Christopher Lenz ist Union Berlins Dauerbrenner auf der linken Seite. Bisher spielte er alle Bundesliga-Partien über 90 Minuten. Dabei war zu Beginn der Saison nicht klar, ob er seinen Stammplatz behält.

Herr Lenz, Sie sind gebürtiger Berliner und es steht das dritte Stadtderby in kurzer Zeit an. Ist es noch eine besondere Partie für Sie?

Für mich ist das Spiel schon etwas Besonderes. Beim letzten Mal habe ich nicht mitgewirkt, weil ich mich kurz vor dem Spiel verletzt habe. Es ist mein erstes Spiel im Olympiastadion, von einem Kleinfeldspiel als Kind vor einer Bundesligapartie mal abgesehen.

Auch wenn das Stadion leer bleibt?

Es ist trotzdem ein Stadtderby Union gegen Hertha. Natürlich wäre es mit Fans nochmal ein bisschen aufgeheizter, aber wir Spieler wissen trotzdem worum es da geht.

Ist es für Sie als Westberliner „komisch“, im Team aus dem Ostteil zu spielen?

Das kann man so nicht mehr sagen. Ich habe Union mittlerweile verinnerlicht. Klar hatte ich eine tolle Jugend bei der Hertha, aber ich bin Union dankbarer, weil ich hier den Sprung geschafft habe, ein Zweitliga- und Erstligaspieler zu werden. Das wurde mir bei Hertha nicht zugetraut.

Sie haben bei Stern Marienfelde angefangen und sind dann zwölf Jahre bei Hertha BSC ausgebildet worden. Warum hat es da nicht geklappt mit dem Sprung zu den Profis?

Ich hatte mit Nico Schulz (heute Borussia Dortmund) einen Konkurrenten, der in der A-Jugend auch links hinten gespielt hat. Außerdem hatte ich bei der Hertha das Gefühl, dadurch, dass ich so lange dort war und es keine Vertragsgespräche gab, dass sie dachten: Der wird sowieso bleiben. Aber ich brauchte das Gefühl von Wertschätzung. Das habe ich als U-Nationalspieler von vielen anderen Vereinen erhalten, aber leider nicht vom dem, bei dem ich gespielt habe. Deshalb habe ich den Weg über Mönchengladbach genommen.

Was Ihnen der Weg über Gladbach und später Holstein Kiel gebracht?

Ich glaube, jeder Schritt war wichtig. Erst mit 17 Jahren von zu Hause auszuziehen und ins Internat von Borussia Mönchengladbach zu wechseln und da dann erwachsener zu werden. Ich habe mit den Profis leider nicht gespielt, aber die Trainingseinheiten waren auf hohem Niveau, weil die Mannschaft auch Champions League gespielt hat mit Granit Xhaka oder Luuk de Jong und Max Kruse. Dann hatte ich das Angebot wieder zurück zu Union zu kommen, weil ich den nächsten Schritt machen wollte, nach mehr als hundert Regionalligaspielen. Da habe ich nicht lange überlegt. Für mich war das eine Heimkehr. Ich habe meine Freunde und Familie ja schon vermisst. Die Konstellation war dann mit dem Trainerteam ein bisschen anders als ich kam, was aber im Nachhinein nicht schlimm war, weil ich dann zwei sportlich intensive, erfolgreiche Jahre in Kiel hatte. Ich bin also nicht gleich von der U 23 in die erste Liga gegangen, sondern bin über die vierte, dritte und zweite Liga in die Bundesliga gekommen, das ist für mich trotzdem was Schönes.

Bei Gladbach mussten Sie als Jugendspieler Pflichtpraktika machen. Hat Ihnen das gezeigt, dass es neben Fußball auch etwas Anderes gibt?

Auf jeden Fall. Ich habe ein Praktikum im gesamten Verein, in jeder Abteilung gemacht, weil ich aufgrund des Wechsel von Berlin nach Gladbach mein Abitur abgebrochen hatte, weil die Konstellation von Sportschule und Gymnasium dort sehr kompliziert war. Deshalb habe ich das Jahr Praktikum und mein Fachabitur gemacht.

Was haben Sie während des Praktikums alles machen müssen?

 Ich war da im Merchandising, in der Presseabteilung, sogar bei den Physios. Da habe ich gesehen, wie viel dahintersteckt. Ich habe sogar im Lager die Trikots gesichert. Ich habe viele Leute kennengelernt, auch viele Fans, die dort angestellt waren. Das hat mir nicht geschadet.

Interessieren Sie eigentlich auch aktuellen die Entwicklungen um Hertha?

Natürlich interessiert es mich, aber der Fußball allgemein interessiert mich. Hertha versucht auf einem ganz neuen Wege, etwas zu erreichen. Aber dafür braucht man Zeit, sonst wäre es komisch, wenn einer 100 Millionen reinpumpt und der Verein steht dann auf Platz 3. Ich denke, nicht alle Vereine würden das mitmachen.

Wie sehen Sie die Konkurrenz zwischen beiden Clubs?

