Jürgen Nöldner war ein Großer des DDR-Fußballs – in der Auswahlmannschaft, beim ASK und Vorwärts Berlin sowie kurz auch in Frankfurt (Oder). Jetzt ist er am 21. November im Alter von 81 Jahren verstorben. Nach Dixie Dörner, Joachim Streich und Bernd Bransch hat der Ost-Fußball damit im Jahr 2022 den nächsten seiner alten Stars verloren
Den Jungen aus Berlin-Lichtenberg nannten alle nur „Kuppe“. Im Berliner Jargon heißt das soviel wie „großer Bruder“. Und für viele jüngere Fußballer war er das auch. In den 60-er Jahren galt der begabte Linksfuß Jürgen Nöldner als begnadeter Mittelfeldspieler und Stürmer. 30 Länderspiele für die DDR absolvierte er, gewann mit der gesamtdeutschen Auswahl 1964 Olympia-Bronze. Und hinsichtlich der Oberligaspiele (285) und -tore (90) konnte ihm bei den Armee-Fußballern von ASK und FC Vorwärts Berlin keiner so richtig das Wasser reichen.

Jürgen Nöldner war für die „Bild“ der „Fritz Walter des Ostens“

Er prägte die erfolgreichste Epoche. Fünfmal wurde er mit der Mannschaft Meister. Er spielte mit Köpfchen, traf mit demselben aber kaum einmal ins gegnerische Netz und rannte keinem aussichtslosen Ball hinterher. Aber als Spielmacher und Vollstrecker stand er immer am richtigen Fleck, um „tödliche“ Pässe zu schlagen oder selbst Tore zu machen.
Jürgen Nöldner (22.2.1941 - †21.11.2022)
Jürgen Nöldner (22.2.1941 - †21.11.2022)
© Foto: Christian Schrödter/imago
Der Fußballer Nöldner machte fast alles mit links, buchstäblich. "Ein gutes linkes Bein ist besser als zwei schlechte rechte", hat er gern in Anlehnung an das Bonmot von Ferenc Puskás gesagt. Rief einer „Hallo Puskás“, drehte sich Nöldner immer unwillkürlich um. Puskás war ein begnadeter ungarischer Fußballspieler, der für Honved Budapest und später für Real Madrid spielte. Fans und Journalisten hatten Nöldner wegen seiner technischen Fertigkeiten den Spitznamen „Puskas der DDR“ verliehen. Die „Bild“ nannte Nöldner „den Fritz Walter des Ostens“, aber erstens „hat das bei uns keiner gelesen“ - und zweitens war Nöldner halt Nöldner.
Der war aber auch ein Sturkopf. Als die Berliner 1971 wegen eines politischen Ränkespiels nach Frankfurt (Oder) verlegt werden sollten, stellte er sich bockig, wurde als Kapitän abgelöst. „Ich glaube, dass Erich Mückenberger, damaliger SED-Chef des Bezirkes Frankfurt, Druck machte, um eine Oberligamannschaft zu bekommen“, erinnerte sich Nöldner zu seinem 80. Geburtstag. „Die tägliche Bus-Pendelei und den Umzug mache ich nicht mit“, war damals sein klarer Bescheid, und so ließ er als erst 31-Jähriger schnell seine aktive Laufbahn ausklingen. Er wusste: „Die glanzvolle Ära des technisch anspruchsvollen Fußballs der gelb-roten Füchse ist vorbei.“ Er sollte Recht behalten.

Nöldner arbeitete beim „Sportecho“, der „fuwo“ und dem „Kicker“

Später war „Kuppe“ Nöldner Sportjournalist. Er war es mit Leib und Seele – ab 1973 beim „Sportecho“, dann als Chefredakteur bei der „fuwo“ und ab 1990 im Berliner Büro beim „kicker“, der in seiner Würdigung folgendes Bonmot erzählt: „Nöldner ließ in seinem Arbeitsvertrag den üblichen Passus streichen, dass er auch an anderen Redaktions-Standorten eingesetzt werden kann – und die Probezeit gleich mit. Es war seine einzige Bedingung, und der kicker akzeptierte sie, weil er wusste, dass sich kein Besserer finden ließe für die Berichterstattung über den Fußball im Osten.“ „Wenn ich jemanden kritisiert habe, konnte keiner kommen und sagen: 'Der Nöldner hat keine Ahnung'", sagte er.
Seinen Kiez in Lichtenberg hat er nur zu Dienstreisen und Urlauben mit seiner Ehefrau Heidi, mit der er 47 Jahre zusammen war, verlassen. Dann ging es nach Florida und an die Algarve, zum Fußball, oft zum heutigen Berlinligisten Sparta Lichtenberg, seinem Heimatverein. Jetzt ist er 81-jährig in Berlin gestorben. „An jedem ersten Freitag im Dezember eines Jahres treffen sich alle Überlebenden der einstigen Vorwärts-Mannschaft“, erzählte Nöldner einmal. Sie werden jetzt ohne ihren „Kuppe“ auskommen müssen.