müllers sehen viele skeptisch.  „Es ist nicht falsch, die Arbeitsweise des Herrn Müller chaotisch zu nennen“, sagt Kekeritz. Er nennt  Müller  einen „Ankündigungsmister“.  Den „Marshallplan mit Afrika“ habe Müller initiiert, obwohl Angela Merkel sich kurz davor gegen eine derartige Idee ausgesprochen hatte. „Ein anderes Beispiel ist die Afrika-Strategie, die er ohne jede Absprache in die Welt gesetzt hat“, sagt Kekeritz.  „Drei Monate später hat der damalige Außenminister Steinmeier eine eigene Afrika-Strategie vorgelegt, die dann im Kabinett abgesegnet wurde. Müllers Strategie gilt gar nicht.“
Bei aller Kritik, niemand spricht dem Minister guten Willen ab. „Müller brennt wirklich für seine Aufgabe“, sagt Bernd Bornhorst vom katholischen Hilfswerk MISEREOR.  Beispiel: Das Textilbündnis zur Schaffung von Mindeststandards für Lohn und Sicherheit in Bekleidungsfabriken der Dritten Welt.  „Aber wenn es um die Umsetzung von Vorhaben geht, setzt er zu oft auf die Freiwilligkeit der Wirtschaft. Wir brauchen gesetzliche Regelungen.“
Den steigenden Etat des Müller-Ministeriums begrüßt Bornhorst, nicht aber die Begleitumstände. „Die Koppelung  an den Verteidigungshaushalt ist genauso ein Irrweg, wie die Unterordnung der Entwicklungspolitik unter die Sicherheitspolitik.“ SPD-Entwicklungspolitikerin Gabi Weber sieht keine Abhängigkeit von den Rüstungsausgaben. „Festgelegt ist, dass es bei steigenden Ausgaben für Verteidigung mindestens so viel mehr für Entwicklung geben muss. Mindestens. Darauf kommt es an.“
Uwe Kekeritz  dagegen fürchtet, dass das  „Entwicklungsministerium mehr und mehr zum Hilfsministerium für Sicherheits -und Migrationspolitik“ wird.  Er  moniert, dass sich Müller permanent  in Szene setzt,  obwohl er wenig im Merkel-Kabinett durchsetzen kann.  Und eine Sache nimmt der Grüne dem CSU-Mann richtig übel.  „Wir sind beide Allgäuer. Das nützt aber nichts. Wenn der Herr Müller auf Reisen geht, nimmt er, anders als seine Vorgänger,  grundsätzlich nur Abgeordnete von der Union mit.“