Um die Jahrtausendwende herum galt Volker Zerbe als eine Art Uwe Seeler des Handballs. Der wurfgewaltigste Rückraumschütze, den Deutschland je gehabt hat, ist in Lemgo geboren und aufgewachsen, hat in der Stadt geheiratet und seine Kinder großgezogen, in der Bundesliga ausschließlich für den TBV gespielt und seine Heimat nur zum Urlaub oder für Auswärtsfahrten im Mannschaftsbus verlassen. Und nun steht der heute 45-Jährige mit einem Spiel für die 2. Mannschaft der Füchse Berlin im Internet.
"Das ist köstlich, vor allem über die zwei dahinter könnte ich laut lachen", freut sich Zerbe. "Das hat Spaß gemacht, aber es wird eine Einmaligkeit bleiben", legt er fest. "Das war im Januar - oder sogar schon voriges Jahr, ich weiß gar nicht mehr genau." Es war im November, und das ansonsten in leerer Halle ausgetragene Pokalspiel hatte durch das Mitwirken des Europameisters mehr als 150 Zuschauer angelockt. "Zweimal aufs Tor geworfen, einen Treffer - ich war zufrieden", erinnert sich der Akteur.
Jedenfalls hat das aus einem Spaß heraus geborene Comeback Freude gemacht. "Wir haben ja eine Traditionsmannschaft, Alte Herren, und da werde ich jetzt immer mal mitmischen. Wenn Zeit ist", schiebt Volker Zerbe vorsichtig nach, denn seit dem Pokalspiel an jenem 27. November war die noch nicht vorhanden. Die Füchse sind im Dauerstress, spielen derzeit durch Europapokal und Meisterschaft immer zweimal die Woche. Und am Mittwoch in der Bundesliga ausgerechnet wieder gegen den TBV Lemgo.
"Ich bin hundert Prozent Berliner", versichert der gebürtige Lipperländer dazu ernst. "Da habe ich eine profihafte Einstellung. Ich arbeite für die Füchse, auch wenn ich beim TBV noch alle Spieler kenne, mit einigen sogar zusammen auf der Platte stand und die meisten selbst mit einem Vertrag ausgestattet habe. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr." Dass er seinen Verein wegen unhaltbarer Vorwürfe vor zwei Jahren im Streit verließ, erwähnt er ungern. "Das tut noch weh, aber ich denke nicht mehr so oft daran. Auch hier heilt die Zeit die Wunden." Seine starken Familienbande und ärztliche Hilfe wegen einer monatelangen Burnout-Krankheit haben über die schwerste Krise hinweg geholfen.
Nun ist Volker Zerbe, der Ur-Lemgoer, Berliner mit Leib und Seele, auch wenn die enge Verbindung zur geliebten heimatlichen Scholle immer wieder durchdringt. Auch das neue Auto trägt noch das Kennzeichen LIP fürs Lipperland. "Doch als zweite Buchstabenkombination folgt FB für Füchse Berlin", erklärt er die Verbindung. Auch die Bleibe in der Hauptstadt hat er sich so gesucht, dass sie an das beschauliche Lemgo erinnert. "Ein paar hundert Meter bis zur Halle. Das ist ideal mit dem Rad zu meistern", weist er aus dem Fenster Richtung Sportforum Hohenschönhausen, die Trainingsstätte der Füchse.
"Ich hätte ja nicht gedacht, dass Berlin so grün ist", staunt Zerbe immer noch. "Das ist nicht nur der große Moloch, sondern das sind viele kleine Kieze, in denen man sich wohlfühlen kann. Und die Stadt bietet so unheimlich viel Abwechslung", schwärmt er. Deswegen pendelt seine Frau immer häufiger vom eigenen Haus in Lemgo, das die beiden erwachsenen Töchter hüten, an die Spree, um die kulturellen Vorzüge der Großstadt zu genießen. Wenn es die Zeit ihres Mannes erlaubt.
