In der Kleinstadt Cybinka, dem einstigen Ziebingen, östlich von Eisenhüttenstadt, fanden mehr sowjetische Soldaten ihre letzte Ruhestätte, als der Ort heute Einwohner hat. Genau 566 Offiziere und über 3500 Soldaten, die vor 71 Jahren bei den Schlachten von der Oder bis Berlin den Tod fanden, wurden auf zwei monumentalen Friedhöfen begraben. Bereits kurz nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden diese Anlagen, bei deren Bau auch deutsche Gefangene zum Einsatz gekommen sein sollen.
Obwohl man in Polen mit der kommunistischen Vergangenheit eher wenig am Hut hat und die Insignien der Sowjetmacht in den meisten Orten längst beseitigt wurden, störten die Zeugnisse der Vergangenheit dort an der Oder bis vor kurzem niemanden. Doch jetzt ist ein Streit um das Bildnis von Josef Stalin entbrannt, das auf einer großen Gedenkplatte zu sehen ist.
Es könne nicht sein, dass einem Verbrecher, der so viel Blut an den Händen habe, immer noch eine Tafel gewidmet ist, auf der auch noch der Spruch zu lesen ist: "Unsere Sache ist die Richtige, wir haben gesiegt." Diesen Standpunkt vertritt Mieczyslaw Opalka. Der Einzelhändler aus Cybinka ist wie die meisten Bewohner des Ortes ein Nachfahre von Polen, die 1945 von den Sowjets aus ihrer einstigen Heimat in der heutigen Ukraine oder Weißrussland vertrieben wurden. Opalka besteht darauf, dass die Tafel endlich verschwinden soll und kämpft um politische Unterstützung.
Völlig anderer Meinung ist Eugeniusz Niparko. "Das Stalinbild ist lediglich die Darstellung auf der Siegesmedaille, die nach dem Krieg an die sowjetischen Soldaten verteilt wurde", weiß der 60-Jährige. Sein Vater Kazimierz, der damals in der 1. Polnischen Armee ebenfalls an der Oderfront kämpfte, habe auch so eine Medaille erhalten. "Als Kind hab ich damit gespielt", lacht Niparko.
Natürlich halte auch er Stalin für einen Verbrecher. "Aber in erster Linie ist das hier doch ein Friedhof, auf dem junge Menschen liegen, die nicht die Wahl hatten, ob sie in die Kämpfe ziehen mussten", sagt er.
Niparko, der mit anderen Bewohnern im Ortsteil Bialkow ein Freiluftmuseum geschaffen hat, dass an die wolhynische Heimat der Vorfahren erinnert, geht sogar noch weiter: "Da unsere Jugend kaum noch Russisch kann, müsste man eigentlich Informationstafeln auf Polnisch und Deutsch aufstellen, die über den Friedhof informieren."
In dem Dorf Witnica (einst Vietnitz), das 100 Kilometer weiter nördlich in der Nähe von Schwedt liegt, findet sich ein noch bizarreres Relikt der Geschichte. Mitten im Dorf liegt ein riesiger Granitstein, auf dem die Inschrift "Hitler-Eck" und die Jahreszahl 1933 zu lesen sind. Zwar glänzen die Zeichen nicht mehr so goldig, wie sie der von Hitlers Machtantritt begeisterte einstige deutsche Gutsbesitzer anfertigen ließ. Doch die Mühe, sie zu beseitigen oder den Stein zu entfernen, hat sich niemand gemacht.
"Warum auch?", fragt ein betagter Anwohner. "Uns hat doch nicht Hitler aus unserer Heimat im Osten vertrieben, sondern Stalin." Außerdem hätten die Polen damals gegen ukrainische Nationalisten gekämpft, berichtet der Mann. Darauf, dass der Stein keine Kultstätte für Rechtsradikale wird, würde man freilich auch aufpassen.