Irreparable Schäden befürchten Ludger de Wendt und Hippolyt Hertel für den Nachwuchs der Ruppin Tigers. Im Gespräch mit Matthias Haack sagen sie, dass die Pandemie tiefe Spuren in der Psyche und Physis hinterlassen wird. Die Entscheidungsträger in der Politik seien weiterhin zu träge, so ihre Kritik.

Ihr habt im März noch berichtet, dass die Coaches zumindest über Zoom-Meetings Kontakt zu den  Kids halten. Es scheint aber, dass auch diese Möglichkeit immer weniger in Anspruch genommen wird.

Ludger de Wendt:  Ja, jetzt brechen die letzten Strukturen zusammen. Von den fast 40 Kindern haben sich für die vergangenen Zoom-Meetings nur noch drei oder vier Kinder angemeldet.
Hippolyt Hertel: Die Kinder sind einfach müde. Sie müssen diese Online-Schulangebote machen und sie wollen und können einfach nicht mehr online ihre Beziehungen regeln. Die Kids brechen uns zusammen. Sie sind verzweifelt und haben keine Kraft für diese Dauer-Isolation.
Ludger de Wendt: Es wurde schon so oft angesprochen: den Kids fehlt die Perspektive. Wozu sollen sie sich noch mit uns online treffen, wenn eh keine Spiele stattfinden werden?

Das klingt nach viel Frust!

Ludger de Wendt: Ein Beispiel: Wir haben zwei Spieler, die massive Essstörungen entwickelt haben. Die Eltern sitzen weinend bei uns und wissen nicht mehr weiter. Aber die Kids wollen nichts mehr hören. Ständig wird erzählt, es ändert sich was, aber dieser zerstörerische Wahnsinn geht einfach immer weiter. Es ist so zum Verzweifeln.

Das klingt sehr bedrückend, was ihr als auf die Jugend ausgerichtete Sportgruppe schluckt. Habt ihr eine Idee, wie ihr dieser riesigen Herausforderung begegnen könnt?

Ludger de Wendt: Es gibt erste Ansätze, das Jugendamt zu beteiligen. Wir sehen ja eine politisch verschuldete Kindeswohlgefährdung und hoffen, dass das Jugendamt den Kindern hilft. Aber auch wenn die Mitarbeiter des Jugendamtes noch so engagiert und fachlich kompetent sind – am Ende werden die Entscheidungen woanders getroffen. Wir wissen nicht mehr weiter, wenn dieser Weg auch ins Leere führt.
Hippolyt Hertel: Der Schaden, den die Kinderseelen nehmen, ist nicht mehr reparabel. Sie haben das Vertrauen in die Entscheidungskompetenz der Erwachsenen-Welt verloren. Und sie erleben unsere Unfähigkeit, dieser Sinnlosigkeit irgendwie zu begegnen. Sie nehmen eine Welt wahr, in der niemand mehr handlungsfähig ist – außer Politiker.
Ludger de Wendt: Diese Wahrnehmung ist sehr realitätsnah. Wir haben soviel auf Selbstwirksamkeit gesetzt, darauf, dass die Kids im Sport aber auch im Alltag als Individuen groß werden. Im Training nahmen immer mehr pädagogische Ansätze Einfluss. All das ist jetzt in Luft aufgelöst. Selbstwirksamkeit ist eine zerstörte Illusion.

Viele setzen darauf, dass mit höheren Temperaturen zumindest wieder Outdoor-Sport möglich ist. Denkt ihr, dass die Kids zurückkommen aufs Footballfeld?

Hippolyt Hertel: Zumindest hoffen wir das. Aber die Kids werden für immer von dieser albtraumhaften Erfahrung geprägt sein. Das ist ein Erbe, für das keiner die Verantwortung übernimmt, aber Millionen Kinder prägt.
Ludger de Wendt: Kinderseelen heilen nicht einfach so. Kinder können solche massiven und sinnlosen Unterdrückungs-Erfahrungen nicht einfach wegdrücken. Wir werden alles daran setzen, unsere Kids zu begleiten. Aber jeder weitere Tag bringt irreparablen Schaden an jedem einzelnen Kind mit sich. Daher unser erneuter Aufruf: Beendet diese Isolation unserer Kinder. Gebt den Kids Luft zum Atmen, sie ersticken.