Ist es möglich, schon nach sieben Partien aufzusteigen? Und dies, obwohl die Saison 32 Punktspiele umfassen sollte! Ja – in Zeiten von Corona scheint nichts undenkbar. Wohlklingender kommentiert Henry Bloch, Trainer beim MSV Neuruppin, diesen einmaligen Fall. „Das ist historisch, was uns ermöglicht wird.“
Uns, das ist die erste Herren-Mannschaft des Vereins, der schon im ersten Jahr nach Ausbruch der Pandemie ein Bonbon bekam. Vor einem Jahr hatte der MSV Neuruppin II die Saison als Tabellenerster der Kreisoberliga beendet. Eiche Weisen bekam als Zweitplatzierter, dank der Quotientenregel, den Aufstiegsplatz zur Landesklasse zugesprochen. Die Neuruppiner stellten beim Landesverband einen Härtefall-Antrag.  Darauf angesprochen, erklärte MSV-II-Trainer Gunnar Reblin: „Da muss ich etwas weiter ausholen.“ Nur zu!

Die zweite Mannschaft ist Bindeglied zwischen erster und den Junioren

„Wir haben unseren Antrag stichhaltig begründet.“ Darin sei es weniger um den Verlust des ersten Platzes infolge der angewendeten Quotientenregel gegangen, „obwohl das natürlich bitter war. Vielmehr haben wir das Argument der Nachhaltigkeit angeführt“, so Reblin, „im Sinne der Förderung der hoch talentierten U23-Spieler im Kader sowie der nachhaltigen Jugendarbeit.“ Die zweite Mannschaft sollte nicht als alleinstehendes Team betrachtet werden, sondern als wichtiges Rädchen im gesamten Fußballkonzept des Vereins, sozusagen als Bindeglied zwischen Jugend und erster Mannschaft, fügt der Coach an. „Wir waren auf das Wohlwollen des Verbandes angewiesen, wollten aber in dieser außergewöhnlichen Konstellation und Situation nichts unversucht lassen“, blickt Gunnar Reblin zurück.
Lange Zeit regte sich nichts, bis das Präsidium des FLB die ähnlich gelagerten Anträge von mehreren Vereinen positiv beschied. „Klar waren wir alle happy, als der positive Bescheid kam“, so Reblin. Ziel sei es immer gewesen, die zweite Männermannschaft wieder auf Landesebene anzusiedeln. Stichwort Unterbau für das Brandenburgliga-Team mit Perspektive Oberliga und Auffangbecken für die Junioren aus der Brandenburgliga. „Die Durchlässigkeit sollte immer gegeben sein“, so Reblin. Da sind sich auch alle Trainer, ob Erste, Zweite oder A-Jugend, einig. „Es liegt an den Spielern selbst“, betont Gunnar Reblin. „Wenn sie den Anspruch haben, ganz oben anzukommen, müssen sie auch den nötigen Willen zeigen. Es haben viele Jungs ihre Chance bekommen. Und wenn sie es nicht wollen oder zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht können, sei es wegen Arbeit, Studium und sonstigen Gründen, dann können sie dennoch auf hohem Niveau beim MSV Fußball spielen.“ Und das auf Dauer.

Nachhaltigkeit ist Grundlage für den Erfolg

Gunnar Reblin: „Da sind wir wieder bei der Nachhaltigkeit.“ Die Voraussetzungen, dieses Team auf Landesebene zu halten und weiterzuentwickeln – mit Blick auf die Landesliga – , sei beim MSV sicher weitaus besser als anderswo. Eine gegensätzliche Entwicklung, wo auf einen sportlichen Höhenflug schnell auch wieder der Absturz, mit teils gravierenden Folgen für den Verein, einsetzte, war in jüngster Vergangenheit nicht nur in Ruppiner Gefilden des Öfteren eingetreten. „Leider viel zu oft“, bedauert Gunnar Reblin. Der MSV II schlug sich nach dem Aufstieg beachtlich in der Landesklasse und kommt nun immerhin als Tabellenfünfter aus der abgebrochenen Saison.
Auch die erste Mannschaft des MSV Neuruppin hatte zum Abbruch in dieser Saison eine Elf vor sich: den 1. FC Frankfurt. Die Quotientenregel griff. Folge: Der MSV ist Erster, Frankfurt Zweiter. Mehr noch: Auch der brandenburgische Landesverband sprang auf den Zug auf, in dem die anderen fünf Sportverbände unterm Dach des Nordostdeutschen Fußballverbandes (NOFV) saßen. Jeweils einem Verein pro Landesverband wurde das Recht eingeräumt, im Fall des Falles in die Oberliga aufzusteigen. Das war ohnehin Bestandteil der Wettspielanweisungen.

