Manchmal, wenn Daniela Richter vor der Schicht ihres Mannes in der Küche den Kaffee aufsetzt, hört sie einen Schrei aus dem Schlafzimmer. Dann ist er wieder da, dieser fürchterliche Krampf in der Brust. "Man denkt, man bekommt einen Herzinfarkt", beschreibt ihn Sven Richter. Er muss dann eine Weile auf dem Bett ausharren und die Schmerzen ertragen. Sie sind die Folge einer schweren Krebs-Operation. Die Ärzte mussten ihm 2008 die Rippen brechen, damit sie ihm einen Teil der Lunge herausoperieren konnten. "Alveolarzellkarzinom im linken Lungelappen", lautete die Diagnose.
Ein Befund, die den heute 48-Jährigen aus dem thüringischen Eisenach zurückgeworfen hat in eine Zeit, die er eigentlich vergessen wollte. "Du bist nichts, und du wirst nie etwas werden", hat ihn damals der Direktor des Jugendwerkhofs in Freital bei Dresden begrüßt. Er weiß bis heute nicht, warum man ihn dort hingebracht hat, ein halbes Jahr vor Abschluss seiner Ausbildung zum Facharbeiter für Gießereitechnik. Eigentlich war doch alles ganz gut gelaufen in dem Jugendwohnheim in Gera, in dem er vorher gelebt hatte, nachdem er es zu Hause nicht mehr konnte. Alkohol, Schläge - als 15-Jähriger hatte er schon zwei Selbstmordversuche hinter sich. Die Jugendhilfe brachte ihn direkt aus dem Krankenhaus ins Wohnheim. Eine Zeit des Durchatmens. "Doch dann wurde ich plötzlich ohne Erklärung abgeholt und nach Freital gebracht."
Von den Baracken des Jugendwerkhofs "Junge Welt" blickte Richter direkt auf die vier Hektar große Halde, die die sowjetische Aktiengesellschaft Wismut in den 50er-Jahren für Tausende Tonnen Rückstände aus der Uranförderung angelegt hatte. "Auch die Absetzbecken des ehemaligen Uranbergbaus lagen nur 450 Meter entfernt", bestätigt das Sächsische Landesumweltamt. Die mit Wasser überdeckten Becken blieben jahrzehntelang sich selbst überlassen. Weil der deutsche Strahlungsgrenzwert für Radioaktivität des Schlamm-Teichs um das Fünffache überschritten ist, soll dort im Frühjahr 2014 das Wasser beseitigt und der Atom-Schlamm unter einer meterdicken Tonschicht verschlossen werden. Die fünf Millionen Euro teure Sanierung ist auch nötig, weil die Gifte des Uran-Tümpels schon die Fundamente des benachbarten Edelstahlwerks angreifen.
In diesem Werk muss Sven Richter Anfang der 80er-Jahre 16 Monate Zwangsarbeit leisten. Der Arbeitsweg führt die 14- bis 18-jährigen Jugendlichen täglich an den Absetzbecken vorbei. Die Arbeit ist hart. Platinen und Knüppel schleifen, acht Stunden im Akkord. "Danach war man wie gerädert. Viele sind hinterher beim Essen eingeschlafen", erinnert sich Richter.
Lohn bekommen sie nicht. Im Gegenteil. "Wenn wir die Norm nicht schafften, wurde das Taschengeld gestrichen. Als Strafen drohen unter anderem "Sonderreinigungsdienste oder der demütigende "Sackgang". Richter selbst ist von breiter Statur, wird nicht so oft krank wie die Schwächeren. Doch gegen die schädlichen Einflüsse seiner Umgebung ist auch sein sportlicher Körper nicht gewappnet. Im Stahlwerk gibt es weder Absaugvorrichtungen noch wird Mundschutz getragen. Die Kanzeln sind mit Asbest ausgekleidet. Beim Schleifen wird permanent Nickel freigesetzt.
"Viele der Jugendwerkhöfe wurden gezielt an Industrieanlagen angesiedelt", sagt Karsten Laudien. Der Politikwissenschaftler aus Berlin hat vor kurzem einen Atlas zu DDR-Spezialheimen veröffentlicht. In den Einrichtungen, in denen von 1949 bis 1990 bis zu 100000 Kinder und Jugendliche interniert waren, hätten Zustände wie beim Militär mit Straf- und Lohnsystem geherrscht. Viele blieben ohne Schulabschluss und erhielten auch keine Ausbildungen, die auf dem Arbeitsmarkt anerkannt wurden, erklärt Laudien.
