Der Name von Sami Khedira stand bei Pal Dardai schon an der Taktiktafel, bevor der Hertha-Trainer vom Rücktritt des Ex-Weltmeisters erfuhr. „Sami wird von Anfang an spielen“, sagte der Chefcoach vor dem Bundesligafinale am 22. Mai bei der TSG Hoffenheim. Ein Geschenk an den 34-Jährigen, der seine Profilaufbahn nach Abpfiff beenden wird, soll das keineswegs sein. „Wir sind sehr froh, dass er hier gewesen ist. Der Sportler und der Mensch Khedira haben Großartiges geleistet, dafür bedanken wir uns“, sagte Dardai am Donnerstag.

Sami Khedira kämpft mit den Tränen

Nicht mal einen Tag zuvor hatte der frühere Nationalspieler viele mit der Ankündigung geschockt zurückzutreten. Ein Weltmeister wird zum Weltenbummler: Rio-Champion Sami Khedira dann sucht erstmal ein bisschen Abstand vom Fußball. „Ich bin dann erstmal raus“, sagte Khedira am 19 Mai. Statt der Hatz von Spiel zu Spiel will der 34-Jährige nun privat auf Reisen gehen. „Ich werde kein richtiges Zuhause haben. Ich werde viele Dinge machen, die ich als aktiver Sportler nicht machen konnte“, sagte Khedira, der bei der Verkündung sichtlich mit seinen Emotionen kämpfen musste. Erst nach einigen Momenten gewann er wieder seine Fassung. „Ich kann nicht mehr das erfüllen, was ich selber von mir verlange“, sagte Khedira.

„15 Jahre Profifußball haben ihre Spuren hinterlassen“

Wenige Stunden nachdem für seine einstigen Weltmeister-Kollegen Thomas Müller und Mats Hummels die Rückkehr in die Nationalmannschaft verkündet wurde, zog Khedira einen Schlussstrich. Der Zeitpunkt war ungewöhnlich, aber eine große Überraschung war es nicht. Khedira hörte einfach auf seinen Körper und zog die Konsequenzen. „Es fällt mir unwahrscheinlich schwer. 15 Jahre Profifußball haben ihre Spuren hinterlassen. Ich bin der felsenfesten Überzeugung, dass es die richtige Entscheidung ist. Der Schmerz ist zwar sehr, sehr groß, aber am Ende überwiegt Dankbarkeit“, sagte Khedira.

Triumph im Maracana - Fußball-Weltmeister

„Mission KLASSENERHALT, vollendet!“. Mit diesen Worten hatte der Schwabe am Wochenende noch den Ligaverbleib mit den Berlinern in den sozialen Netzwerken gefeiert. Seine eigene Mission in der Hauptstadt ist nach vier Monaten schon wieder beendet. Zuletzt machte die Wade mehrmals Probleme. Wie vor dem WM-Finale 2014 gegen Argentinien, als er kurz vor dem Anpfiff passen musste. Der Triumph im Maracana war dennoch Höhepunkt einer großen Karriere, samt Titelgewinnen mit dem VfB Stuttgart, Real Madrid und Juventus Turin.

In Südafrika Ersatzmann für Ballack

Das Turnier in Brasilien überhaupt erreicht zu haben, war eine große Energieleistung. Sieben Monate zuvor schien ein Kreuzbandriss einen WM-Start auszuschließen. Der Mittelfeld-Stratege kämpfte sich zurück. 2010 war sein Fußball-Stern bei der WM in Südafrika international aufgegangen, als Ersatzmann des verletzten Michael Ballack. Es folgte der Wechsel aus dem Ländle zu Real Madrid, wo er 2014 kurz vor dem WM-Triumph auch Champions-League-Sieger wurde.

Fitnessproblem und Verletzungsrisiko

In der Nationalmannschaft war schon nach dem Russland-Debakel 2018 nach 77 Länderspielen Schluss. Bundestrainer Joachim Löw holte ihn nicht zurück. Etwas mehr als 300 Minuten spielte Khedira nun nur für die Hertha. In acht von 14 möglichen Partien war er dabei. Die volle Distanz stand er nie auf dem Platz. Fitnessproblem und Verletzungsrisiko, das waren schon die Argumente der Zweifler, als Khedira im Winter in die Hauptstadt kam. In Turin hatte er in eineinhalb Jahren nur einmal gespielt, nachdem er sich unter anderem einer Herzoperation unterziehen musste.

Hertha BSC hätte gerne mit Khedira verlängert

„Ich hätte gerne über eine weitere Zukunft mit ihm gesprochen, dazu kam es leider nicht. Er hat großen Anteil daran, dass wir den Klassenerhalt geschafft haben“, sagte Sportdirektor Arne Friedrich. Zwar konnte Khedira aufgrund von Verletzungen nicht so oft auf dem Rasen stehen wie gewünscht, trotzdem trug er zum Erfolg bei. „Sami ist einer der professionellsten Sportler und Fußballer, die ich so miterlebt habe. Er hat jeden Tag alles gegeben“, sagte Friedrich.
Von Trainer Pal Dardai gab es viel Lob für das Kurzzeit-Engagement im schwierigen Hertha-Umfeld. „Sportlich konnte er nicht viel helfen, aber die Sache, in der Kabine viele Dinge zu regeln, da war nicht nur sein Name weltklasse. Das war eine große Hilfe“, sagte der Hertha-Coach. Schon bei seiner Präsentation Anfang Februar hatte Khedira gesagt: „Ich werde auf jeden Fall meine ganze Energie, mein ganzes Wissen sowie mein ganzes sportliches Repertoire einfließen lassen, um die nächsten Spiele erfolgreich zu gestalten.“

Kein Plädoyer für Dardai

Die Zukunftsplanungen überlässt er aber anderen. „Ich habe kein Mitspracherecht, was die Neuausrichtung betrifft, deswegen möchte ich mich daran nicht beteiligen“, sagte Khedira deutlich und wollte ausdrücklich kein Plädoyer für Dardai halten. Noch ist nicht klar, ob der 45-Jährige über den Sommer hinaus Chefcoach bleibt. „Pal hat die Mannschaft erreicht und aufgeweckt. Er war hart, er war lieb, er war absolut der richtige Trainer“, sagte Khedira: „Ich kann sagen, dass ich mit Pal unheimlich gerne zusammengearbeitet habe.“

Letztes Spiel gegen Hoffenheim

Der künftige Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic sei „eine Bereicherung für Hertha BSC, er wird hier vieles bewirken mit seinem Team“, sagte Khedira. Er selbst kann nicht mehr helfen, den „Big City Club“ nach Europa zu führen. Trotzdem sagte er: „Ich habe tolle Teamkameraden erleben dürfen. Ich hatte eine unheimlich tolle Zeit hier. Nach dem Startelf-Einsatz in der Partie gegen Hoffenheim ist Khediras Karriere vorbei.