MSV ist dreimal in Folge auf Platz zwei

Nachdem beinahe alle nationalen Gremien von spielleitenden Organen zwischen Bundesliga und Kreisklasse eine Corona-geprägte Lösung für Auf- und Abstieg gefunden haben, rang sich auch der NOFV dazu für die Oberliga durch. Das Ergebnis der Präsidiumssitzung vom vorigen Freitag: Zu den sechs Neulingen von unten wird der MSV zählen.
Über mehrere Jahre hatten die Neuruppiner ihr Ziel Aufstieg verfolgt, waren in den letzten sechs Serien nie schlechter als auf Platz sechs in der höchsten Spielklasse des Landes gekommen. Es drohte nun sogar der Pseudo-Titel des „Ewigen Zweiten“. Dreimal in Folge, doch letztlich nach dem dritten ernsthaften Angriff zielführend: Kein Landesmeister, aber nach lediglich einem Vierteljahr Spielzeit Fünftligist. Den Mannen von Henry Bloch kann der „Ewige Zweite“ egal sein.

Mahlsdorf, Freital, Wernigerode und Gera ohne Niederlage

Historische Marken setzen auch die anderen Aufsteiger zur Oberliga: Der FC Mecklenburg Schwerin (Mecklenburg-Vorpommern) kassierte in seinen acht Partien zwei Niederlagen. Eintracht Mahlsdorf wurde in elf Partien nie bezwungen, nur einmal ließ der Berlin-Erste mit dem 1:1 bei Wilmersdorf zwei Punkte liegen. Einheit Wernigerode (Sachsen-Anhalt) verlor in zehn Spielen mit zwei Remis nie, FC Freital (Sachsen) in sieben Spielen ebenso nicht (ein Remis), und auch Wismut Gera holte bis auf zwei Unentschieden in neun Spielen in der Thüringenliga alle Zähler.
Mehr zu Corona und den Folgen in Brandenburg und Berlin gibt es auf unserer Themenseite.

Stimmen der Konkurrenz


Torsten Thiel, Trainer TuS Sachenhausen: „Erst einmal Glückwunsch an den MSV. Der Verein hat den Aufstieg gewollt und den eigenen Kader dementsprechend verstärkt. Ob es im Verlauf einer kompletten Saison gereicht hätte, ist trotzdem nicht zu beurteilen. Die Konstellation ist für mich zumindest diskussionswürdig. Dies aber auch in anderen Spielklassen mit Auf- und Abstieg, und nicht nur in der Brandenburgliga. Ich kann es aber auch verstehen, dass es für die Funktionäre in den vergangenen Wochen nicht einfach war. Sie werden sich schon Tag und Nacht den Kopf zermartert haben. Die Entscheidung, wieder Landespokal fortgeführt wird, ist aber auch für mich fraglich. Die unterklassigen Vereine haben es sich sportlich erkämpft. Nun sind sie beschnitten worden. Das gilt auch für den MSV. Neuruppin traue ich es aber nun auf jeden Fall zu, in der Oberliga zu bestehen. Von den Strukturen her hat der Verein optimale Bedingungen dafür, dort zu spielen. Dafür sind diese Strukturen schon das Nonplusultra. Ein Neuruppiner Aufstieg ist vielleicht sogar gar nicht so schlecht für uns. Auch in der kommenden Saison wäre dem MSV eine sehr gute Rolle in der Brandenburgliga zuzutrauen gewesen. Jetzt haben wir möglicherweise einen starken Konkurrenten weniger.“

Manager Ronny Erdmann: „Für mich ist das in Neuruppin weit und breit das schönste Stadion. Die Voraussetzungen, die der MSV hat, wünscht sich natürlich jeder. Das hat sich der Verein natürlich selbst erarbeitet. Die Mannschaft hat natürlich das Potenzial, eine Klasse höher zu spielen und war in der Brandenburgliga sowieso der Favorit. Da kann man aus Zehdenick nur Glückwünsche aussprechen. Letztlich ist es für die anderen, die oben gestanden haben, vielleicht etwas ärgerlich, dass es so geregelt wurde. Die tun mir in dem Fall ein wenig leid. Ich glaube sagen zu können, dass es der MSV wohl auch so geschafft hätte, weil die Mannschaft die Qualität dafür hat. Was drumherum passiert, sieht man ja. Es ist schon erste Klasse, was dort abgeht. Es ist schon sehr geil gewesen, mit unserer Mannschaft dort Fußball zu spielen. Schade, dass es nur in einer Halbserie war.“