Bamako, die Hauptstadt Malis, platzt seit der großen Fluchtbewegung, die der Aufstand separatistischer Tuaregs und islamistischer Gotteskrieger vor fünf Jahren ausgelöst hat, aus allen Nähten. Auf mehr als zwei Millionen Menschen ist die Stadt inzwischen angeschwollen. Die allgemeine Lebenssituation ist prekär. Nach UN-Angaben müssen rund 51 Prozent der malischen Bevölkerung mit weniger als einem Dollar pro Tag ihr Leben fristen. Besonderes gravierend ist die Lage der Kinder.
Das Centre d´Acceuil et de Placement Familial in Bamako ist das einzige staatliche Waisenhaus des Landes. Derzeit leben hier zwischen 250 und 300 Kinder - in Gebäuden, die allenfalls für ein Drittel ausgelegt sind; Kinder vom Säuglingsalter bis etwa fünf Jahren. Sie werden mit dem Notwendigsten versorgt, das heißt sie haben ein Dach über dem Kopf und Essen. Darüber hinaus fehlt es an fast allem: an Betreuungspersonal, Medikamenten, Windeln - an allem, was über das bloße "Verwahren" hinausgeht.
Nicht alle Kinder sind tatsächlich Waisen. Viele sind - eine Folge der extremen Armut - ausgesetzt worden. In anderen Fällen sind Familien nicht in der Lage, für die Kinder zu sorgen. Und es werden viele Kinder geboren in Mali. Die Geburtenrate ist - bei sechs bis sieben Kindern pro Frau - eine der höchsten weltweit. Viele sterben aber auch in den ersten Lebensjahren.
Eigentlich ist das Waisenhaus nahe des großen Markts im Stadtteil Dravela auch eine Familienangelegenheit. Als die Eltern von Laura Pfälzner, beides Archäologen und Ethnologen aus Berlin und Tübingen, 1996 erstmals nach Mali kamen, waren sie von den Zuständen im Waisenhaus derart erschüttert, dass sie spontan eine Hilfsaktion ins Leben riefen. Sie richteten Spendenaufrufe an Freunde und Bekannte, wodurch ein Startkapital von rund 7500 DM zusammenkam. Das ist nicht viel - nach europäischen Maßstäben. Aber es reichte in Bamako für die Einstellung von sechs Betreuerinnen, zusätzlich zu den schon beschäftigten sechs. Seither hat die Familie, Jahr für Jahr, mit großem Engagement weiteres Geld gesammelt und der Einrichtung zukommen lassen, ist auch immer wieder hingefahren.
Es gelang, einen mehr oder weniger festen Spenderkreis zu organisieren, dessen Hilfe sich allmählich auch in einer Verbesserung der Verhältnisse im Waisenhaus niederschlug. Eine in Mali ansässige deutsche Ärztin konnte zwischenzeitlich für die Mitarbeit gewonnen werden, so dass die Sterblichkeitsrate im Haus deutlich gesenkt werden konnte. Sie ist aber inzwischen nach Deutschland zurückgekehrt.
Der Kontakt nach Mali wurde schwieriger, als im Jahr 2012 Tuaregs den Norden des Landes überrannten, um einen eigenen Staat auszurufen. Auch islamistische Gruppen mischten mit, dominierten schließlich die Aufständischen, und hätten wohl auch die Hauptstadt eingenommen, wenn nicht französische Truppen eingegriffen hätten. Inzwischen sind neben den Franzosen etwa 12 000 Blauhelme im Land. Auch die Bundeswehr beteiligt sich mit mehr als 800 Soldaten an der UN-Mission zusätzlich zu zwei Ausbildungseinsätzen.
Die Rebellen sind zurückgedrängt, die Sicherheitslage allerdings bleibt prekär. Immer wieder kommt es zu Anschlägen; überwiegend im Norden, aber auch in Bamako. Erst im Juni starben bei einem Überfall auf eine Ferienanlage am Rande der Hauptstadt mehrere Menschen, unter ihnen auch ausländische Gäste. Die Aufständischen nehmen immer wieder Geiseln, für deren Freilassung Lösegeld gefordert wird. Das Auswärtige Amt in Berlin hat eine Reisewarnung ausgegeben.
