Siegtorschütze Emil Forsberg wusste gar nicht, wohin mit den ganzen Glücksgefühlen und strahlte in jede Kamera. Andras Schäfer dagegen rannten die Tränen über das Gesicht. „Der Treffer in der Nachspielzeit – das ist ein unglaubliches Gefühl. So ein Gefühl bekommst du nicht im richtigen Leben, sondern nur im Fußball“, erklärte Forsberg. Schäfer dagegen dürfte sich gedacht haben: Mein lieber Fußball, manchmal kannst du ein ganz schöner Mistkerl sein!

Forsberg trifft für RB Leipzig

Forsberg und Schäfer waren die Hauptdarsteller jener Szene, die der 1. FC Union Berlin jetzt so schnell wie möglich verarbeiten muss – auch wenn das nicht einfach werden dürfte. Bis zur allerletzten Minute der Nachspielzeit durften die Eisernen aus Köpenick am Mittwochabend vom Endspiel im DFB-Pokal träumen. Dann stieg Forsberg in der ausverkauften Red-Bull-Arena in die Luft, gewann das Duell gegen Schäfer und köpfte zum 2:1-Siegtreffer für RB Leipzig ein.
„Wir haben die letzte Aktion nicht gut verteidigt. Es ist bitter, wenn du so ausscheidest“, erklärte Union-Trainer Urs Fischer. Aber so sei das eben im Fussball, ergänzte der Schweizer. Und auch er hatte dabei vermutlich für einen Moment das Wort Mistkerl im Kopf. Öffentlich aussprechen würde Fischer so ein Wort natürlich nie im Leben. Er sagte stattdessen: „Das Leben geht weiter.“
Für Union Berlin und seine Fans wird es ein Leben mit der größten Enttäuschung in der jüngeren Vereinsgeschichte. Seit 2019 ging es für den Club aus Köpenick fast ausschließlich nach oben. Aufstieg in die Bundesliga, Sprung in den internationalen Wettbewerb – Union Berlin hatte viel zu feiern. Klar, das Aus in der europäischen Conference League im Dezember tat kurzzeitig weh. Dass die Eisernen überhaupt an diesem Wettbewerb teilnehmen durften, war aber allein schon ein großer Erfolg.

Brutales Aus für Union Berlin

Das Aus von Leipzig fühlt sich jedoch anders an. Brutaler – weil in diesem Halbfinale mehr möglich war. „Wenn du in allerletzter Minute das entscheidende Tor kriegst, ist das eine große Enttäuschung“, räumte Kapitän Christopher Trimmel ein. Auch bei Rani Khedira herrschte „Enttäuschung pur“. Zumal die Chance auf den Gewinn des DFB-Pokals schon lange nicht mehr so groß war wie in dieser Saison. Weil Bayern München und Borussia Dortmund, die normalerweise den Pott unter sich ausspielen, frühzeitig aus dem Wettbewerb geflogen sind.

Frankfurt

Dabei hat der 1. FC Union auch am Mittwochabend in Leipzig vieles richtig gemacht. In der 1. Halbzeit ließen die Eisernen die spielstarken Gastgeber nie wirklich auf Touren kommen und gingen nach einem schönen Konter in der 25. Minute durch Sheraldo Becker in Führung. Genau genommen machte Union nur zwei wirkliche Fehler in diesem Halbfinale. Nach gut einer Stunde stieg Paul Jaeckel dem Leipziger Christopher Nkunku im Strafraum recht ungeschickt auf die Füße. Den fälligen Strafstoß verwandelte André Silva zum 1:1-Ausgleich (61.). Den zweiten Fehler machte Union in der Nachspielzeit. Schäfer war zu zaghaft, Forsberg zu wuchtig – danach entluden sich der Jubel bei RB Leipzig und die Enttäuschung bei Union Berlin.
Die Spieler von Union Berlin bedankten sich nach dem Schlusspfiff in Leipzig bei den rund 8000 mitgereisten Fans.
Die Spieler von Union Berlin bedankten sich nach dem Schlusspfiff in Leipzig bei den rund 8000 mitgereisten Fans.
© Foto: Christian Modla/dpa

Stolz bei Union Berlin

In die Enttäuschung mischte jedoch auch Stolz auf eine starke Pokalsaison. Und auch Stolz auf die eigenen Anhänger. Etwa 8000 Fans sorgten für eine tolle Auswärts-Stimmung. „Wir hätten unseren Fans gern das Endspiel geschenkt“, meinte Rani Khedira.
Fußballer flüchten sich in solchen Momenten der Enttäuschung gern in Floskeln. Abhaken, Blick nach vorn und so weiter. Im Fall von Union Berlin dürfte das nicht so einfach werden. Denn beim Blick nach vorn wartet – schon wieder RB Leipzig. Die Eisernen und Andras Schäfer müssen am Samstag am 31. Spieltag der Fußball-Bundesliga erneut in Leipzig ran. Also erneut in jenem Stadion, in dem am Mittwoch die Tränen flossen. Manchmal können eben auch die Ansetzungen im Fußball ein Mistkerl sein.