An jenem Sonntag fand in Polen die erste halbfreie Wahl im kommunistischen Lager seit 1949 statt. Nur halbfrei war sie deshalb, weil sich die Führung des Landes noch von vornherein 299 der 460 Sitze im Sejm (der ersten Kammer des Parlaments) gesichert hatte. Frei abgestimmt wurde lediglich über 161 Sitze im Sejm sowie alle 100 Sitze im Senat (der zweiten Kammer).
Auf diese Aufteilung hatten sich Regierung und Opposition bei den Gesprächen am Runden Tisch geeinigt, die von Februar bis April 1989 stattgefunden hatten. Zu diesen Gesprächen war die "Polnische Vereinigten Arbeiterpartei" (PVAP) nur deshalb bereit gewesen, weil es aufgrund der schlechten ökonomischen Lage des Landes erneut zu einer massiven Streikwellle der Arbeiter gekommen war. Außerdem führte die Perestrojka-Politik des sowjetischen Parteiführers Michail Gorbatschow dazu, dass in den Staaten des Ostblocks etwas mehr Freiraum herrschte.
Mit dem eindeutigen Ergebnis, für das Polens Wähler sorgten, hatte aber nicht einmal die Führung der unabhängigen Gewerkschaft "Solidarnosc" selbst gerechnet. Denn die Solidarnosc war auch erst im Ergebnis des Runden Tisches wieder zugelassen worden, nachdem sie seit der Verhängung des Kriegsrechts im Dezember 1981  verboten war.
Die von der Solidarnosc aufgestellten Kandidaten eroberten alle 161 freien Plätze im Sejm und 99 der 100 Plätze im Senat. Ein klares Votum der Wähler gegen das alte System also.
Dennoch beauftragte Staatspräsident Wojciech Jaruzelski den wegen seiner harten Maßnahmen gegen die Opposition berüchtigten früheren kommunistischen Innenminister Czeslaw Kiszczak mit der Regierungsbildung. Doch Kiszczak brachte keine Mehrheit mehr zustande, da ihm die Vertreter der einstigen Blockparteien die Unterstützung versagten.
In dieser Situation übernahm Lech Walesa eine Schlüsselrolle in der polnischen Politik: Er beauftragte die beiden Juristen Jaroslaw und Lech Kaczynski, die damals seine engsten Mitarbeite waren, mit den Vorsitzenden der Blockparteien über die Bildung einer nicht-kommunistischen Koalitionsregierung zu verhandeln. Weil sich die Stimmung so eindeutig gedreht hatte, willigte letztlich sogar die Führung der PVAP ein, sich als Juniorpartner an einer Allparteienkoalition zu beteiligen.
Am 19. August 1989 wurde der katholische Publizist Tadeusz Mazowiecki mit 378 von 423 abgegebenen Stimmen zum ersten nicht-kommunistischen Ministerpräsidenten Polens seit 1947 gewählt. Die Weichen zur Überwindung des alten Systems waren dadurch gestellt und von Polen ging ein Signal in den gesamten Ostblock aus.
Die Vorstellung, dass der 30. Jahrestag dieses Ereignisses im Nachbarland groß gefeiert wird, ist dennoch verkehrt. Im Gegenteil: Die heutige Opposition wollte das Datum eigentlich dazu nutzen, um den Sturz der derzeitigen Regierung bei den Parlamentswahlen im Herbst einzuläuten. Denn der Regierungspartei "Recht und Gerechtigkeit" (PiS), die von dem gleichen Jaroslaw Kaczynski geführt wird, der vor 30 Jahren noch Lech Walesas Berater war, wird von ihren Kritikern antidemokratisches Vorgehen vorgehalten – bezüglich der Justiz, der Medien und generell gegenüber Andersdenkenden.
Doch die einwöchigen Feierlichkeiten, die in Lech Walesas Wohnort Danzig stattfinden, in dem  auch die Solidarnosc-Bewegung ihre Wurzeln hatte, stehen unter einem schlechten Vorzeichen. Gerade erst hatte die Opposition bei den Europawahlen eine krachende Niederlage gegen die PiS einstecken müssen. Sogar die "Europäische Koalition", die sechs Parteien gegen die PiS gebildet hatten, steht vor dem Scheitern. Am vergangenen Sonnabend erklärte die Bauernpartei PSL bereits ihren Austritt aus dem Bündnis.
PiS-Regierungschef Mateusz Morawiecki wird wahrscheinlich den morgigen 4. Juni dafür nutzen, um neue Minister zu ernennen. Denn von seinen bisherigen sind gleich sechs ins künftige Europaparlament gewählt worden. Und so werden die Wahlen vom 4. Juni 1989 auch 30 Jahre später wieder von einem anderen Ereignis übertrumpft.

Gewerkschaft Solidarnosc