Die ist auf jeden Fall da. Wenn du ein Stadtderby hast, ist die Konkurrenz allein deshalb schon hoch. Auch die Aussagen in der vergangenen Saison, wie wir müssen gegen Union sechs Punkte holen, haben das gezeigt.  Dass wir nach dem Sieg im ersten Spiel der bessere Verein waren, war jetzt nicht der Fall, im Rückspiel haben wir ja auch eine Niederlage eingefahren.

Sie wohnen in Charlottenburg, werden sie dort als Unioner erkannt?

Das Gute ist, dass ich dann meistens Unionern über den Weg laufe, die im Westen sind und mich dann grüßen.

Hertha-Trainer Bruno Labbadia hat gesagt, dass ihm das Derby-Feeling in der Stadt fehlt. Wie sehen Sie das?

In den Ansprachen bei uns im Training hat man es schon gemerkt, auch in den Aktionen, wie den Hertha-Fahnen am Straßenrand. Es ist nicht dasselbe, wie wenn du wüstest, dass das Olympiastadion ausverkauft wäre. Dann würde sicher die Fans auch mehr machen. Ich kann schon verstehen, dass sie nicht unnötig viel inszenieren für ein Spiel, wo dann nur Spieler und Staff dabei sind.

„Urs Fischer ist menschlich und nahbar.“

Gab es von Trainer Urs Fischer eine besondere Ansprache?

Auf jeden Fall, das lässt er sich nicht nehmen. Natürlich ist es ein nur Spiel um drei Punkte, aber er glaubt, dass wir wissen, worum es im Derby geht. Er hat angesprochen, was ihm wichtig ist, und wir haben es verstanden.

Sie sind unter Urs Fischer Stammspieler geworden. Was macht ihn so Besonders?

In der freien Zeit merkst du, dass er menschlich ist und nahbar. Wenn er die Chance hat, freizugeben, gibt er frei. Das hatten wir vergangene Saison auch in einer Phase mit vielen Niederlagen. Danach lief es wieder. Ansonsten macht er gerne Videoanalysen, nimmt dich schnell mit ins Büro, zeigt dir ein paar Szenen, sagt dir, was du besser machen kannst. Du bekommst sehr viel Input, aber dann bist du gut vorbereitet.

In der Vorbereitung hat ihr Konkurrent Niko Gießelmann viel Spielzeit bekommen. Hatten Sie Angst um ihren Startplatz?

Natürlich wusste ich, dass mit Niko ein Bundesligaspieler kam, der auch mehr Spiele hatte als ich. Aber mir war bewusst, dass ich das erste Pokalspiel gesperrt nicht spielen konnte. Das hat mich schon gewurmt, weil mir klar war, dass du oft weiter spielst mit der Mannschaft, die in der Saison beginnt. Ich war aber froh, dass ich im ersten Spiel das Vertrauen bekommen habe. Seitdem gebe ich mein Bestes, um den Platz nicht mehr herzugeben.

Union statt auf hohe Bälle mehr auf spielerischen Lösungen. Kommt Ihnen das entgegen?

Ich habe beide Spielstile sehr gerne, aber ist es ein bisschen einfacher, wenn du den Ball laufen lassen kannst. Letztes Jahr hast du den Ball auf Seb (Stürmer Sebastian Andersson, Anm.d.Red.) gespielt und bist dann 30 Meter zurück und dann 50 Meter nach vorne gesprintet.

Bei Hertha haben nach dem Punktgewinn in Leverkusen alle vom guten Gefühl, mit dem sie ins Derby gehen, gesprochen. Sie haben 2:0 gegen Frankfurt geführt, 2:3 hinten gelegen und noch 3:3 gespielt – was für ein Gefühl herrscht denn bei Union vor?

Am Anfang hätte ich gesagt, dass wir traurig sind, weil wir keine drei Punkte geholt haben, aber wir waren zeitweise nicht gut und wenn du am Ende nach einem Rückstand wiederkommst ist das für uns ein Fingerzeig, dass wir Vieles richtigmachen. Vergangenes Jahr hätten wir das Spiel 2:3 verloren und uns gefragt warum nur. In dieser Saison macht Max noch das Tor und wir gehen mit einem Punkt aus dem Spiel.

Sie haben Max Kruse angesprochen. Wie erleben Sie ihn auf und neben dem Platz?

Die Qualität, die hat er schon Jahre und hat sie gezeigt, egal wo er gespielt hat. Er war nicht umsonst Nationalspieler. Im Moment profitiert er von uns und wir von ihm. Die Lockerheit, die er mitbringt, und die der Club hat, sind für ihn super. So funktioniert Max und wenn er so weitermacht, werde ich nie etwas gegen ihn sagen.

Es gibt nun natürlich aufgrund des Tabellenplatzes die Diskussionen um Europa. Wie sehen Sie das Thema?

Wir gucken auf die Tabelle, wo wir stehen. Aber eigentlich nur, weil wir drei Mannschaften hinter uns lassen wollen.  Das ist das Ziel. Es wäre dumm, andere zu haben als dieses