Millionen Deutsche stehen im digitalen Abseits. Ein Viertel der Menschen über 14 Jahren nutzt das Internet nur, wenn es sich nicht vermeiden lässt. Vor allem auf Menschen über 65 treffe dies zu. Zu diesem Ergebnis kommt der D21-Digital-Index, der jährlich anhand von 20000 Interviews ein Bild der digitalen Teilhabe zeichnet.
Angesichts der voranschreitenden Digitalisierung sorgt der Befund bei Politikern für Beunruhigung. Online-Handel und Lösungen wie Telemedizin oder "E-Health", also die medizinische Versorgung mittels Videosprechstunde und digitaler Endgeräte, gelten bei vielen als Antwort auf den demografischen Wandel und die zunehmend schlechter werdende Infrastruktur im ländlichen Raum. "Menschen, die dort leben, werden digitale Medien in Zukunft noch viel stärker nutzen", sagte der für Digitales zuständige Staatssekretär Matthias Machnig (SPD) im Berliner Wirtschaftsministerium. Die Lösung ist für ihn mehr digitale Qualifikation: "Es darf keine digitale Spaltung geben, wir müssen alle Bevölkerungsteile mitnehmen."
Dorothee Bär (CSU), Staatssekretärin für Digitales im Bundesministerium für Infrastruktur, will das Thema deswegen in die kommenden Verhandlungen mit der SPD tragen: "Wenn wir es ernst mit dem lebenslangen Lernen meinen, müssen wir in den Koalitionsverhandlungen auch über digitale Bildung für Ältere sprechen", sagte Bär dieser Zeitung.
Für die Gesamtbevölkerung kam die Studie zwar insgesamt zu einem positiven Befund. Erstmals nutzten im vergangenen Jahr mehr als 80 Prozent aller Deutschen das Internet. 32 Prozent fühlen sich allerdings ganz allgemein von der Dynamik und Komplexität der Digitalisierung überfordert. Den typischen Nicht-Nutzer charakterisiert zudem laut Lena-Sophie Müller, der Geschäftsführerin der Initiative D21, die die Studie erhob, ein weiterer Punkt: "Er kennt sich nicht nur nicht aus, er hat auch gar kein Interesse daran."
Das will Herbert Kubicek von der Stiftung "Digitale Chancen" nicht gelten lassen. "Die Menschen haben kein Interesse, weil sie Vorurteile haben", sagt er. Der Bremer Forscher hat für eine Studie Bewohner und Besucher von 3000 Senioreneinrichtungen mit Computern versorgt und mit dem Umgang vertraut gemacht. "Kaum einer hat sein Tablet hinterher zurückgegeben." Auch er sieht die Regierung deswegen in der Bringschuld. "Das Fortbestehen der digitalen Spaltung wird schon seit Jahren in jedem neuen Bericht beklagt - aber es gibt keine konkreten Vorschläge." Die Kosten für ein bundesweites Förderprogramm schätzt er auf 50 Millionen Euro.
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