Erst zehn Jahre ist es her, dassdie Märkische Oderzeitung titelte: "Erstmals Behinderten-WM und diese mit Schwedter Teilnehmern!" Gerhard Bowitzky vom Verein Wassersport PCK erinnert sich noch genau: "Im Herbst davor hatte der damalige Vize und nun schon langjährige Präsident des Kanuverbandes, Thomas Konitzko, zu einem Workshop unter dem Motto ‚Sports for all’ nach Duisburg eingeladen. Mit ABM-Mitarbeiterin Gu­drun Bartels fuhr ich dorthin. Als Konitzko im Frühjahr drauf dann bei uns im Wassersportzentrum war und die Schwedter für die Teilnahme an der WM-Premiere im August in Poznan gewinnen wollte, erntete er viel Skepsis", erzählt der 64-Jährige, der im April 2002 bei einem schweren Motorradunfall ein Bein verlor, nicht zuletzt dank vieler Trainingseinheiten zurück ins Leben fand. "Mit mir kannst du nicht rechnen", lautete die erste Reaktion des damals 54-Jährigen auf Konitzkos Vorstoß. Aus "alter Freundschaft" habe er sich dann unter Anleitung von Trainer Fred Mielke und unterstützt von Orthopädietechniker Ingolf Hentsch ins Boot gesetzt.
WM-Start bringt eine Silbermedaille
Bowitzky, der mit Ricco Ladewig und Henry Schröder im August in Polen die Schwedter Farben vertrat, wurde Zweiter, musste nur einem 14 Jahre jüngeren Tahitianer den Vortritt lassen. Von nun an kannte sein Engagement kaum Grenzen. Und Gerhard Bowitzky ist bis heute der Motor bei den Oderstädtern in Sachen Behindertensport, leitet deshalb auch nicht zufällig die Abteilung. 2012 wurde er Welt- und Europameister, 2014 bestritt er sein letztes internationales Rennen.
Begeistert schildert er die weitere Entwicklung. Die Abteilung wurde 2011 offiziell bei Wassersport PCK ins Leben gerufen, kümmerte sich zunächst um körperlich behinderte Kanuten. "Ein gutes Jahr später sind wir dann mit dreieinhalb Hanseln in München bei der bundesweiten Regatta gestartet. Ich werde nie vergessen, dass wir unseren Jörn Franke, der eigentlich nur als Begleiter und Zuschauer mitgekommen war, auf einen vakanten Platz im Vierer setzten und er dann tatsächlich eine Goldmedaille gewann."
"Zwei Jahre später in Düsseldorf haben wir schon alles in Grund und Boden gefahren", erinnert sich Bowitzky stolz. Längst war die Verbindung zur Lebenshilfe Uckermark und Geschäftsführerin Anke Brockmann als bis heute zuverlässige Partner geknüpft, das Sportangebot auf geistig und mehrfach Behinderte ausgedehnt. Die sogenannte "Special-Olympic-Bewegung" hatte bei den Schwedter Kanuten eine sehr präsente Heimat gefunden – hier agiert seitdem auch die führende Kraft im gesamten Bundesgebiet.
Doppel-Triumph im fernen Amerika
Und sie brachte fast folgerichtig auch mega-erfolgreiche Sportler hervor. Zum Paradebeispiel wurde Sebastian Girke, der sein Glück kaum fassen konnte, als er im Herbst 2014 die Nachricht bekam: Du fährst nächstes Jahr zu den Special- Olympic-Weltspielen nach Los Angeles! "Basti hat sich überall durchgesetzt. Er ist mitunter sechs, sieben Rennen bei einer Regatta gefahren und hat alle gewonnen. Er war sogar der Grund, dass sich der Verband irgendwann Startbeschränkungen einfallen ließ. Und er hat sich auch von zwei Disqualifikationen bei den nationalen Spielen nicht aus der Bahn bringen lassen", lobt Bowitzky.
Im Sommer 2015 wurde Girke zum großen Special-Olympic-Helden. "Wenn einer Stadt so etwas Gutes widerfährt, dann ist dies auf jeden Fall einen Eintrag ins Goldene Buch wert. Du hast unsere Sportstadt hervorragend in den USA vertreten", sagte Bürgermeister Jürgen Polzehl, als die Lebenshilfe-Wohngruppe ihrem Sebastian, der mit zwei Goldmedaillen geschmückt aus Kalifornien zurückgekehrt war, eine überraschende Willkommens-Party ausrichtete. Über 200 und 500 Meter hatte sich der 18-jährige Oderstädter im Einer-Kajak jeweils den ersten Platz gesichert – und formulierte einen spontanen Wunsch: "Ich möchte mal so berühmt werden wie Kanu-Olympiasieger Sebastian Brendel."