Laura Pfälzner ist Ende Mai/Anfang Juni von Berlin aus dennoch hingereist, um wieder einmal eine Spende nach Bamako zu bringen und die Verhältnisse im Waisenhaus in Augenschein zu nehmen. 6000 Euro waren es diesmal, wieder der berühmte Tropfen auf einen heißen Stein, der die Verhältnisse nicht grundlegend ändert, den Kindern aber für eine gewisse Zeit das Überleben sichert. Von dem Geld können Pflegekräfte bezahlt, Baby-Nahrung oder Moskitonetze gekauft werdenen. Es geht um oft triviale Dinge, die aber über Leben und Tod entscheiden können. Denn viele Kinder kommen in lebensgefährlicher Verfassung ins Haus, sei es, weil sie krank oder unterernährt sind oder durch Gewalterlebnisse schwer traumatisiert.
Da gibt es zum Beispiel Rokia, die im Mai aufgenommen wurde. Niemand im Haus glaubte, dass sie lange überleben würde, derart schwach und apathisch war sie. Auf zwei Jahre wurde sie geschätzt und wog kaum mehr als ein Neugeborenes in Mitteleuropa. Sie wurde auf einem Markt gefunden, der Name Rokia ihr im Haus gegeben. Laura Pfälzner hat sich während ihres Aufenthalts intensiv um sie gekümmert. Es geht ihr nun besser.
Ein anderer Fall: Die Polizei brachte ein etwa vierjähriges Mädchen direkt aus dem Krankenhaus ins Heim. Es war von Leuten aus den Händen eines Mannes befreit, der versuchte, ihr die Kehle durchzuschneiden. Das Mädchen hatte eine Schnittwunde am Hals. die von einer Schulter zur anderen reichte und mit 18 Stichen genäht worden war. Der Hintergrund des Falles blieb unklar. Was die Kinder im Waisenhaus vor allem brauchen, ist Zeit und Zuwendung, die angesichts der Verhältnisse aber nur unzureichend gewährt werden können. Wenn das Haus überfüllt ist, leidet die Hygiene, dies wiederum führt zu Krankheiten und erhöht die Sterblichkeitsrate.
Weil die Lage so unsicher ist, haben Helfer das Land verlassen oder arbeiten unter erschwerten Bedingungen. Und Mali selbst hat ein Ventil verstopft, das vielen Kindern lange Zeit eine Perspektive bot. Bis 2012 konnten Waisen von ausländischen Eltern adoptiert werden. Auch Laura Pfälzner hat Geschwister aus Mali. Dann aber hat der Islamische Rat Adoptionen ins Ausland verboten, womit die Kinder, die im Alter von fünf das Waisenhaus eigentlich verlassen müssen, einer ungewissen Zukunft preisgegeben werden. Es gibt keine gesicherte Folgeunterbringung. Auch das hat in den vergangenen Jahren zu einer Verschärfung der Lage im Waisenhaus beigetragen.
Laura Pfälzner will sich davon jedoch nicht entmutigen lassen. Sie organisiert von Deutschland aus weiter Hilfe und wird auch wieder nach Mali reisen.

Infos und Spenden


Weitere Informationen über das Waisenhaus sind unter www.bamunan.org zu finden. Spenden können auf das Konto des Vereins BENKADI e.V. eingezahlt werden, IBAN: DE94 4306 0967 4004 6126 01, BIC: GENODEM1GLS, GLS Bank Bochum. Stichwort "Waisenhaus Mali"!Bei Spenden bis 100 Euro dient der Überweisungsbeleg als Spendennachweis fürs Finanzamt. Bei höheren Beträgen gibt es Spendenquittungen zum Ende des Kalenderjahres.