Michael Kretschmer (CDU) und Dietmar Woidke (SPD) haben demnach dafür gesorgt, dass der Triumph der AfD nicht ganz so groß ausfällt und die Niederlage ihrer Parteien nicht ganz so desaströs. Und tatsächlich, erneut haben die Regierungschefs bei einer Wahl den Unterschied gemacht. Woidke hat es vermocht, die Brandenburger SPD vom Trend der Bundespartei zu lösen, Kretschmer hat die Wut seiner Sachsen durch hohen persönlichen Einsatz einigermaßen gut in Stimmen für sich umgewandelt.
Wieder einmal, wie etwa schon in Rheinland-Pfalz und in Hessen, hat der MP-Effekt zugeschlagen. In der neuen Unübersichtlichkeit von schwindenden Milieus, unsicheren Koalitionen und überlappenden Ansichten sind die Ministerpräsidenten oft genug die einzigen Fixpunkte, an denen der Wähler sich noch orientieren kann.  Das ist praktisch für den Amtsinhaber, für die Demokratie handelt es sich um eine problematische Entwicklung, zeigt es doch, dass der Wähler weniger nach Inhalten, dafür aber umso mehr nach Typen oder Stimmungslagen entscheidet. Eine tatsächliche politische Auseinandersetzung fällt da schwer.
Wahlanalysen aus Sachsen und Brandenburg zeigen, dass es weder da noch dort das eine Thema gab, sondern eher eine diffuse Stimmungslage den Ausschlag gegeben hat. Gefühle jedoch sind leichter zu drehen als inhaltliche Differenzen, insbesondere durch intensive persönliche Ansprache wie sie Kretschmer gesucht hat.
Personenwahlen sind beileibe kein neues Phänomen, Adenauer war sein bestes Programm, Kohl setzte auf den Kanzler der Einheit und auch Gerd Schröder würde ohne falsche Bescheidenheit  behaupten, nur er und nicht das SPD-Programm habe den Unterschied gemacht.  Doch im Vergleich zu heute waren die politischen Lager damals quasi zementiert, hatten die großen Volksparteien eine verlässliche Stimmengrundlage von über 35 Prozent. Personen machten einen Unterschied, ja, aber der politische Unterbau, auf dem sie agierten, war deutlich solider als der heutige.
Vor allem aber funktionierte damals die Ansprache über die Medien besser. Denn auf den Bund lässt sich das sächsische Konzept der Wähler-Live-Ansprache nicht übertragen. Das kann kein Kandidat leisten, zumal es an Führungspersönlichkeiten mit Charisma mangelt – auch das ein Phänomen der Zeit Angela Merkels, die einen betont sachlichen Angang an Politik zwischenzeitlich erfolgreich machte, vom Grünen Robert Habeck vielleicht einmal abgesehen. Vom sozialdemokratischen SSDS (Sozis suchen den Superstar) der kommenden Wochen sollte sich in Sachen Hoffnungsträger niemand allzu viel versprechen. Dafür ist die SPD schon immer der falsche Ort gewesen. Fast schon verzweifelt widmet sich die klein gewordene GroKo auch deshalb wieder der Sacharbeit, wie schon so oft nach verlorenen Wahlen.  Und auch diesmal wird sie darin ihr Heil nicht finden.
leserbriefe@moz.de