In einem Luxushotel am Brandenburger Tor empfängt Shriver Journalisten. Mit dabei ist Mittelstreckenläufer und Special-Olympics-Bronzmedaillengewinner Nyasha Derera. "Wir sind eine Bewegung, die soziale Veränderungen bewirken will", sagt Derera und greift damit das Motto der Spiele auf, die mehr sein wollen als eine Sportveranstaltung.
Herr Shryver, Ihre Mutter startete die Special Olympics in Ihrem Garten. Was wissen Sie noch von dieser Zeit?
Timothy Shriver: Ich war drei, vier Jahre alt und unser Garten verwandelte sich von einem Moment auf den nächsten in einen riesigen Freizeitpark. Es war ein Spielplatz mit Ponys, Volleyballnetzen und Schwimmbecken. Das Tolle an der Special-Olympics-Bewegung ist, dass sich Leute ganz natürlich kennenlernen durch Spiel und Sport. Für mich waren die Teilnehmer lustig – und sie waren meine Freunde. Damals begriff ich noch gar nicht, dass diese Menschen intellektuell eingeschränkt waren. Ich wusste nur, ich will mit ihnen spielen.
Die Idee rührt von der geistigen Behinderung Ihrer Tante, Rosemary, her. Ihre Eltern akzeptierten die Einschränkung nicht, sondern ließen sie operieren. Nach der hochriskanten und umstrittenen Operation konnte Rosemary weder laufen noch sprechen. Wie haben Sie Ihre Tante in Erinnerung?
Rosemary lebte in Wisconsin, doch sie kam vier- oder fünfmal jährlich zu uns. Sie konnte nicht gut reden oder sich schnell bewegen. Stattdessen verbrachten wir die gemeinsame Zeit, indem wir spazieren gingen und stundenlang schwammen. Sie war eine phantastische Schwimmerin. Eine viel größere Bedeutung hatte Rosemary aber für meine Mutter.
Inwiefern?
Erst in der Retrospektive ist mir klar geworden, wie sehr meine Mutter meine Tante liebte. Meine Mutter war besessen davon zu beweisen, dass Rosemary in diese Familie gehörte.
Für Ihre Großeltern war Erfolg essentiell. Während der Mahlzeiten wurden die Kinder abgefragt, am Samstag wurden sie gewogen, damit sie nicht zu dick oder zu dünn werden. Rosemary passte nicht in dieses Bild. Verfluchen Sie Ihre Großeltern manchmal für das, was sie Rosemary angetan haben?
Nein. Meine Großeltern hätten sie nach der Operation auch einfach in ein Heim abschieben können. Sie hatten die finanziellen Mittel dazu, und Ärzte empfahlen das sogar. Doch sie taten es nicht. So konnte Rosemary aufgrund ihrer Behinderung einen Einfluss auf ihre Geschwister ausüben. Auch meinen Onkel, John, hat Rosemary inspiriert. 1963 sagte er als US-Präsident in West-Berlin: "Ich bin ein Berliner". Die Worte drücken Folgendes aus: Separation ruft Leid hervor. Sie ist keine Lösung. Mein Onkel hat diese Erkenntnis aus seiner Erfahrung gewonnen. Ich glaube, dass er sie durch den Umgang mit Rosemary gelernt hat.
Inklusion statt Separation ist ein Motto der Special Olympics ...
Bei uns geht es nicht darum, der Beste zu sein. Es geht darum, das Beste zu geben. Normalerweise ruft Sport doch bei Zuschauern Aggressionen hervor. Die Fans brüllen den Schiedsrichter oder die gegnerische Mannschaft an. Das ist bei uns nicht so. Mein Vater sagte immer: "Wir sind die Spiele des Lächelns". Unsere Athleten haben einen Weg gefunden, die Aggressionen, die beim Sport entstehen, umzuwandeln.
Wie kommt das?
Unseren Athleten wurde so häufig gesagt, dass sie etwas nicht können. Jetzt pfeifen sie drauf, wenn ihnen jemand etwas nicht zutraut. Wenn ich etwa einen Menschen ohne Behinderung frage: "Lass uns Volleyball spielen", dann sagen die meisten: "Nein, lieber nicht. Ich kann das nicht gut, ich mache mich lächerlich." Unsere Athleten sagen aber: "Na klar, probiere ich es aus! Ich geb’ mein Bestes."
Zählt gewinnen gar nicht?
Doch, doch. Wenn ich unsere Athleten frage: "Was hat dir denn am besten an den Special Olympics gefallen?", sagen viele: die Medaillen. Natürlich wollen unsere Athleten gewinnen. Doch sie treten gegeneinander an mit einer Freude, die sie von Sportlern ohne Behinderung unterscheidet. Sie sind frei. Diese Freiheit können wir von ihnen lernen.
Zum ersten Mal finden die Special Olympics in Berlin statt. Warum hier?
Die letzten Olympischen Spiele in Berlin gab es im Jahr 1936... Es waren die Sommerspiele unter dem Hakenkreuz .Die Nationalsozialisten ermordeten Tausende Menschen mit geistiger Behinderung. Wir wollen mit dem Veranstaltungsort also ein Zeichen setzen. Es gibt zudem wohl keine Stadt in der Welt, die den Schmerz, den Mauern verursachen, mehr gespürt hat als Berlin. Diese Mauern herrschen teils immer noch in unseren Köpfen. Deshalb wollen wir mit dem historischen Ort eine Botschaft der Inklusion verbreiten. Wir wollen die unsichtbaren Mauern niederreißen.
Wo sehen Sie die Spiele in 50 Jahren?
Es gibt weltweit 200 bis 300 Millionen Menschen mit intellektuellen Einschränkungen. Ich möchte mindestens die Hälfte von ihnen erreichen. Bisher erreichen wir sechs Millionen. Wir stehen also am Anfang.

Special Olympics


Die Special Olympics wurden 1968 von Eunice Kennedy-Shriver, der Schwester des ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy, ins Leben gerufen. Ziel des Sportfestes war und ist es, dass Menschen mit geistiger Behinderung die Teilhabe an Sportveranstaltungen ermöglicht und ihnen Anerkennung in der Gesellschaft zuteil wird.  Die Idee kam Kennedy-Shriver durch ihre Schwester Rosemary, die geistig behindert war.

Von einem Fest im Garten der Shrivers entwickelte sich die Olympiade zur weltweit größten Sportbewegung für Menschen mit geistiger Behinderung. Heute erreicht die Bewegung sechs Millionen Athleten in 174 Ländern.

In Berlin finden die Spiele vom 16. bis 25. Juni 2023 statt. 7000 Teilnehmer werden erwartet. Der Ausrichter Special Olympics Deutschland geht davon aus, dass das Event 500 000 Fans anlocken wird. Die Athleten treten in Disziplinen wie Triathlon, Badminton und Roller Skating gegeneinander an. dot