Bandenwerbung in Stadien, TV-Spots zur besten Sendezeit: Internet-Glücksspiel  ist allgegenwärtig. Dabei bewegt sich das Gros der Angebote in einer rechtlichen Grauzone. Der Anbieter „Tipico“ zum Beispiel sitzt in Malta und hat zudem eine Lizenz für Schleswig-Holstein. „Eigentlich müssten die Anbieter darauf hinweisen, dass die Werbung sich nur an Kunden in Schleswig-Holstein richtet“, sagt Tilman Becker, Leiter der Forschungsstelle Glücksspiel an der Universität Stuttgart-Hohenheim, der von einem „Schlupfloch“ spricht. Und einmal auf den Seiten von Wett-Anbietern angelangt, sind illegale Poker- und Casino-Spiele oft nur einen Klick entfernt. „Mit den Sportwetten zieht man die Leute an, das Geld wird in den Online-Casinos verdient“, sagt Becker.
Für ihn und andere Forscher, die sich dieser Tage im Südwesten zu einem Symposium treffen, ist das nur ein Beispiel für das deutsche Politik-Chaos beim Thema Glücksspiel. „Die Länder haben versagt“, ist die gemeinsame Mitteilung mehrerer Experten überschrieben. Deutschland sei zum „Paradies für illegale Anbieter“ geworden. Die Wissenschaftler, darunter Juristen und Psychologen, fordern eine Bundesbehörde, die als nationale Aufsicht den Wildwuchs eindämmen soll. Als Vorbild nennen die Experten die Bankenaufsicht Bafin. Eine Reform sei auch geboten, weil die EU das deutsche Regelungschaos äußerst kritisch beäuge.
Fürs Glücksspiel sind in Deutschland die Länder zuständig, die per Staatsvertrag gemeinsame Regeln verabschieden. Doch was bei Spielbanken, Lotterien und Automatenspiel über Jahrzehnte noch leidlich funktioniert haben mag, wirkt im Internet-Zeitalter wie eine Konstruktion von vorgestern. Es mutet für viele Beobachter absurd an, dass nun einzelne Bundesländer Lizenzen für global agierende Online-Anbieter vergeben sollen. Außerdem gebe es regelmäßig Querschüsse. „Schleswig-Holstein hebelt de facto das Verbot aus, das in den anderen 15 Bundesländern gilt“, sagt Becker.
„16 Bundesländer bedeuten eben auch 16 Hebelpunkte, an denen die Staranwälte der Illegalen die Gesetze mit Widerspruchsverfahren aushebeln können“, erklärt Becker. In den vergangenen Jahren sei kein einziges Urteil gegen einen Online-Anbieter erfolgt, welches das Veranstalten und die Werbung für nicht genehmigte Glücksspiele unter Strafe gestellt hätte.
Die Zusammenhänge mit dem EU-Recht sind komplex. So operieren Online-Anbieter mit Lizenzen aus Malta oder Gibraltar auf dem deutschen Markt – meist, ohne Steuern zu zahlen. Dem Fiskus entgehen so laut Berechnungen der Forscher jährlich mehr als eine halbe Milliarde Euro. Auch deutsche Firmen drängen aktuell in den Markt – und basteln sich Konstruktionen über Tochterfirmen mit Lizenzen auf Malta oder der Isle of Man, wie Brancheninsider berichten.
Das Suchtpotenzial der Online-Angebote ist enorm, wie der Suchtforscher Tobias Hayer von der Uni Bremen erläutert. „Die entscheidenden Faktoren sind Verfügbarkeit sowie schnelle Spielformen, bei denen Entscheidungen im Sekundentakt dem Spieler den Kick geben“, sagte Hayer. Beides sei bei Online-Anbietern gegeben, die ohne Sperrzeiten 24 Stunden verfügbar seien – auch unterwegs. „Manche Studenten zocken am Handy während meiner Vorlesung“, sagt Hayer.
500 000 Spielsüchtige gibt es laut Schätzungen in Deutschland. Die Klientel wandelt sich: Früher seien 95 Prozent aller Süchtigen in den Beratungsstellen Automatenspieler gewesen – heute sind bereits 20 Prozent Online-Zocker, wie Studien zeigten. Die volkswirtschaftlichen Schäden seien groß: Im Vergleich zu anderen Abhängigen hätten Spielsüchtige die höchsten Suizidraten und häufige Privatinsolvenzen.
Dass die Politik ihren Vorschlag umsetzt, daran glauben die Forscher zwar nicht. Doch ganz ohne bundespolitisches Echo blieb ihr Vorstoß nicht. Die suchtpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Kirsten Kappert-Gonther, sagte: „Ein Machtwort hilft nicht weiter.“ Allerdings habe sich das Komplettverbot von Onlinepoker und anderem Glücksspiel im Internet nicht bewährt. „Gespielt wird trotzdem“, sagte sie. „Sinnvoll wäre eine strenge Regulierung zur Bekämpfung des Schwarzmarkts mit verbindlichen Alterskontrollen und Maßnahmen zum Spielerschutz.“
Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, nahm die Länder ins Visier: „Es ist höchste Zeit, dass sich die zuständigen Länder endlich auf eine Novelle des Glücksspielstaatsvertrages einigen, mit der die Grenze zwischen legalem und illegalem Glücksspiel im Internet klar gezogen wird“, forderte sie.
Die FDP setzt sich seit Längeren für eine staatliche Regulierung ein. Wolfgang Kubicki hatte sich im Wahlkampf noch dafür stark gemacht. „Es gibt Steigerungsraten des Umsatzes von bis zu 30 Prozent im Jahr“, sagte er. „Es ist deshalb völlig unverständlich, warum der Fiskus auf die Regulierung verzichtet, die die EU-Kommission ja auch anmahnt.“