Frau Schmidt, haben sich Mädchen schon aus Versehen Fußballbücher ausgeliehen?
(lacht) Das ist auch schon vorgekommen, bevor wir die Schilder ausgetauscht haben!
Wieso haben Sie dann umgebaut?
Die alte Aufstellung mit Schildern für Jungen und für Mädchen kam aus der Tradition der Jungenleseförderung. Im Zuge der Pisa-Studie wurde festgestellt, dass Jungen nicht nur anders sind, sondern auch anderes lesen. Deshalb wurden oft Jungen-Ecken eingerichtet oder eben Jungen-Schilder an die Regale geschraubt. Das ist jetzt aber aus der Mode.
Braucht man denn eine spezielle Leseförderung für Jungs nicht mehr?
Doch, und durch die Änderung der Aufstellung hat sich in unserer Arbeit nichts verändert. Das waren formale Kategorien, also Leseempfehlungen. Jetzt sind die Bücher nicht aus dem Bestand verschwunden, sondern wurden in inhaltliche Kategorien eingeordnet. Wir haben jetzt eine Kategorie "Magisches". Da sind etwa die Einhornbücher untergebracht. Die Monsterbücher sind zur "Fantasy" gewandert. Die Leseförderung orientiert sich natürlich weiter an den Interessen.
Sie haben auch eine Kategorie "Cool-Chaos-Katastrophen". Wer denkt sich so etwas eigentlich aus?
Das haben wir uns selbst ausgedacht. Es gibt zwar einen Dienstleister für Bibliotheken, der die Kategorien vorschlägt, aber natürlich sind wir da ganz frei.
Sie sagen, da habe sich etwas weiterentwickelt. Was meinen Sie?
Es gibt ein Bewusstsein dafür, dass nicht alles schwarz oder weiß beziehungsweise rosa oder hellblau ist. Das ist in der gesamten Stadtverwaltung aktuell ein großes Thema. Und in der Bibliothek kann und sollte man bestimmte Themen nicht Jungen oder Mädchen zuordnen. Als ich noch Anfängerin im Beruf war, kam einmal eine Mutter zu mir, die ein Buch für ihre neunjährige Tochter wollte: ein typisches Mädchenbuch eben. Natürlich ging bei mir da auch die Schublade mit Pferden und Einhörnern auf. Ich fragte aber noch einmal, wofür sich die Tochter interessiert. Die Mutter sagte: "Ganz klassisch: Fußball." Für sie war Fußball ein Mädchenthema, weil sie nicht in dieser Rosa-Hellblau-­Schiene dachte. Stattdessen sah sie ihre Tochter vor sich, und die interessierte sich nun einmal für Fußball. Da musste ich jetzt noch einmal dran denken, als wir die Schilder ausgetauscht haben.
Kann man also sagen, dass es reine Jungen- und reine Mädchen-Bücher überhaupt nicht gibt?
Nein, aber Bücher, die man für typische Jungen- oder Mädchen-Bücher hält, finden sicher immer auch beim anderen Geschlecht Leser. Die Pferdebuchreihe "Sternenschweif" wird von Mädchen gelesen. Auch bei uns hat noch nie ein Junge danach gefragt. Ich weiß aber, dass es auch Jungs gibt, die gern reiten. Andersherum wird die Reihe "Beast Quest" eher von Jungen gelesen. Doch natürlich gibt es auch Mädchen, die im Kopf gerne Monster jagen.
Wie haben die Kinder auf die neuen Schilder reagiert?
Ich glaube, die haben vorher am wenigsten auf die Regalbeschriftungen geguckt. Beim einen oder anderen Buch mussten sie jetzt fragen, wo das steht. Aber die Rückmeldungen waren eher von Eltern und aus dem pädagogischen Bereich.
Gab es Kritik?
Nein, das Feedback war verständnisvoll und positiv. Viele haben einfach nur gefragt, wo sie jetzt was finden. Andere meinten, dass das jetzt auch mal Zeit wurde. Menschen, die beruflich schon für gendersensible Sprache sensibilisiert sind, hatten vorher oft beklagt, dass das nicht mehr zeitgemäß ist. Aber von den Eltern hatten wir so etwas nie gehört. Umso mehr waren wir positiv überrascht, dass viele das gut fanden.
Dabei lösen doch gerade Genderthemen oft heftige Abwehrreflexe aus…
Nicht bei den Nutzern unserer Familienbibliothek. Den Kindern ist das ohnehin egal. Die wollen zwar manchmal wissen, wo die Bücher für Mädchen und die für Jungen zu finden sind. Aber dann können wir die Arme breit machen und sagen: Auf der ganzen Etage!

Gender-Mainstreaming in den Verwaltungen


Anders als Frauenförderung zielt das "Gender-Mainstreaming" darauf, alle Geschlechter bei Entscheidungen zu berücksichtigen. Das Konzept wird in öffentlichen Einrichtungen und auch in der privaten Wirtschaft angewendet. Kritik gibt es sowohl von Feministinnen ("wirkungslos") als auch von Konservativen ("Umerziehung").