Doch die ist in der Saison für einen Sportkoordinator knapp bemessen. Da assistiert er nicht nur Cheftrainer Dagur Sigurdsson, trainiert selbst die B-Jugend des Vereins, kontrolliert und optimiert die Verflechtungen zwischen den Jugendmannschaften und dem Profiteam. Als gelernter Bankkaufmann und am wirtschaftlichen Geschehen hoch interessierter Experte ist er auch auf der Geschäftsstelle der Füchse am Gendarmenmarkt ein gefragter Ratgeber. "Zahlen, Wirtschaft, Börse - das ist immer noch mein Hobby", gibt Zerbe zu. Selbst in den langen Jahren seiner Profikarriere hat er sich nie ausschließlich mit dem Handball beschäftigt. "Ich brauchte auch etwas für den Kopf. Und außerdem bin ich ein vorsichtiger und konservativer Mensch. Schließlich kann mit dem Sport irgendwann plötzlich Schluss sein", begründet er seine langjährige Anstellung bei der Sparkasse Lemgo, wo der Nationalspieler 18 Stunden die Woche arbeitete. "Finanziell ist Handball nicht Fußball, wo ein Nationalspieler nach seiner Karriere ausgesorgt hat."
Die Ankunft in Berlin vor acht Monaten erleichterte die Tatsache, dass er die beiden Protagonisten der Füchse sehr gut kannte. "Bob Hanning war in der Nationalmannschaft einige Zeit mein Co-Trainer, wir saßen zusammen viele Jahre im Bundesliga-Präsidium", nennt er die Verbindung zum Manager und Vater des hauptstädtischen Handball-Lebens. Mit Trainer Dagur Sigurdsson hat sich Zerbe auf dem Feld manches Duell in der Bundesliga und in der Nationalmannschaft geliefert. "Dagur war immer ein Spieler, der die feine Klinge bevorzugte. Das ist auch meine Philosophie", schwärmt der Sportkoordinator noch heute vom Stil des Isländers.
Das liest sich in Zerbes Statistik zwar anders, doch den Bundesliga-Rekord von 1018 Strafminuten interpretiert der 2,11 Meter große Rückraumspieler auf seine Weise. "Ich weiß, ich saß fast 17 Stunden meiner Punktspiele auf der Strafbank. Aber ich war nie unfair, wusste mich aber zu wehren", erklärt der früher als Abwehrspezialist geltende Linkshänder. Lachend schiebt er nach: "Heute würde ich sagen: Die Strafminuten waren fast alle ungerecht." Dass er bei seinen 1977 Toren in der Bundesliga auch nicht immer fein attackiert wurde, soll dabei nur am Rande erwähnt werden. Bis auf einmal, da griff gar keiner ein - da traf er beim Siebenmeter. "Ich stehe zwar mit drei Siebenmetern in der Statistik. Das ist aber falsch. Ich habe nur einmal geworden - und den getroffen. Das war im Auswärtsspiel beim VfL Fredenbeck deshalb, weil vorher fünf andere ihre Strafwürfe vergeben hatten."
Ob Volker Zerbe noch einmal zur Ausführung an den Siebenmeterpunkt tritt, ist nicht gesichert. Vielleicht in der Traditionsmannschaft der Alten Herren, möglich. Keinesfalls in der zweiten Füchse-Mannschaft. Und sicher nicht gegen den TBV Lemgo.

Zu Besuch bei Volker Zerbe

Volker Zerbe wurde am 30. Juni 1968 in Lemgo geboren, begann mit neun Jahren beim TV und wechselte später zum Ortsrivalen TBV. Der 2,11 m große und damals immer 97 Kilo schwere Linkshänder warf in 586 Bundesligaspielen 1977 Tore, spielte 284-mal für Deutschland (777 Tore). Bei Olympia 2004 und der WM 2003 holte er Silber, wurde 2004 Europameister, Deutscher Meister 1997 und 2003, dreimal Pokalsieger, holte zwei Europapokale. Seit 22 Jahren mit Petra verheiratet hat das Paar die Töchter Jacqueline (21) und Denise (19).