Im Jugendwerkhof Freital, in dem zeitweise rund 130 männliche Jugendliche lebten, wurde im Dreischichtsystem gearbeitet. Aus einer Akte des Jahres 1979 geht nach Angaben Laudiens hervor, dass dort Platz für weitere 100 Jugendliche geschaffen werden sollte, obwohl der Bedarf an Jugendwerkhöfen abnahm, wie der Forscher berichtet. "Offenbar wegen der im Edelstahlwerk benötigten Arbeitskräfte."
Das Gefühl, für die Planerfüllung der DDR ausgenutzt worden zu sein, ohne Rücksicht auf Verluste, nagt an Sven Richter. Es hat dafür gesorgt, dass er nach vielen Jahren des Schweigens die Schublade aufgezogen und die schmerzhaften Erinnerungen herausgelassen hat. An die traumatischen Tage in der vier Quadratmeter kleinen Arrestzelle und die winterlichen Strafappelle im Schlafanzug. Oder an den Moment, als ein 100 Kilo schweres Metallstück auf seinen Fuß fiel, und kein Erwachsener half. "Fast eine Stunde hat es gedauert, bis mich ein Kamerad zur Sani-Baracke geschleppt hat. Der Fuß aufgebläht wie ein Ballon." Er wurde gerettet. Der Freund habe es seit dem Gewaltmarsch mit dem Rücken. "Man hatte ihm damals eine Spritze hinein gejagt. Da ist wohl was schief gelaufen."
Man hat sich inzwischen wiedergefunden. Über Webseiten wie www. Schattenkinder-der-ddr.de tauscht man sich aus, recherchiert gemeinsam nach Daten zu der Strahlenbelastung im Freitaler Jugendwerkhof. "Es gibt eine Reihe von weiteren ehemaligen Insassen, die an unerklärlichen Krankheiten leiden", sagt Daniela Richter, die ihren Mann beim Kampf um Rehabilitierung und Aufklärung unterstützt. "Sie erzählen von Ratten, die größer waren als Katzen", berichtet die 43-Jährige.
Auch im Amt für Strahlenschutz ist das Problem bekannt. "In Freital wurde in Häusern das Zehnfache der normalen Radon-Strahlung gemessen," sagt Medizinphysikerin Inge Schmitz-Feuerhake. Schon niedrigere Dosen in der Außenwelt erzeugten Lungenkrebs. Auffällig bei Richter und einem weiteren Betroffenen aus dem Jugendwerkhof sei das junge Erkrankungsalter, in dem dieser Krebs normalerweise nur sehr selten auftrete, sagt die Expertin. Sie erstellt Gutachten für krebserkrankte Bergleute der Wismut zwecks Anerkennung bei den Berufsgenossenschaften. "Doch die spielen das Problem herunter."
Auch Sven Richters Krebs wird nicht als Berufskrankheit anerkannt. Die einmalige Zahlung von 300 Euro Entschädigung aus dem Fonds Heimerziehung, die er für jeden Monat im Jugendwerkhof bekommen hat, reichen nicht aus, um sich zur Ruhe zu setzen. Wenn der 48-Jährige, der inzwischen auch noch an Multiple Sklerose erkrankt ist, heute in Rente gehen würde, bekäme er 841 Euro. "Damit kann ich meine fünfköpfige Familie nicht ernähren", sagt Richter.
Aus dem Kinderzimmer hört man seinen fünfjährigen Sohn lachen. Richter will für ihn sorgen können. Will sich nie wieder von einem Staat abhängig machen. So geht er trotz Atemnot und teilweise gelähmten Gliedern weiter zur Nachtschicht im Motorenwerk und bedient schwere Maschinen. "Du bist nichts, und du wirst auch nie etwas werden" - die Ansage von damals hat gewirkt. Wenn die Familie beim Essen sitzt, lege ihr Mann immer nach 15 Minuten das Besteck weg, "als wäre er noch im Jugendwerkhof", berichtet Daniela Richter. Es sei wie eine innere Uhr, die noch immer in ihm ticke. Aus Sven Richter ist ein Arbeitstier geworden. Einer, der sich trotz schwerer Krankheit noch kaputt schuftet. Hauptsache Leistung bringen - das wird er nicht mehr los.