So offen sind die wenigsten  Genossen, denen Sahra Wagenknecht in der Fraktion vorsteht. Wenn man ihnen verspricht,  ihre Namen nicht zu nennen, hört man Sätze wie: „Ich habe die  Schnauze so was von voll!“ Von physischer und psychischer Zerrüttung  wird berichtet. Oder davon, dass Wagenknecht kaum Fraktionsarbeit leiste und alles ihrem Ko-Vorsitzenden Dietmar Bartsch überlässt. Die Wagenknecht-Anhänger klagen über „Inszenierungen“ und „Intrigen“. Hat nicht Parteichef Bernd Riexinger angekündigt, die populäre Fraktionsvorsitzende zermürben zu wollen? Nun könne man ja sehen, wie das läuft.
Um zu verstehen, was gegenwärtig bei den Linken vor sich geht, lohnt sich ein Blick auf die jüngsten Landtagswahlen. In Bayern und Hessen konnte sich die Partei verbessern, aber man hatte mit mehr gerechnet. Ursachen? Antworten hängen sehr davon ab, mit wem man  spricht. Die einen geben ungesäumt der Parteiführung im Karl-Liebknecht-Haus die Schuld, die anderen verweisen auf die Soloauftritte von Wagenknecht. Vor allem deren  Distanz zur „unteilbar“-Demonstration in Berlin war für viele  ihrer Genossen der berühmte Tropfen zu viel. Und dass Parteichefin Katja Kipping und die Fraktionschefin einander nicht viel Gutes wünschen, ist keineswegs eine Erfindung der Medien. Kipping und Riexinger sind übrigens Mitglieder der Fraktion, und die halbe Fraktion sitzt im Parteivorstand.
„Natürlich gibt es auch persönliche Animositäten und Empfindlichkeiten“, sagt Fraktionsgeschäftsführer Jan Korte. Aber es steckt eben viel mehr hinter dem Streit. „Wir haben insgesamt eine Auseinandersetzung darüber, wie wir uns strategisch aufstellen wollen“, meint Korte. „Das betrifft auch Fragen, die in der gesamten Gesellschaft gestellt werden. Nach den Folgen von Globalisierung, nach Migration und nach der Zukunft Europas.“ Der Konflikt schwele schon lange, meint  Albrecht von Lucke von der Redaktion „Blätter für deutsche und internationale Politik“. Die Ironie bestehe darin, „dass die Realos zu Fundamentalisten in der Flüchtlingsfrage geworden sind, während Sahra Wagenknecht und Co. hyper-realpolitisch und zugleich linkspopulistisch auf die AfD-Wähler zugehen.“ Nun pralle „der harte Konfrontationskurs des linkspopulistischen Lafontaine-Wagenknecht-Lagers auf die gesinnungsethisch aufgeladene andere Seite.“ Was fehlt, sei Kompromissbereitschaft. Bislang konnte man sich auf den Gegner SPD konzentrieren. „Nun aber stürzen sich die Linken wieder auf die inneren Konflikte. Und das könnte ihr Ende sein.“
Jan Korte ist naturgemäß optimistischer. Er sieht die  Gefahr einer Spaltung nicht. Aber er mahnt: „Dass es eine Partei links von der SPD überhaupt gibt, ist eine einmalige historische Leistung. Mit der darf man nicht spielen. Niemand darf das.“
Niemand? Früher habe man Sahra Wagenknecht aus taktischen Gründen gewählt, erzählt eine Genossin. Schon wegen des Bildes nach außen. Nun würden viele sagen: „Ist mir egal.“ Es müsse sich etwas ändern.
Nur was? Wagenknecht ablösen und vielleicht Kipping und Riexinger gleich mit? Oder schmeißt Wagenknecht vielleicht demnächst hin? „Ich gehe überhaupt nicht davon aus, dass das passieren wird“, sagt Jan Korte. „Ob es einem gefällt oder nicht: Sahra hat einen großen Popularitätswert in der Bevölkerung. Aber für alle Abgeordneten, auch für Sahra Wagenknecht, gilt: Sie haben die Interessen der Fraktion und der Partei zu vertreten. Punkt.“
Frank Tempel, der jetzt in Thüringen Leiter der „Koordinierungsstelle Häusliche Gewalt“ ist, schreibt im Internet: „Noch vor ein paar Jahren hätte ich wütend das Handtuch geworfen – heute bleibe ich auf der Titanic sitzen und schau fassungslos auf den Schaden, der da ist, und noch entstehen wird.“