Die Bühne vor der „Weimarhalle“ ist obenrum ein aufgeblasenes Gebilde. Sie sieht ein bisschen wie eine Hüpfburg aus. Das stört die etwa 500 Menschen nicht, die sich auf dem UNESCO-Platz davor einfinden. Der Abend ist lau. Nicht zu warm und nicht zu kalt. Weimar, laut der Bundestagsdirektkandidatin Susanne Hennig-Wellsow, „die schönste, kleine Stadt der Welt“, zeigt sich von der besten Seite. Und das muss die Stadt auch, jedenfalls aus Sicht der Genossen sowie Sympathisanten der Partei DIE LINKE. Denn es hat sich hoher Besuch angekündigt. Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine kommen.
Aber erst einmal ist Ulrike da. Keine Band, kein Kulturprogramm, keine Bratwurst, kein Bier. Nur Ulrike und zwischendurch softe Jazzmusik. „Halten Sie die Abstände ein“, ruft Ulrike in den Musikpausen. „Und wenn Sie das nicht können, setzen Sie bitte eine Maske auf“. Weil die Abstände immer kleiner werden, ist das Publikum bald maskiert und wartet. Dann kommen die beiden Kultfiguren der Linken auf die Bühne. Zusammen mit der Parteichefin Hennig-Wellsow und der Thüringer Sozialministerin Heike Werner. Wagenknecht ist Ex-Fraktionschefin und Lafontaine Ex-Vorsitzender der SPD und der Linken. Sehr viel Ex für ein Paar. Jetzt ist sie einfache Abgeordnete, er hat sich mit dem Spitzenkandidaten der Linken im Saarland herumgestritten und kurzzeitig dazu aufgerufen, die eigene Partei dort nicht zu wählen. Kleiner Spoiler: Davon ist an diesem Abend in Weimar nicht die Rede.
Das ist Susanne Hennig-Wellsow zu verdanken. Die hat nicht gebockt, wie das so gern in ihrer Partei gemacht wird. Nein, die Parteivorsitzende ist ins Saarland gefahren und hat mit Lafontaine geredet. Nun ist sie für das Ehepaar Wagenknecht/Lafontaine „die Susi“ und die Eheleute haben in Weimar einen sehr seltenen gemeinsamen Auftritt.
Aber erst einmal unterhalten sich Hennig-Wellsow und Heike Werner, die ihre Partei in Thüringen anführt. In Erinnerung bleibt vor allem, dass Werner die „Rote-Socken-Kampagne“ anspricht, die die CDU gerade reanimiert hat. Hennig-Wellsow findet die Kampagne gut, „weil die Union gemerkt hat, dass wir gefährlich sind“. Keine Frage, der Traum von Rot-Rot-Grün lebt bei den Linken.
Ob er in Sahra Wagenknecht lebt, ist auch nach diesem Abend nicht ganz klar. Dass sie keinen richtigen Wahlkampf macht, kann man ihr allerdings nicht vorwerfen. Im Gegenteil. Aber hat sie nicht ein Buch geschrieben, dass viele als Kampfansage an die eigenen Genossen verstanden haben? Sogar ein Parteiausschlussverfahren ist gegen sie eröffnet worden. Auf dem UNESCO-Platz würde es dafür allerding keine einzige Stimme geben. Und Sahra Wagenknecht zeigt sich dem dankbaren Publikum in Hochform. Zu Weimar hat sie „eine ganz persönliche Beziehung“. Als Schülerin habe sie im „Goethehaus gejobbt und bei meiner Großtante gewohnt. Direkt am Markt.“ Wenn es noch einer Sympathiesteigerung bei den Zuhörenden für die Rednerin bedurft hätte, nun wäre sie da.
