Stell dir vor, du heißt Peter und dein neuer Chef nennt dich aber konsequent Michael. Oder aber dein Chef nennt dich einfach nur kurz und bündig: Mitarbeiter. Das ist zwar nicht falsch, klingt aber auch nicht sonderlich charmant.

Nils Petersen und Energie Cottbus

Nils Petersen kennt dieses seltsam anmutende Gefühl. Der Bundesliga-Stürmer vom SC Freiburg wurde während seiner Zeit beim FC Energie Cottbus von seinem neuen Trainer Bojan Prasnikar zunächst immer Jens statt Nils genannt, weil sich der Slowene den Vornamen des damaligen Jungstürmers partout nicht merken konnte.
In etwa so dürfte sich am Samstag auch ein junger Spieler von Hertha BSC bei seinem Bundesliga-Debüt im Hauptstadt-Derby gegen den 1. FC Union Berlin (1:4) gefühlt haben. Denn auch Hertha-Trainer Felix Magath hatte ganz offenkundig so seine Probleme mit dem Namen des jungen Mannes. Deshalb nannte Magath ihn in den Interviews rund um das Derby einfach konsequent den „linken Verteidiger“. Bereits vor dem Anpfiff hatte Magath im Sky-Interview eingeräumt: „Ich kenne ihn ja auch nicht. Er hat ja nur zweimal mittrainiert. Er hat mich beeindruckt. Er hat diese Mentalität, dass er mutig ist, dass er gierig ist nach dem Ball. So einen Spieler mit Energie und Vorwärtsdrang brauchen wir.“
Der junge Mitarbeiter heißt übrigens Julian Eitschberger, ist 18 Jahre alt und spielt – das sei zur Ehrenrettung von Magath erwähnt – normalerweise in der U19-Mannschaft von Hertha BSC. Und er war am Samstag auf dem Rasen des Olympiastadions einer der wenigen Berlin-Brandenburger in den beiden Derby-Teams. Ausgebildet wurde Eitschberger beim FSV Forst Borgsdorf im Landkreis Oberhavel. Er hat kürzlich seinen ersten Profivertrag bei Hertha BSC unterschrieben, der ab 1. Juli 2023 gilt.

Union Berlin feiert Stadtmeisterschaft

Es gab am Samstag viele laute Geschichten rund um das Hauptstadt-Derby im ausverkauften Olympiastadion. Die enthusiastisch gefeierte Stadtmeisterschaft der Eisernen aus Köpenick zum Beispiel. Oder die viel diskutierte Demütigung der Hertha-Profis durch die eigenen Anhänger, indem die Spieler ihre Trikots ausziehen und vor der Fankurve ablegen mussten.
Und es gab da eben auch noch diese leise Geschichte um den „linken Verteidiger“. Dabei ist Julian Eitschberger eigentlich rechter Verteidiger. Wegen der Personalnot bei Hertha BSC musste er jedoch bei seinem Debüt auf der anderen Seite aushelfen. Das machte die Aufgabe für den Youngster nicht gerade leichter. Union-Kapitän Christopher Trimmel rauschte auf seiner Seite immer wieder unaufhaltsam in Richtung Grundlinie. Vor allem auf den Außenbahnen hatten die Gäste aus Köpenick deutliche Geschwindigkeitsvorteile.
Das lag aber nicht in erster Linie an Julian Eitschberger, sondern an der mangelhaften Organisation der gesamten Mannschaft. Angriff über den Flügel, Flanke, Kopfball, Tor – Hertha BSC ist derzeit leicht ausrechenbar.
Im Trikot von Energie Cottbus war Nils Petersen in der Saison 2010/11 Torschützenkönig der 2. Liga.
Im Trikot von Energie Cottbus war Nils Petersen in der Saison 2010/11 Torschützenkönig der 2. Liga.
© Foto: Thomas Eisenhuth

Bundesliga-Debüt für Julian Eitschberger

Beim Führungstor von Union Berlin kam Eitschberger einen Tick zu spät in den Zweikampf mit Genki Haraguchi und konnte dessen Kopfball nicht verhindern. Trainer Felix Magath zeigte sich nachsichtig. „Der linke Verteidiger“, so Magath nach dem Spiel, habe seine Sache „trotzdem ordentlich gemacht. Dass er beim ersten Tor nicht eingreifen kann, würde ich ihm nicht ankreiden“.
Nach 45 Minuten war das Bundesliga-Debüt von Julian Eitschberger beendet. Die 2. Halbzeit des Derbys verfolgte er von der Bank aus. Mut machen sollte ihm die Tatsache, dass auch Nils Petersen damals bei Energie Cottbus eine gewisse Anlaufzeit brauchte, ehe er in der Lausitz zum Torschützenkönig der 2. Liga in der Saison 2010/11 avancierte. Danach wechselte er zum FC Bayern München.
Heute ist Nils „Jens“ Petersen übrigens längst eine Bundesliga-Legende. Beim SC Freiburg ist Petersen der Edel-Joker schlechthin, der am liebsten als Einwechselspieler trifft. Am Sonntag schoss er die Breisgauer zum 2:1-Sieg bei Eintracht Frankfurt – natürlich als Einwechsler. Und es ist nicht auszuschließen, dass sein damaliger Trainer Bojan Prasnikar zu Hause in Slowenien kurz geschmunzelt und gedacht hat: Ach, der Jens.