Diskus mit Robert Harting
Knappe wird 1985 in Cottbus geboren und entdeckt seine Leidenschaft für Sport schon früh – zunächst in der Leichtathletik. Mit 13 Jahren trainiert er gemeinsam mit dem späteren Weltmeister im Diskuswurf, Robert Harting. Schon damals seine große Liebe: Energie Cottbus. Jeden Sonnabend ist er im Stadion, stimmt so lange in die Fangesänge ein, bis er heiser ist. "Das hat meine Stimme geschult", sagt er heute. Knappe wechselt von der Leichtathletik zum Fußball. Auch hier beweist er großes Talent, wird noch im gleichen Jahr für die Sportschule von Hertha BSC gescoutet – wo er gemeinsam mit Jerome und Kevin Prince Boateng trainiert.
Knappe kann sich im harten Geschäft der zahlreichen Nachwuchs-Hoffnungen durchsetzen und ist auf gutem Weg in Richtung Profi-Karriere. Er schafft es sogar in die U17-Nationalmannschaft. Gemeinsam übrigens mit einem gewissen Marten Laciny – der heute unter dem Namen Materia einer der bekanntesten Deutsch-Rapper ist. Keiner der beiden hätte wohl damals gedacht, dass sie einen ähnlichen Lebensweg einschlagen – abseits vom Fußball.
Denn mit 18 Jahren, als Knappe auf dem Sprung in den Männerbereich ist, schlägt das Schicksal für den Jungen, dessen Leben bislang gut nach Plan verlaufen ist, so richtig hart zu. Knappe zieht sich einen Kreuzbandriss zu, muss lange pausieren. "Genau in dieser Phase war das richtig schlecht. Danach habe ich nie mehr so richtig den Anschluss geschafft", erinnert er sich zurück. Und es kommt noch dicker: Der Cottbuser, der inzwischen in Berlin zu Hause ist, rasselt auch noch durch sein Abitur. "Das war schon eine richtig blöde Situation. Alle deine Freunde, mit denen du jahrelang gelernt hast, bekommen ihr Abitur und du stehst da, ohne Abi und mit einer Verletzung, die deine Fußball-Träume zerstört hat."
Casting als Chance
Doch im Augenblick der Verzweiflung bietet sich die nächste Chance. Knappe kommt auf dem Heimweg der Abiturfeier am Cottbuser Altmarkt vorbei, wo gerade ein Casting für Sänger stattfindet. Spontan macht er mit, kann den zweiten Platz ergattern und wird von einem Berliner Produzenten angesprochen, der ihn ermutigt, mit der Musik weiter zu machen.
Doch bis es klappt, ist es ein harter Weg. "Ich habe mit verschiedenen Bands gearbeitet, aber der richtige Erfolg blieb aus", schildert der 35-Jährige seine damalige Situation. Um sich über Wasser zu halten, nimmt er so ziemlich jeden Job an, den er kriegen kann. "Ich habe als DJ auf 80sten Geburtstagen aufgelegt oder auch mal im Stripclub, habe sogar in der Geisterbahn gearbeitet", berichtet er. "Ich war auf der Suche nach meinem musikalischen Ich."
Seine Teilnahme an dem Musikformat "X-Factor" beim Fernsehsender VOX endet unrühmlich. Dort bringt es der Cottbusser ziemlich weit, hat gleichzeitig aber noch ein anderes Musikprojekt. Er entscheidet sich zunächst gegen X-Faktor und gibt einen Kreuzbandriss als Grund an, auszusteigen. Doch das andere Projekt scheitert. Knappe kehrt zu X-Faktor zurück und legt einen Auftritt mit angeblichem Kreuzbandriss hin. Als er seine Lüge eingesteht, wird er beim nächsten Auftritt von Juror Till Brönner nicht weiter gewählt.
Vor sieben Jahren kommt er dann endlich, der musikalische Erfolg. Mit seinem selbst geschrieben Song "Sing mich nach Hause" wird Knappe einem breiteren Publikum bekannt. Seitdem hat sich viel getan. "Ich habe einen Produzenten gefunden, habe mein eigenes Orchester und meine eigene Sendung bei BB-Radio, die immer Donnerstags um 21 Uhr läuft und in der ich schon Künstler wie Tim Bendzko, Adel Tavil und Anett Humpe zu Gast hatte". Knappe spielt mit seiner Band als Vorgruppe für "A-ha" auf deren Unplugged Tour vor tausenden Zuschauern, komponiert dafür die Ballade "Du", die 3,5 Millionen mal bei Youtube angeklickt wird. Sein letztes Album "Ohne Chaos keine Lieder" schafft es bis auf Platz sechs der deutschen Album-Charts. Sein Live-Album "Musik an. Welt aus" nimmt er 2019 gemeinsam mit dem philharmonischen Orchester des Staatstheaters Cottbus auf. "Aber ich bin noch auf der Suche nach dem einen Song, der alle Rechnungen bezahlt", sagt er lachend.
