Die Bilder dürften auf viele Fans des 1. FC Union Berlin geradezu verstörend wirken: Julian Ryerson hat seine Ausstiegsklausel gezogen und trägt jetzt Schwarz-Gelb. Ryerson trägt nicht mehr das Köpenick-typische Rot-Weiß der Eisernen. Wie steckt Union Berlin den überraschenden Abschied des Defensivallrounders weg? Das ist die spannende Frage vor dem Wiederbeginn der Fußball-Bundesliga mit dem Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim am Samstag (15.30 Uhr).
Trainer Urs Fischer versuchte bei der Pressekonferenz am Donnerstag, die Akte Julian Ryerson so schnell wie möglich zu schließen. „Ich gratuliere Borussia Dortmund. Sie haben einen guten Außenverteidiger geholt“, sagte Fischer und räumte ein: „Uns passt das natürlich überhaupt nicht. Aber so ist das Geschäft. Es ist vorbei – Julian ist nicht mehr bei uns. Es gilt jetzt, das Beste daraus zu machen.“
Spieler weg, Akte zu? Verständlich aus Sicht von Urs Fischer – aber in der Praxis gar nicht so einfach. Denn Julian Ryerson war bei Union Berlin nicht nur dritter Kapitän, sondern ein absoluter Mentalitätsspieler. Laufstark, beißt sich in den Zweikämpfen am Gegner fest und ist ungemein ehrgeizig – der 25 Jahre alte Nationalspieler aus Norwegen verkörpert viele ureigenen Union-Tugenden. Darüber hinaus ist Ryerson in der Defensive auf mehreren Positionen einsetzbar. Er bearbeitet wahlweise die rechte oder linke Außenbahn und kann bei Bedarf sogar in der Innenverteidigung sowie im defensiven Mittelfeld auflaufen. Außerdem kommen seine Flanken meistens zuverlässig im Sturmzentrum an. Größere Formschwankungen? Sind nicht bekannt.
Und, auch das ist schmerzhaft für die Union-Fanseele: Ryerson war einer der wenigen, noch verbliebenen Aufstiegshelden von 2019. Er war ein Jahr zuvor gemeinsam mit Trainer Urs Fischer zu den Eisernen gewechselt. Aus dem Aufstiegsteam sind jetzt nur noch Kapitän Christopher Trimmel und der dritte Torhüter Jakob Busk übriggeblieben. Auch Union Berlin muss also konstatieren: Sportlicher Erfolg lässt sich zumindest innerhalb der Mannschaft nur selten mit personeller Kontinuität verknüpfen. Und mit Sentimentalitäten übrigens noch viel weniger.

Julian Ryerson verlässt Union Berlin

Im Fall von Julian Ryerson wurde Union Berlin vom plötzlichen Abschied sogar regelrecht überrascht, erklärte Fischer und gab zumindest einen kleinen Einblick in seine Gefühlswelt. Manager Oliver Ruhnert habe ihn vor dem Überbringen der Ryerson-Nachricht gefragt, ob er sitze, so Fischer: „Wir wurden wirklich überrascht. Es schmerzt. Aber es ist Teil des Geschäfts, dass größere Vereine kommen und Spieler wegkaufen. Auch wir verpflichten ja Spieler, es ist ein Kreislauf.“
Der Abschied von Julian Ryerson nach viereinhalb Jahren in Köpenick entzieht der Mannschaft einen wichtigen Leistungsträger und damit ein gehöriges Stück Energie bei der bevorstehenden Dreifach-Belastung in der Bundesliga, im DFB-Pokal und in der Europa League. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute Nachricht lautet: Die Eisernen haben mittlerweile Erfahrung im Umgang mit schmerzhaften Abschieden.
Genau vor einem Jahr im Januar zog Max Kruse zum VfL Wolfsburg weiter. Grischa Prömel wechselte im Sommer zur TSG Hoffenheim. Davor Robert Andrich zu Bayer Leverkusen, Marvin Friedrich zu Borussia Mönchengladbach. Alle diese Abschiede waren ebenfalls schmerzhaft, weil es sich durchweg um Leistungsträger handelte. Sie alle waren Schlüsselspieler im Konzept von Trainer Urs Fischer – genau wie bis Dienstag auch Julian Ryerson.

Union Berlin will Ersatz holen

Und trotzdem: Die Eisernen als aktueller Tabellenfünfter spielen ihre bislang beste Saison in der Bundesliga. Es liegt also die Vermutung nahe, dass Union Berlin die fünf Millionen Euro Ablöse für Julian Ryerson auch diesmal wieder sinnvoll einsetzen wird. Kein Wunder, dass die ersten Namen von möglichen Nachfolgern bereits in der Gerüchteküche gehandelt werden. Felix Passlack zum Beispiel, der beim BVB nach der Ryerson-Verpflichtung noch weniger Einsatzzeit als ohnehin schon bekommen dürfte. Es gilt als beschlossene Sache, dass das BVB-Urgestein den Verein spätestens im Sommer verlassen muss. Führt der Weg von Passlack jetzt nach Berlin-Köpenick? Auch Kingsley Schindler vom 1. FC Köln und Onur Bulut (Kayserispor) gelten laut des Internetportals sport-90.de als mögliche Optionen. Allerdings darf man bei Union-Manager Oliver Ruhnert auch immer auf Überraschungen gespannt sein.
„Wir werden sicher versuchen, Julian zu ersetzen. Aber es wird kein Schnellschuss sein. Wir müssen überzeugt sein“, sagte Fischer zwei Tage vor dem Spiel in Hoffenheim. Am Samstag dürfte erst einmal Niko Gießelmann die Position von Ryerson einnehmen.