Würdige Nachfolger in arabischer Hitze
Wie dieser oder auch SchwimmerinBritta Steffen und Turner Philipp Boy steht er nun für immer im Goldenen Buch der Stadt, hat wie sie Olympia erlebt. Sebastian und Sebastian sind inzwischen gute Freunde, der Special-Olympionike besuchte sein Vorbild mehrfach in Potsdam. Anders als Brendel wird er allerdings – wenn sich die deutschen Regularien nicht ändern – keine weiteren Weltspiele erleben, denn der Sportverband will möglichst vielen Aktiven dieses Erlebnis ermöglichen und gestattet deshalb (bislang) nur eine einmalige Teilnahme.
Doch dies hindert Sebastian Girkenicht daran, sich weiterhin intensiv seinem Sport zu widmen – inzwischen auch als Übungsleiter-Assistent und sogar als Athletensprecher des Doppelverbandes Berlin/Brandenburg. Sportlich hat er im Verein längst großartige Nachfolger gefunden. Die nächsten Special-Olympics fanden 2019 in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Staaten statt. Diesmal war gleich ein Schwedter Trio dabei: Jan Eichler startete mit seinem (nichtbehinderten) sogenannten Unified-Partner im Zweier und holte Silber. Der ganz helle Stern aber leuchtete über Leona Johs. 7500 Athleten aus 190 Ländern hatten sich zumbuntenSportarten-Mix versammelt. Die Skyline von Dubai bildete die Ku-lisse für beeindruckende Kanuwettbewerbe. Sebastian Girke und Gerhard Bowitzky durften sie als Zuschauer miterleben. Und Leona Johs legte mit ihrer Berliner Zweier-Partnerin gleich mal einen Start-Ziel-Sieg über 200 Meter hin.
Es folgte ein emotional mitreißendes 500-m-Einer-Rennen. Leona traf auf die russische Kontrahentin Irina Egorowa, die über 200 m deutlich gewonnen hatte. Die junge Schwedterin fuhr das Rennen ihres Lebens und holte mit 1,5 Sekunden Vorsprung ihre zweite Goldmedaille. Jan Eichler fügte der Bilanz mit Silber im Einer hinter einem 20 Jahre jüngeren Litauer weiteres Edelmetall hinzu – in Schwedt gab es bei der Rückkehr also erneut viel zu feiern.
Corona-Zeit sehr schwierig für Sportler
Was für eine Entwicklung! Und sie soll, so sieht es nicht nur Gerhard Bowitzky, noch lange nicht zu Ende sein. Er selbst ist inzwischen Referent "Special Olympics" in Ludwigsburg, wo er Studenten in Sachen Sonderschulpädagogik mit den speziellen Wassersport-Angeboten vertraut macht. "Ich bin dem Kanuverband auch lange auf den Keks gegangen, was die Ausbildung spezieller Übungsleiter für Behinderten-Kanu angeht, habe sie inhaltlich auf den Weg gebracht. Die internationale Zusammenarbeit muss aber noch besser werden – mit den Nachbarn aus Polen haben wir einen Anfang gemacht. Der Weltcup in Duisburg sollte ein wichtiger Treff sein."
Damit schließt sich zunächst der Kreis. Aber aus ihm heraus werde es weitere Impulse geben, ist sich Bowitzky sicher. Ein Ziel steht dabei ganz besonders im Fokus: Die Special-Olympic-Weltspiele 2023 werden in Berlin stattfinden. "Jetzt Anfang Juni sollte es eine erste Zusammenkunft jener Kanuten geben, die vielleicht in drei Jahren zu den Teilnehmern gehören können. Wir wollen einfach diesmal ganz früh anfangen, noch besser die Stärken und Schwächen der Schützlinge herauszufinden und dann über einen langen Zeitraum gezielt daran arbeiten." Das Treffen musste erst mal aufgeschoben werden. "Wir versuchen, es im September nachzuholen."
Mit seinen Schwedter Sportlern trainiert Gerhard Bowitzky seit wenigen Tagen wieder auf dem Wasser. "Für unsere Behinderten ist diese Corona-Zeit eine besonders schwierige. Der Sport hat ihren Tages- und Wochenabläufen ja eine feste Struktur gegeben. Hier kommt kaum mal jemand zu spät, es gibt ganz stabile Trainingsgruppen. Am Telefon habe ich viele Tränen kullern gehört und oft die sehnsüchtige Frage: Wann dürfen wir endlich wieder ins Boot steigen?" Der WhatsApp-Chat sei zuletzt häufig voll gewesen von solchen und ähnlichen Nachrichten.
Sport ist zu einem wichtigen Lebensinhalt geworden. "Wir hoffen sehr, dass am 3. Oktober vielleicht mit der Langstreckenregatta über 2000 Meter doch noch ein Wettkampf in diesem Jahr stattfinden kann", sagt Bowitzky. "Das wird dann eine ganz außerordentliche Herausforderung. Aber ich weiß schon jetzt: Alle sind Feuer und Flamme!"