Das ist bei Menschen nicht anders als bei Organisationen. Zur Feier des 70. Geburtstags des Deutschen Gewerkschaftsbunds gab ihm Bundeskanzlerin Angela Merkel die Ehre der Festrede, und wie zu erwarten war, pries sie die Sozialpartnerschaft zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern als Erfolgsrezept der deutschen Wirtschaft.
In der Tat stehen sich Gewerkschaften und Arbeitgeber nicht mehr als unversöhnliche Klassenkämpfer gegenüber. Oder zumindest selten. Auf den jüngsten Gewerkschaftstagen blitzte immer mal wieder durch, dass die andere Seite der Klassenfeind ist und kein Partner, bei dem man mit gemäßigtem Ton und vielen Mitgliedern im Rücken viel durchsetzen kann.
Die Sozialpartnerschaft ist das eine Erfolgsrezept des DGB und seiner Mitgliedsgewerkschaften. Das andere ist die Einheitsgewerkschaft. Heute ist es scheinbar selbstverständlich, dass es – bis auf einige Ausnahmen – keine politischen und konfessionellen Richtungsgewerkschaften mehr gibt. Die Zerstrittenheit vor 1933 war einer der Wegbereiter für das Dritte Reich, weshalb sich die Gewerkschafter 1949 die Einheit schworen. In jüngster Zeit bröckelt sie gelegentlich, wenn etwa Klinikärzte oder Lokführer ausscheren, weil sie ihre Interessen zu wenig vertreten sehen.
Das ist nicht die einzige Gefahr für den DGB als Dach von acht Einzelgewerkschaften. Es gibt auch intern eine Unwucht: Die drei großen Gewerkschaften IG Metall, Verdi und IG Berg­bau-Chemie-Energie brauchen keinen mächtigen Dachverband, um ihre Interessen gegenüber der Politik durchzusetzen. Die fünf kleinen von der IG Bau bis zur Eisenbahner-Gewerkschaft EVG dafür umso mehr. Der DGB-Chef, derzeit Reiner Hoffmann, kann hauptsächlich schöne Reden halten. Die Ziele und die Politik gibt das große Trio vor.
Für das Schwinden der Macht des DGB sorgt auch die abnehmende Tarifbindung. Nicht einmal die Hälfte der Beschäftigten arbeitet noch in tarifgebundenen Betrieben, im Osten noch weniger. Und nur knapp jeder fünfte Arbeitnehmer ist Mitglied in einer DGB-Gewerkschaft. Diesen Bedeutungsverlust teilen sie mit Parteien und Vereinen. Das richtige Gegenmittel suchen sie immer noch. Es tröstet wenig, dass die Arbeitgeber mit dem gleichen Problem kämpfen: Weil gerade Mittelständlern die Regeln der Tarifverträge zunehmend zu kompliziert und zu unflexibel sind, flüchten sie aus den Verbänden.
Hilfe erhoffen sich die Gewerkschaften von der Politik, und die denkt auch bereitwillig nach, schon weil sie es sich mit ihnen nicht verscherzen will. Aber Steuervorteile nur für Gewerkschaftsmitglieder wären ein schwer begründbarer Vorteil. Anders sieht es mit der Forderung aus, öffentliche Aufträge nur an Firmen zu vergeben, die sich an Tarifverträge halten. Wer das nicht tut, verschafft sich einen unfairen Wettbewerbsvorteil. Das wäre ein durchaus passendes Geburtstagsgeschenk.
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