Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat eine Studie veröffentlicht, die den Titel trägt. „Soziale Nachhaltigkeitssiegel: Versprechen und Realität am Beispiel von Fairtrade-Kaffee. Das Ergebnis: Das Ziel, Einkommen und Lebensbedingungen der Produzenten zu verbessern, kann nur eingeschränkt erreicht werden. André Bochow sprach darüber mit der Mitautorin der Studie, Helene Naegele.
Frau Naegele, Sie haben die Wirkungdes fairen Handels am Beispiel von Fairtrade-Kaffee untersucht. Für den zahlen Verbraucher einen Aufschlag, von dem sie glauben, der geht an die Produzenten. Ein Irrtum?
Ja und nein. Ein Teil geht tatsächlich an die Produzenten. Man kann sich auf der Fairtrade-Internetseite anschauen, wie groß dieser Teil ist. Aber die Konsumenten zahlen darüber hinaus noch einen Aufschlag an die Handelsketten. Das haben Untersuchungen in den USA ergeben und es spricht nichts dafür, dass das in Deutschland anders ist.
Das heißt, die Handelsketten erhöhen ihre Profitrate, weil die Konsumenten etwas für die Produzenten tun wollen und die Handelsketten den Gewissensbonus für sich ausnutzen?
Ja, so ist das. Die Bauern in den Entwicklungsländern verkaufen einen Rohstoff und haben praktisch keine Marktmacht. Die Röstereien und Supermärkte verkaufen ein Markenprodukt und haben damit hohe Gewinnmargen. Im Fairtrade-Bereich sind diese Gewinne dann noch höher als im Markt ohne Label.
Aber letztlich kann das den Produzenten egal sein – Hauptsache, die versprochenen Mindesteinnahmen fließen. Fließen Sie?
Im Prinzip schon. Wenn man mal davon absieht, dass durch die Extra-Aufschläge der Handelsketten möglicherweise Kunden abgeschreckt werden und der Marktanteil der Fairtrade-Produkte nicht so wächst, wie er wachsen könnte. Grundsätzlich bekommen die Bauern, bzw. die Kooperativen die garantierten Mindestpreise, die immer über den Marktpreisen liegen.
Wo ist dann das Problem?
Es fallen jährliche Lizenzgebühren an, wenn man Teil des Fairtrade-Systems ist. Diese Zertifizierungskosten belasten die Bauern unabhängig davon, wie viel Kaffee tatsächlich für den Mindestpreis verkauft werden kann.
Es gibt keine Abnahmegarantie?
Nein. Die Fairtrade-zertifizierten Bauern produzieren viel mehr Kaffee,als über das Fairtrade-System verkauft werden kannund es gibt immer mehr Kooperativen, die sich zertifizieren lassen. Die Absatzmärkte wachsen zwar, abernicht so schnell, wie es nötig wäre.
In Ihrer Studie kommen Sie zu dem Schluss, dass die Bauern am Ende so dastehen, als ob Sie bei Fairtrade nicht mitgemacht hätten. Gibt es denn gar keine positiven Effekte?
Die Leute von Fairtrade weisen darauf hin, dass über den Preis hinaus weitere Aspekte wichtig sind. Wer zertifiziert wird, muss sich zu einer Kooperative zusammenschließen, und in dieser müssen bestimmte Kriterien erfüllt sein. Es gibt auch ökologische Standards. Nur: Die Kunden kaufen das Produkt in der Annahme, den Bauernzu einem fairen Einkommen zu verhelfen. Wenn dieser Effekt immer kleiner wird, ist das schon ein Problem.
Was wäre die Alternative? Bedarf es größerer Wertschöpfung in den Kaffeeländern? Sollen die zum Beispiel selbst rösten?
Das wäre eine Möglichkeit, die einige Schwierigkeiten birgt. In den Abnehmerländern sind die Geschmäcker sehr unterschiedlich. Vielfach wird der Kaffee aus allen möglichen Teilen der Welt gemischt. Außerdem verfliegt das Aroma nach dem Rösten verhältnismäßig schnell. Die grünen Bohnen sind viel leichter zu transportieren und flexibel einsetzbar. Rösten in den Produzentenländern wird wahrscheinlich eine Nische bleiben.
Was ist mit Direkt-Handel?
Ja, den gibt es auch. Meist kauft eine kleine Firma in Europa oder in den USA von einer bestimmten Kooperative die Ernte und reduziert die Anzahl der Teilnehmer in der Vermarktungskette. So können verhältnismäßig hohe Preise gezahlt werden.
Und was wäre nun eine Lösung, die vielen Bauern in den Entwicklungsländern hilft?
Letztlich führt kein Weg an einer allgemeinen Entwicklung der Volkswirtschaften vorbei. Dann kann maneinen Binnenmarkt für Kaffee und andere Produkte, die bislang nur exportiert werden, schaffen. In Deutschland wird gerade eine steuerliche Bevorzugung erwägt für Produkte, diegewisse gesetzliche Vorgaben für ökologische und soziale Mindeststandards erfüllen.
Vielen Dank für das Gespräch.