„Natürlich wünsche ich mir eine starke Linke“, sagt sie, weil „wir so grottenschlecht regiert werden“. Beispiel Afghanistan. Nicht nur der Abzug sei eine Katastrophe gewesen, sondern der ganze Krieg war eine. Und dass man die Ortskräfte wahrscheinlich nicht alle herausholen kann, sei „fahrlässige Beihilfe zur Tötung, zum Mord“. Das eigentliche Problem aber bestehe darin, dass die anderen Parteien „nie begriffen haben, dass man Frieden und Menschenrechte nicht herbeibomben kann.“ Dass es in ihrer Fraktion vor der Bundestagsabstimmung über das nachträgliche Mandat für die rettende Bundeswehr schwer gekracht hat, erzählt sie nicht. Stattdessen geht es um Rüstungsexporte, in der Pandemiezeit noch reicher gewordene Milliardäre, um Parteispenden durch Großkonzerne für die anderen Parteien, um das vermeintlich marode Gesundheitssystem und um Politiker, die nach ihrer politischen Karriere in großen Firmen „den Arsch vergoldet bekommen“. Nichts von dem, was Wagenknecht sagt, ist überraschend. Aber bei dieser Veranstaltung will auch niemand Überraschendes. Einen kleinen ironischen Schlenker erlaubt sich Wagenknecht immerhin, als sie sagt, dass sie stolz auf ihre nicht korrupte Partei sei. Dafür müsse man nicht mit jedem Programmpunkt einverstanden sein. „Das geht sogar mir manchmal so.“ Alle wissen, dass Wagenknecht zum Beispiel in Sachen Zuwanderung nicht mit dem Wahlprogramm übereinstimmt. Egal. Das Publikum feiert seinen Star. Und freut sich auf den nächsten.
Oskar Lafontaine ist natürlich ebenfalls ein Fan von Weimar, weil „Sahra ein großer Fan von Goethe ist“ und den Gatten „immer wieder hierhergeschleppt“ hat. Dann zitiert der 77jährige relativ übergangslos den „ostdeutschen Dichter Volker Braun“, der im „Wendejahr“ geschrieben hatte: „Mein Land geht in den Westen. Krieg den Hütten, Friede den Palästen“. Genau so sei es in Deutschland gekommen und nun müsse der Spieß wieder umgedreht werden, wobei man natürlich nicht zum Kriege hetze, sondern „zum Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit“. Schließlich gebe es keine Demokratie, „wenn die Vermögen so ungleich verteilt sind“. Und schon nimmt sich Lafontaine die CDU vor. „Da ist der arme Armin“. Gelächter. „Selbst, wenn der arme Armin etwas für die Armen tun würde, würden die anderen ihm in den Arm fallen.“ Das Wortspiel geht ein wenig unter. Besser läuft es bei den Themen Rente („Warum wird es nicht wie in Österreich gemacht?“), Niedriglohnsektor („Weg damit!“), Hartz IV („Weg damit!“).
Unterdessen unterhält sich Sahra Wagenknecht durch den Sicherheitszaun neben der Bühne mit einer Besucherin und macht auch noch ein Selfie mit einem jungen Mann. Dann aber hört sie wieder aufmerksam zu und erfährt, dass die Umwelt nicht durch steigende Energiepreise gerettet wird, sondern durch Technik. Zum Beispiel durch sparsame Motoren. Da ist sich Lafontaine sehr sicher. Gerade habe er im Fernsehen eine Frau zu Annalena Baerbock sagen hören: „Sie kann ich mir nicht leisten.“ Lafontaine würde das am liebsten auf Wahlplakate drucken lassen. „Frau Baerbock kann ich mir nicht leisten.“ Knackig ist das. Aber ist es auch links?
Die Grünen hätten auch wieder gegen das Waffenexportverbot „in den Vorderen Orient“ gestimmt. „Ja sind die denn wahnsinnig?“ Und wer über Umweltschutz rede, müsse sich auch an die Bedrohung durch Atomwaffen erinnern. „Ohne Frieden ist alles nichts. Und deswegen dürfen wir uns nicht in diese Politik der Konfrontation mit Russland und China verwickeln lassen.“ Großer Beifall. Und damit diese linke Politik umgesetzt werden kann, bittet Lafontaine „um Unterstützung für diese Partei, Unterstützung für Sahra Wagenknecht und für Susi, die hier die Direktkandidatin ist.“ Die etwas merkwürdige Reihenfolge fällt nicht weiter auf. Lafontaine hat dazu aufgerufen, die Linken zu wählen. Was wollen die Genossen mehr?