Der Mord an einer 15-Jährigen durch einen afghanischen Flüchtling hat Entsetzen ausgelöst. Wenige Tage zuvor war es ebenfalls ein Mann aus Afghanistan, der seine Ex-Freundin in der Havel ertränken wollte. Ein Nigerianer versuchte kurz vor dem Jahreswechsel im schwäbischen Wendlingen, eine Frau vor die S-Bahn zu stoßen. In der Silvesternacht griff in Berlin-Schöneberg ein Syrer mit einem Messer mehrere Menschen an. Eine Frau wurde leicht verletzt, ein islamistischer Hintergrund wird untersucht.
Vier Beispiele von Gewalt, die von Menschen ausging, die eigentlich in Deutschland Schutz und wenn möglich eine Zukunft suchten. Die Beispiele spiegeln allerdings nur bedingt die Wirklichkeit wider. Im Verhältnis zu ihrem zahlenmäßigen Anteil unter den Flüchtlingen sind es nicht in erster Linie Afghanen oder Syrer, die Eingang in die Verbrechensstatistik finden, sondern in überproportionalem Maße sind es Nordafrikaner. Zu dieser Schlussfolgerung kommt eine Studie, die von den Kriminologen Christian Pfeiffer, Dirk Baier und Sören Kliem verfasst wurde.
Für das Bundesfamilienministerium, Auftraggeber des Gutachtens, erklärt Sprecherin Verena Herb, dass die Befunde, die in dem Papier der Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften aufgelistet werden, für ihr Haus "sehr wichtig" seien. Auf der Internetseite des Ministeriums fand sich das Gutachten erst, nachdem Journalisten danach fragten. Dabei sind die 103 Seiten durchaus lesenswert. Die Wissenschaftler stellen nämlich fest, dass die "polizeilich registrierten Gewalttaten in Niedersachsen - hier stellvertretend für die allgemeine Entwicklung - zwischen 2007 und 2014 kontinuierlich zurückgegangen" waren, dann aber bis 2016 um 10,4 Prozent zunahmen. Der Anstieg sei "zu 92,1 Prozent Flüchtlingen zuzurechnen". Zu knapp der Hälfte könne dies damit erklärt werden, "dass sich die Zahl der in Niedersachsen registrierten Flüchtlinge zwischen 2014 und 2016 mehr als verdoppelt" habe. Andere Erklärungen sind die fehlende Bleibeperspektive für Flüchtlinge aus bestimmten Ländern, "gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen" von Migranten und der geringe Anteil an Frauen unter den Asylsuchenden.
Christian Pfeiffer, Mitautor des Gutachtens, sieht unter anderem deshalb aus kriminologischer Sicht den Familiennachzug, der derzeit politisch so umkämpft wird, als absolut richtig an. Pfeiffer plädiert gleichzeitig für ein Rückkehrprogramm. Ob man dafür die von Pfeiffer geforderte eine Milliarde Euro ausgeben wird, muss das Bundesinnenministerium offen lassen. Schließlich agiert man auch dort nur geschäftsführend. Immerhin lässt Sprecher Johannes Dimroth wissen, dass die "Förderung der freiwilligen und nachhaltigen Rückkehr" für das Ministerium "zentral" sei. Aber auch Abschiebungen müssten schneller vollzogen werden.
Die Gutachter verweisen darauf, "dass die starke Zuwanderung von Flüchtlingen nach Deutschland eine eigenständige Herausforderung darstellt". Sie verlangen allerdings eine differenzierte Auswertung. Nicht zuletzt, weil die Opfer von Gewalt häufig selbst Flüchtlinge sind. "So haben sich vorsätzliche Tötungsdelikte, bei denen Flüchtlinge als Tatverdächtige ermittelt wurden, zu über 91 Prozent unter Flüchtlingen oder sonstigen Nichtdeutschen abgespielt. Bei gefährlichen oder schweren Körperverletzungen trifft das bei drei Viertel der Fälle zu."
Die Autoren des Gutachtens plädieren für mehr Integration als beste Prävention. Neben Sprachkursen seien "spezifische Maßnahmen" wichtig. Etwa "wenn unbegleitete minderjährige Flüchtlinge das 18. Lebensjahr vollendet haben, aus Betreuungskonzepten herausfallen und sowohl ohne familiären Rückhalt als auch ohne professionelle Begleitung" in Deutschland Fuß fassen sollen.