Allein die Leistungen der beiden Schlussmänner ließen das Fußballherz am Freitagabend höher schlagen. Was Dennis Tietz von der SG Union Klosterfelde und Sabri Vaizov vom MSV Neuruppin boten, war herausragend für Sechstliga-Niveau. 85 Minuten stand es auch wegen der famosen Keeper torlos, dann vollendeten die Neuruppiner nach einem Standard und ein zweites Mal mit einem Konter (90.+1) zum 0:2-Endstand.
Die Lobeshymnen wirken lassen, das ist okay für Tietz und Vaizov. Sie stehen lassen, das nicht. Nicht unkommentiert. „Wir wussten ja, dass Neuruppin eine starke Offensive hat und wollten Nadelstiche setzen“, beschreibt der Unioner Schlussmann den Matchplan. Mehr noch: Seine Elf stellte drei Defensivreihen, die höchst aufmerksam und fleißig agierten. Zwei vor Tietz, die letzte bildete er. Nur er. Seine durchaus als sehr offensiv bezeichnete Rolle „kann man als Libero bezeichnen“, sagt der 30-Jährige. „Unser Plan ist, dass ich im Rücken der Abwehr die Pässe wegnehme, die durchkommen.“ Gegen den MSV „putzte“ Dennis Tietz zwar nicht häufig „aus“, weil die Gäste im letzten Drittel des Spielfeldes nur wenig Raum zur Entfaltung bekamen. Aber wenn die Lücke von den Neuruppinern entdeckt wurde, entschärfte plötzlich der Keeper 15, 16 oder mehr Meter vor seiner Torlinie die Situation.

Eckbälle sind gut getreten

Das funktionierte lange Zeit glänzend, bis eine der MSV-Ecken zum Rückstand führte. Tietz selbstkritisch: „Die sind schon gut getreten, weg vom Tor gedreht, vielleicht hätte ich den Ball wegnehmen können. Aber insgesamt müssen wir uns da besser organisieren.“ Beim zweiten Gegentor traf ihn keine Mitschuld. Seine Mannschaft drückte auf den Ausgleich und fing sich einen Konter ein, den Conrado Prudente abschloss.
0:2 gegen einen Meisterschaftsfavoriten und diesen 85 Minuten vergeblich anrennen lassen – „Es gibt nicht viel zu meckern“, analysiert Dennis Tietz. „Nur unsere Chancenverwertung. Daher stehen wir am Ende leider mit leeren Händen da. Man muss aber ehrlich sein, etwas Glück hatten wir. Wenn Prudente das frühe Tor macht, dann geht das hier ganz anders aus.“ Er spielte auf eine der so genannten 100-prozentigen Chancen an, die der MSV-Torjäger nach zwei Minuten vergab. Letztlich aber beeindruckte Union zum einen mit bärenstarkem Verschieben und zum anderen mit mannschaftsdienlichem Rackern. Keeper Tietz zum Saisonziel des Staffelzwölften der abgebrochenen Saison (davor Achter): „Es soll ein einstelliger Tabellenplatz werden. Auf jeden Fall wollen wir nicht in die Abstiegszone geraten und dann mal schauen, was noch geht.“

450 Minuten ohne Gegentor

Seine Serie hält und hält und hält. Und doch ist sie so unwichtig wie blitzblanke Kleidung bei einem Fußballer. Seit fünf Partien steht die Null beim MSV Neuruppin. Dreimal in der Saison 2019/2020, einmal im Pokal in Zeuthen und nun in Klosterfelde. Das zeugt von beeindruckender Arbeit vor und im Strafraum. Auf 450 Minuten summiert sich die gegentorfreie Zeit in Pflichtspielen für Sabri Vaizov. Keine neue Situation für den 28-Jährigen. „In der 1. Liga in Bulgarien hatte ich schon mal acht Spiele in Folge ohne Tor. Nur“, manifestiert er ganz fest: „Das mag wunderbar sein, mich interessiert so etwas nicht. Es geht nur mit der Mannschaft um den Sieg.“
Mehrfach hatten Zuschauer, 320 waren es auf der schmucken, von Flutlicht beleuchteten Anlage, und Spieler am Freitag bereits den Torschrei auf den Lippen. Doch an Sabri Vaizov war kein Vorbeikommen. Er parierte so sensationell wie einst Handball-Ikone Andreas Thiel. Der Torwart bekam wegen seiner außergewöhnlichen Reflexe den Beinamen Hexer verpasst.
Union-Trainer Norman Jechow über die phänomenalen Rettungstaten von Vaizov: „Unglaublich, wie der plötzlich mit einer Windmühlen-Parade das Ding hält.“ Gemeint ist eine von zwei packenden Szenen nach dem Klosterfelder Rückstand und vor dem 0:2. Die zweite Aktion wie vom anderen Stern umschreibt Jechow so: „Das war noch krasser, als der Kumpel sich da auf seiner Torlinie auf den Ball setzte und ihn ausbrüten wollte.“ MSV-Coach Henry Bloch nicht ohne Stolz: „Heute sah man, warum man einen solchen Torwart braucht.“ Vaizov verteilt das Lob sogleich: „Unsere Dreierkette mit zwei ganz jungen Leuten und Kevin Blumenthal zentral steht. Ich fühle mich sehr wohl dahinter.“

Angebot von Drittligist

Vaizov lagen im Sommer Angebote von Regionalligisten und einem Drittligisten vor. Er entschied sich gegen den Wechsel und fürs Bleiben in Neuruppin. Ehemals mit einem Marktwert von 100.000 Euro versehen, richtet er heute seinen Blick eher aufs Familiäre. Zwei Personen spielen eine herausragende Rolle: Seine Frau Dominika und Christian Stölke. „Er ist der Grund, warum ich zum MSV gekommen bin. Er ist der Grund, warum ich bleibe.“ Stölke ist Vorstandsmitglied und gilt als Strippenzieher fürs soziale Umfeld der Mannschaft und speziell des ausländischen Quintetts. Neben Vaizov schnüren die Bulgaren Yulian Vladimirov und Dimitar Milushev sowie die beiden Brasilianer Conrado Prudente und Gabriel Machado die Töppen für Neuruppin. Auch ihr hehres Ziel lautet Aufstieg in die Oberliga.
Dem ordnet der Modellathlet alles unter. Er gilt als Extrem-Trainierer, für den die Sprungkraft oberste Priorität hat. Er springt aus dem Stand 1,70 Meter. Nach oben, wohlgemerkt. An guten Tagen kommt der Hüne auf 50 Wiederholungen. Auf drei Säulen basiert diese Dynamik in seinen Beinen: Gesund Essen, mehrfach täglich trainieren und psychische Ausgeglichenheit. „Ich kann mich nur wiederholen“, betont Saizov, „ohne Stölli wäre das nicht so.“

Ein dreckiger Auftaktsieg

Die erste Aufgabe (32 Punktspiele bis 19. Juni 2021) ist mit dem Dreier bei Klosterfelde gelöst, wenn es auch „ein dreckiger Sieg“ war, wie Sabri Vaizov einschätzt. „Man muss eben auch Geduld haben.“ Auf Nachfrage gesteht er, dass er zum Saisonstart im Zwiespalt gestanden hatte: Entweder das Spiel in Klosterfelde oder zeitgleich die Hochzeit seines Bruders in Bulgarien. „Ich habe mich bei ihm entschuldigt und muss gestehen, dass mir noch immer zum Weinen ist. Aber Job ist eben Job. Der MSV ist meine Mannschaft.“