Hymne für die große Liebe
Dem Fußball ist Knappe immer noch verbunden. Er komponierte nicht nur eine Hymne für seinen Heimatverein Energie Cottbus, die bei jedem Spiel erklingt, er ist auch selbst noch aktiv. Nach einem Gastspiel beim Brandenburgligisten SV Falkensee-Finkenkrug hat es ihn in den Barnim verschlagen, wo er in der Kreisoberliga für die SG Einheit Zepernick als Stürmer auf dem Platz steht. Und das mit einer guten Quote. In zwölf Spielen konnte er elf Treffer erzielen, liegt damit auf Platz sechs im Torjäger-Ranking der Liga. "Für mich ist der Amateurfußball ganz wichtig. Das erdet einen total. Denn hier interessiert es keinen großartig, was ich beruflich mache", sagt er. Jedenfalls meistens. "Du Hafensänger oder ähnliche Sprüche kommen da schonmal, aber das ist ok."
Auf dem Platz polarisiert Knappe. "Alexander hat einen unfassbaren Ehrgeiz", sagt sein Trainer Dirk Opitz. "Egal, ob im Training oder im Spiel – er will immer gewinnen und gibt immer 100 Prozent." Wenn im Training die Mitspieler nicht mitziehen, dann kann es auch schonmal scheppern. Das nehmen ihm seine Teamkollegen aber nicht übel, schließlich wissen sie, dass er auch durch sein Können überzeugt, denn technisch ist er immer noch einer der Besten. Dass seine Mannschaft seit der Corona-Zwangspause auf Platz eins der Liga steht, hat man unter anderem ihm zu verdanken.
Auch musikalisch hat Knappe seine Mannschaftkollegen überzeugt. "Bei uns läuft in der Kabine oft Ganster-Rap, das kommt durch unsere vielen Spieler aus Berlin", berichtet Dirk Opitz. "Aber immer öfter läuft auch die Musik von Alex. Da schnappt sich dann auch schonmal einer einen Besenstil als Mikro und singt mit."
Niemals den Kopf in den Sand stecken, diese Haltung hat sich der 35-Jährige auch in den für Künstler so schwierigen Zeiten auf die Fahnen geschrieben. "Für mein tägliches Leben hat sich gar nicht so viel geändert. Ich bin es gewohnt, unstrukturiert zu arbeiten. Für viele Menschen ist es eine sehr schwierige Zeit momentan, aber ich sehe es auch als Chance. Bei Gegenwind fliegt man am Besten." Die Menschen, findet er, hätten jetzt viel Zeit, sich mit den wesentlichen Dingen des Lebens zu beschäftigen. "Die Welt ist so schnelllebig geworden. Wenn man heute am Freitag ein neues Album rausbringt, interessiert das eine Woche später schon keinen mehr." Jetzt habe man Zeit, innezuhalten.
Der Musiker wollte seinen Beitrag leisten, spielte in seiner Heimat Cottbus Konzerte vor dem Altenheim, in dem sein Opa lebt, vor einem Kinderheim und einem Krankenhaus. "Wir haben das nicht so angekündigt, weil wir nicht wollten, dass da so viele Menschen kommen, aber es kam sehr gut an." Er spielte ein Benefizkonzert für ein Kinderhospiz, bei dem Fans via Paypal spenden konnten. 2200 Euro kamen so zusammen. Sein nächstes Projekt: Ein Konzert für ein Gasthaus in Brandenburg, das ebenfalls durch die Krise vor dem Aus steht.
Abgesagt werden musste gerade das für den 15. August geplante Benefizkonzert für Energie Cottbus, bei dem im vergangenen Jahr neben Knappe auch Culcha Cundela und Keimzeit am Start waren und das 50 000 Euro in die Vereinskasse spülte. Aber auch da haben Knappe und seine Mitstreiter schon eine Idee. "Wir wollen das größte Autokino-Festival der Welt veranstalten." Der Starttermin am 5. Mai steht noch nicht ganz fest, aber dann kann sich der Sänger neben Konzerten auch Boxkämpfe, Gottesdienste oder Jugendfeiern in einem Lausitzer Autokino vorstellen.
Daneben macht er weiter regelmäßig Sport, um in Form zu bleiben. Langweilig wird dem 35-Jährigen nie. "Ich entwickele gerade ein Fitnessprogramm, das via Facebook oder als App gestreamt werden kann", kündigt Knappe an. Mit der für viele so schwierigen Motivation hat er kein Problem. "Wichtig ist, dass man immer ein Ziel vor Augen hat, ob es Verbesserung der Gesundheit, Gewichtsabnahme oder wie bei mir das Fußballspiel am Wochenende ist oder dass ich im Konzert auch mal mein T-Shirt ausziehen kann."
Weitere Corona-Beschäftigungen: "Ich lerne Taschenspieler-Tricks, das fand ich früher immer faszinierend." Daneben übt er, mit fünf Bällen zu jonglieren und Klavier zu spielen.
Das Ding nach Hause fahren
Vor allem hofft der Deutschpop-Sänger aber auch, dass die Fußball-Saison bald wieder losgeht. "Ich bin dafür, das Ding nach Hause zu fahren und die Saison zu Ende zu spielen. Bei allen sportlichen Alternativen – die fußball-spezifische Vorbereitung fehlt allen. Beim Profi-Fußball hängen viele Existenzen dran und für viele Menschen ist Fußball sehr wichtig. Das kann man ihnen gerade jetzt nicht nehmen."